Lebensversicherer "Keiner lässt sich gern in die Karten schauen"

Am Ende zählt, was übrig bleibt. Das gilt auch für die Lebensversicherung. Doch kaum ein Kunde versteht seinen Vertrag, noch kennt er dessen Kosten. Eine Verordnung soll die Transparenz erhöhen. Wird sie ihr Ziel erreichen? Wie viel und welche Informationen braucht der Verbraucher wirklich? Ein Interview mit dem Experten Oskar Goecke.

mm.de: Das neue Versicherungsvertragsgesetz tritt zum 1. Januar 2008 in Kraft und soll mehr Transparenz für die Kunden bringen. Der dazu entscheidende Verordnungsentwurf  wird hinter den Kulissen noch scharf verhandelt. Die Branche ist aufgebracht, spricht von verordneter Intransparenz. Vereinzelt wird erwogen, gegen die neuen Vorschriften zu klagen. Warum tut sich die deutsche Versicherungswirtschaft so schwer mit mehr Transparenz?

Goecke: Es war ja die Deutsche Vermögensberatung AG, die angedeutet hat, sie prüfe die Möglichkeit einer Klage. Wir müssen sehen, dass es sich hier um eine Vertriebsorganisation handelt, die befürchtet, künftig die Verdienste ihrer Vermittler offenlegen zu müssen. Mit Abstrichen gilt das sicherlich auch für die Versicherungswirtschaft, eine Klage aus dieser Richtung erwarte ich indes nicht. Gleichwohl lässt sich nun einmal kein Dienstleister bei seiner Tarifgestaltung gern in die Karten schauen, weder ein Strom- noch ein Versicherungskonzern.

mm.de: Sehen Sie weitere Motive für den Widerstand der Assekuranz?

Goecke: Die Lebensversicherer monieren, sie seien bei der Darstellung der Kosten gegenüber der Fondsindustrie im Wettbewerb benachteiligt. Zudem wird der Vertragsabschluss künftig von einer Papierflut begleitet. Diesen bürokratischen Aufwand möchte die Assekuranz möglichst umgehen.

mm.de: Wird der Verbraucher die Informationsflut, die künftig auf ihn zurollt, bewältigen können?

Goecke: Ich bin da skeptisch. Der Verbraucher hat bereits in der Vergangenheit viele Informationen zu seinem Vertrag erhalten, künftig werden es noch mehr. Zwar bekommt er die wichtigsten Fakten auf einem Informationsblatt ausgehändigt. Doch darüber hinaus erhält er zahlreiche weitere Informationen, etwa über Modellrechnungen und ihre Hintergründe. Ich gehe davon aus, dass sich nur die wenigsten Kunden in diese Papierflut stürzen wollen. Nolens volens werden sie in Zukunft verstärkt wieder einfach dem Versicherer vertrauen oder vertrauen müssen.

mm.de: Lebensversicherer stehen immer wieder in der Kritik, sie verschleierten ihre Kosten, die die Vertragsrendite nicht unerheblich beeinflussen können. Welche Kosten hat ein Versicherer überhaupt, die er seinen Kunden ja indirekt in Rechnung stellt?

Goecke: Die Besonderheit einer Lebensversicherung ist, dass die Beiträge der Kunden komplett in einen Topf wandern, aus dem alle Versicherungsleistungen und alle Kosten bestritten werden. Zu den Kosten zählen unter anderem jene für die Vermittlung und den Abschluss des Vertrags, für die Verwaltung und die Kapitalanlage, für die Versicherungsaufsicht aber genauso für die Absicherung des Todesfalls. Das heißt, der Kunde trägt letztlich alle Kosten, die bei einem Versicherer anfallen, und sie belasten selbstverständlich die Überschussbeteiligung.

Die wichtigste Kundeninformation ist aber aus meiner Sicht, wie effizient ein Versicherer arbeitet. Und ich glaube nicht, dass die Darstellung der eingerechneten Kosten dem Verbraucher dabei wirklich hilft. Will er herausfinden, wie gut oder wie schwach ein Anbieter wirklich ist, wird er auf Unternehmensvergleiche zum Beispiel von Ratingagenturen kaum verzichten können.

"Tatsächliche Kosten liegen oft höher"

mm.de: In der Diskussion sind immer wieder die kalkulatorischen Kosten, die in die Prämie eingerechnet werden sollen und andererseits von den tatsächlichen Kosten. Wo liegt hier der Unterschied für den Verbraucher?

Goecke: Grob dargestellt schätzt ein Versicherer zunächst einmal, was ein Vertrag kostet und kalkuliert dann auf dieser Basis die Tarife. Es kann vorkommen, dass die tatsächlichen Kosten später höher sind als die kalkulierten. Das ist regelmäßig der Fall bei den Abschlusskosten, seltener bei den laufenden Verwaltungskosten. Die einkalkulierten Kosten belasten einen Vertrag unmittelbar. Gibt es Abweichungen zu den tatsächlichen Kosten, gleicht sie der Versicherer in der Regel über die Überschussbeteiligung aus, die dann entsprechend steigt oder fällt.

mm.de: Der Verordnungsentwurf liest sich so, dass der Versicherer seine Kosten auf den einzelnen Vertrag herunterbrechen muss. Ist das so ohne Weiteres möglich?

Goecke: Nein. Wie will man zum Beispiel die Kosten für die Versicherungsaufsicht einem einzelnen Vertrag zurechnen? Selbst bei den im Fokus stehenden Vertriebskosten funktioniert das nicht. Denn neben der konkreten Provision für den Einzelvertrag gibt es mitunter Sondervergütungen für einzelne Vertriebsangehörige. Deshalb wird der Versicherer nur jene Kosten darstellen, die er auch tatsächlich in die Prämie eingerechnet hat. Das geschieht nicht willkürlich, der Aktuar muss hier nach bestimmten Standards diese Kosten ermitteln. Später kann es dann allerdings zu den besagten Unterschieden kommen.

mm.de: Fest steht, mit der Verordnung will der Gesetzgeber dem Verbraucher mehr Einblick in die Kosten seines Vertrags verschaffen. Das Unterfangen hat offenbar seine Grenzen, wie Sie erklären. Welche Kosten sollte ein Versicherer im Sinne höherer Transparenz auf jeden Fall für den Kunden darstellen?

Goecke: Den Ansatz der eingerechneten Kosten halte ich für plausibel. Darüber hinaus würde ich von meinem Versicherer gern erfahren, wie hoch die tatsächlichen Kosten denn nun ausgefallen sind. Bislang muss ich mir diese interessante Information mühsam aus Geschäftsberichten und vergleichenden Studien herausziehen. Besser wäre es, der Versicherer teilte sie aktiv und direkt an den Verbraucher adressiert mit.

mm.de: Die Pflicht zu mehr Kostentransparenz könnte den Preiswettbewerb antreiben, was ja per se nicht schlecht ist. Manche Beobachter warnen jedoch, die Anbieter würden künftig bestimmte Kosten anders darstellen, sodass sie in der Angebotsrechnung zum Vertrag nicht auftauchen. An anderer Stelle aber - etwa bei der Kapitalanlage - würden sich die Versicherer diese Kosten vom Verbraucher wieder zurückholen. Teilen Sie diese Befürchtung?

Goecke: Ja. Dabei wollte der Gesetzgeber einen schärferen Preiswettbewerb bei Lebensversicherungsprodukten eigentlich verhindern und den Leistungswettbewerb fördern. Jetzt besteht in der Tat die Gefahr, dass Anbieter die Kosten scharf kalkulieren, ihr Produkt optisch günstig halten, am Ende aber die Kosten nicht hinreichend gedeckt sind.

"Gleiche Spielregeln für alle"

mm.de: Werden damit konservativ kalkulierende Anbieter Marktanteile verlieren?

Goecke: Diese Perspektive halte ich für etwas übertrieben. Einzelne Anbieter werden sicherlich versuchen, den Wettbewerb über den Preis anzuheizen und Marktanteile zu gewinnen. Von den etablierten großen Versicherern erwarte ich das nicht. Sie werden sich auf Dumpingpreise vermutlich nicht einlassen und weiter mit ihren normalen Kostensätzen agieren, nur dass sie diese dann künftig offenlegen.

mm.de: Wir hatten das Thema anfangs gestreift: Die Branche wehrt sich vehement gegen den Plan, die Vertragskosten in Euro und Cent angeben zu müssen und besteht auf prozentuale Angaben wie in der Fondsindustrie. Halten Sie den Assekuranz-Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung für stichhaltig?

Goecke: Wenn eine Gesellschaft die Managementgebühr auf ein Prozent des verwalteten Vermögens ansetzt, dann sind das in absoluten Zahlen mitunter sehr hohe Beträge. Ich kann deshalb nachvollziehen, dass sich die Versicherer dagegen wehren, künftig ihre Kosten in Euro und Cent angeben zu müssen, die konkurrierende Fondsindustrie aber weiter mit Prozentangaben arbeiten darf.

mm.de: Handelt es sich da nicht vielmehr um psychologische Effekte?

Goecke: Sicher, aber dann sollten die psychologischen Vor- oder Nachteile für alle Vorsorgeprodukte gleichermaßen gelten. Wenn die Spielregeln für alle gleich wären, gäbe es ja nichts dagegen einzuwenden.

mm.de: Bei staatlich geförderten Riester-Policen haben Prozentangaben nicht zu mehr Transparenz geführt, weil die Anbieter eben unterschiedliche Kostenkomponenten darstellten. Sind absolute Beträge dann letztlich nicht doch die ehrlichere und damit bessere Lösung?

Goecke: Selbst wenn ein Versicherer bei den Kosten absolute Zahlen nennt, ist das mit Unsicherheit und Problemen behaftet. Manche Größen, die seine Kalkulation und damit auch die Kosten des Produkts beeinflussen, kennt er nicht. So kann er ja nur hochrechnen, wie sich zum Beispiel sein Kapital entwickelt. Es gibt eine ganze Reihe technischer Probleme in diesem Zusammenhang, die absolute Zahlen dann nicht zwingend transparenter machen.

mm.de: Sorgt die Verordnung nach dem gegenwärtigen Stand also künftig für mehr Transparenz, versetzt sie zumindest Experten in die Lage, Produkte künftig besser vergleichen zu können?

Goecke: Transparenz ist Grundvoraussetzung für einen funktionierenden Markt. Insofern ist die Verordnung sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Man muss aber bedenken, dass die Kosten einer Lebensversicherung lediglich vorläufig kalkulierte Größen darstellen.

Ob der Kunde künftig Produkte besser vergleichen kann, wage ich zu bezweifeln. Experten konnten schon in der Vergangenheit aus den Bilanzkennzahlen der Anbieter eine ganze Menge analysieren. Die zusätzlichen Informationen werden ihnen die Arbeit erleichtern und ihren Fokus erweitern.

"Neue Garantiekonstrukte kaum durchschaubar"

mm.de: Kosten allein bestimmen nicht die Leistungsfähigkeit eines Versicherers. Müsste eine Verordnung, die auf mehr Transparenz abzielt, daher nicht auch die Gewinnbeteiligungen der Branche stärker ins Visier nehmen?

Goecke: In der Tat. Die Verordnung blickt zu wenig auf die Leistungsseite eines Versicherers. Das Entscheidende ist doch, was der Anbieter seinen Kunden am Ende auszahlt. Da spielt die Überschussbeteiligung eine große Rolle - und hier fehlt es meiner Einschätzung nach an Transparenz.

Woher kommen die Überschüsse im Detail? Wo macht der Versicherer eventuell Verluste? Zu diesen Fragen erhält der Laie, der der Kunde in der Regel nun 'mal ist, kaum Informationen. Mehr Wettbewerb durch mehr Informationen auch an dieser Stelle halte ich für möglich und für hilfreich.

mm.de: Sterblichkeitsgewinne gelten nach den Zinsen aus der Kapitalanlage als wichtigste Erlösquelle der Lebensversicherer. Der Kunde erfährt darüber nichts. Ließe sich die Branche zum Beispiel in diesem Punkt zu mehr Offenheit bewegen?

Goecke: Das weiß ich nicht. Wenn sich Verbraucher dafür interessieren und diese oder andere Gewinnquellen in ihrer Wahrnehmung eine größere Rolle spielen, kann das dem Wettbewerb nur förderlich sein. Grundsätzlich ist der Kunde an allen Gewinnen zu beteiligen. Eine prozentuale Vorgabe gibt es aber lediglich bei den Zinsgewinnen. Bei anderen Erlösquellen wie Kosten- oder Risikogewinnen liegt es primär im Ermessen der Gesellschaften, wie stark sie ihre Kunden daran beteiligen. Zwar entfaltet der Markt hier einen gewissen Druck auf die Anbieter, weil sie mit einer attraktiven Gewinnbeteiligung überzeugen wollen. Doch sollte sich hier mehr bewegen, halte ich mehr Wettbewerb und mehr Transparenz für angebracht.

mm.de: Wie werden die Versicherer nun auf die erhöhten Transparenzanforderungen reagieren, wie sich das Geschäft, wie vielleicht auch die Produkte verändern?

Goecke: Wenn die Versicherer künftig ihre Kosten ausweisen müssen, werden sie hier sorgfältiger hinschauen und ihre Kostenmodelle anpassen. Wie diese Modelle aussehen können, ist noch völlig unklar. Zugleich wird die Branche nach meiner Einschätzung ihr Geschäft mit fondsgebundenen Policen verstärken, deren Kostentransparenz ich indes für stark verbesserungswürdig halte. Die Garantiekonstruktionen dieser Policen verschlingen ein enormes Geld und sind für den Kunden kaum durchschaubar. Im Ergebnis werden wir also sehr wahrscheinlich zahlreiche neue Produkte erleben, die noch viel intransparenter sind.

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