US-Wirtschaft Der Schatten des Westens

Wenn die USA in eine Rezession rutschen, zieht das US-Aktien in Mitleidenschaft. Wenn - denn vielleicht ist ja gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, in Amerika zu investieren. Ein Stimmungsbild unter Börsenprofis.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Der erste Dominostein ist gefallen. Ganz leise klickt er gegen seinen Nachbarn, der sich gleichfalls zur Seite neigt. Und fällt, dem nächsten entgegen. Stein um Stein. Langsam macht sich ein monotones Rauschen breit. Bis am Ende alles daniederliegt. So zumindest kann es laufen. Und der Beginn dazu ist gemacht.

Denn die Wohnimmobilienpreise in Teilen der USA fallen. Klick. Etliche Eigentümer können die Kredite nicht mehr zurückzahlen. Klick. Banken, die diese Kredite vergeben haben, bleiben auf diesen Darlehen sitzen. Klick. Und Investoren, die solche Kreditbündel gekauft haben, ebenso. Der US-Konsument ist daher entsprechend verunsichert. Und die Anleger auch.

"Natürlich sind alle Augen auf den US-Konsumenten gerichtet, besonders auf dessen Willen, weiter Geld auszugeben", sagt John Carey gegenüber manager-magazin.de. "Und während die Beschäftigungsrate noch positiv ist, steigt die Arbeitslosigkeit leicht an - auch wenn es nur ganz wenig ist", so der Manager des Pioneer-Fund. Und weiter: "Der hohe Ölpreis und die Nahrungsmittelkosten haben die Durchschnittsfamilie gezwickt. Und in den Abendnachrichten spricht man vom kollabierenden Dollar. Das hat das Unwohlsein erhöht."

Ein zaudernder Konsument, das weckt Rezessionsängste in den USA. Bereits vor einem Jahr mahnte die Investmentlegende George Soros, 2007 können die USA schon in die Rezession rutschen. Auch Alan Greenspan, der ehemalige Chef der US-Zentralbank warnte davor. "Fast alle Rezessionen der Geschichte beinhalteten ein Absinken der Hauspreise", schreibt Bill Miller, Manager des Legg Mason Value Fund, in einem Kommentar. "Die Wahrscheinlichkeit (einer Rezession, Anmerkung der Redaktion) liegt bei 45 Prozent." Und Carey sagt: "Das ist sicherlich möglich. Aber sicher ist das nicht."

Genau da liegt das Problem. Sicher ist das alles tatsächlich nicht. Wer an eine Rezession glaubt, hat sich vermutlich schon längst von seinen US-Aktien getrennt. Wer dagegen nur von einem langsameren Wachstum ausgeht, dürfte seine Aktienbestände bereits entsprechend aufgestockt haben.

Skeptische Verbraucher

Skeptische Verbraucher

Doch nur in der Theorie ist eine Rezession einfach zu diagnostizieren. Sie liegt vor, wenn das Wirtschaftswachstum in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen negativ ist, die Wirtschaft also schrumpft. Auf den ersten Blick ist die USA davon noch weit entfernt. Im dritten Quartal dieses Jahres wuchs die US-Wirtschaft um 3,9 Prozent, im zweiten Quartal um 3,8 Prozent und im ersten war es ein Plus von 0,6 Prozent. Es scheint also alles in Ordnung zu sein. Doch sieht man genauer hin, laufen feine Fissuren durch die US-Wirtschaft.

Tatsächlich scheint vor allem der US-Konsument so irritiert, wie die Fondsmanager es vermuten. Wuchsen dessen Konsumausgaben im ersten Quartal 2007 noch um 3,7 Prozent, waren es im Folgevierteljahr nur noch 1,4 Prozent. Im dritten Quartal lag die Quote bei 3 Prozent. Bei den "nicht dauerhaften Gütern", wie die US-Statistiker Dinge des täglichen Bedarfs nennen, war die Entwicklung im zweiten Quartal sogar negativ. Ein opakes Bild. In Deutschland wäre das nicht weiter schlimm - das Land lebt vom Export. In Amerika ist das anders. 70 Prozent der US-Wirtschaft hängen am US-Konsumenten, rechnete Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill vor wenigen Wochen vor.

Und dabei hat die US-Kreditkrise noch nicht einmal ihr wahres Ausmaß enthüllt. Denn die Darlehensverträge jener Kunden mit schwacher Bonität laufen nur zwei Jahre und müssen dann zu neuen Konditionen umfinanziert werden. Wenn die Banken dazu bereit sind. Und erst 2008 wird klar, in welchem Umfang und wie Amerikas Konsumenten mit der Situation zurande kommen. Denn der Höhepunkt der Vergabe dieser Kredite lag in den Jahren 2005 und 2006.

Reißt der US-Konsument die USA also in den Abgrund? Viele Experten winken ab. "Die außenwirtschaftliche Komponente der US-Konjunktur erweist sich gegenwärtig als eine wichtige Wachstumsstütze, die ein Gegengewicht zu den sinkenden Wohnungsbauinvestitionen bildet", sagt Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. "Nominal gerechnet haben die Exporte sogar mehr zur Wirtschaftsleistung beigetragen als die sinkenden Wohnungsbauinvestitionen im gleichen Zeitraum gekostet haben".

So auch John Ringwood von Invesco. Der Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft sieht "zunehmende Anzeichen für eine Überwindung der Krise ohne erhebliche Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Das Risiko sei überbewertet." Des Wirtschaftssprechs entkleidet bedeutet das: Alles halb so wild.

Abwartende Anleger

Abwartende Anleger

Das zeigt sich auch in den Portfolios der Geldverwalter. Der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber zum Beispiel hat den US-Anteil im Portfolio reduziert. Vorsichtshalber. Bei der Fondsgesellschaft DWS zeigt sich eher ein abwartendes Bild. Beispielweise hatte der DWS Vermögensbildungsfonds I, ein weltweit anlegender Aktienfonds, Ende 2006 einen US-Anteil von 33 Prozent. Im Juni diesen Jahres waren es 36 Prozent, nun sind es 31. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei allen großen Aktienfonds der Fondsgesellschaft. Die Profis warten also ab.

Und einige Anleger nutzen die Gelegenheit, vorsichtig zu investieren. Miller hat seine Ausrichtung auf US-Bluechips verstärkt. "Das ist der billigste Teil des Aktienmarkts." Tatsächlich liegen die klassischen Gründe, die eine gute Marktphase beenden, nicht vor, so eine Studie von J. P. Morgan Asset Managers. Allerdings werde es schwieriger werden, Geld zu verdienen.

"Die Konjunktur wird sich 2008 abschwächen, aber man darf nicht vergessen, dass Aktienkurse stärker vom Gewinnwachstum der Unternehmen als vom Wachstum des Bruttoinlandsprodukts abhängen", sagt Cormac Weldon, der einen US-Fonds für Threadneedle verwaltet. Zumindest die Statistik gibt Weldon und Miller recht. Regelmäßig nach der ersten Zinssenkung haben die US-Börsen ihre internationalen Wettbewerber in den ersten sechs Monaten hinter sich gelassen.

Es bleibt das Problem des schwachen Dollars - von US-Experten gern beseite gelassen. Kein Wunder, denn Währungsentwicklungen vorherzusagen, gilt unter den Experten als schwieriges Metier. Die einfachste Devise lautet also Ruhe bewahren. Wenn das auch eher an Mikado erinnert als an Domino.