Volksaktien Mit Vorzug im Nachteil

Der Kleinaktionär ist wieder wer. Nicht nur bei der Bahn feiert der Plan von der "Volksaktie", schon zweimal totgeglaubt, eine fröhliche Auferstehung. Glücklich sind Privatanleger mit dem Verkauf von Staatsbetrieben selten geworden.

Hamburg - Die "perfekte Anlage" beschreibt Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall so: "Die Oma aus Bramfeld", einem kleinbürgerlich geprägten Hamburger Stadtteil, "schenkt ihrer Enkelin fünf HHLA-Aktien zur Konfirmation, damit die ihr Studium finanzieren kann."

Die am vergangenen Freitag erstmals an der Börse gehandelten Papiere der HHLA (Hamburger Hafen und Logistik AG)  haben reißenden Absatz gefunden. Der Senator zeigt sich besonders stolz nicht über den ersten Kurs von 59 Euro (11 Prozent über dem ohnehin ambitionierten Ausgabepreis), sondern darüber, dass jeder fünfte Anteilsschein am "Herz unserer Stadt" an Privatanleger gegangen ist, viele davon aus Hamburg. Allein 120.000 Aktien bekamen nach Senatsangaben HHLA-Mitarbeiter mit 50 Prozent Rabatt. Dabei hat der Hafenbetreiber nur rund 4300 Beschäftigte.

So weit wie der CDU-Haushaltspolitiker Rüdiger Kruse, der in der Hamburgischen Bürgerschaft von der "Volksaktie Hafen" gesprochen hatte, mag Uldall nicht gehen. Aber einen Vergleich mit der Deutschen Bahn AG, die gerade mit einer Diskussion um "Volksaktien" für Furore sorgt, findet er doch angebracht: Er sei froh, dass es der Stadt gelungen sei, ihr wichtigstes Infrastrukturunternehmen an die Börse zu bringen, während im Bund die Privatisierung der Bahn von politischem Gezerre blockiert werde.

Dabei ist auch die breite Streuung der HHLA-Aktie der Auseinandersetzung um die Privatisierung des Hafens geschuldet. Der Senat wollte ursprünglich das ganze Unternehmen und die Hamburger Hochbahn an die Deutsche Bahn verkaufen, die dafür ihre Zentrale von Berlin an die Elbe verlegen sollte. Später war das Wunschmodell der Stadt ein Verkauf von 49 Prozent der HHLA an einen strategischen Investor. Das verhinderten Proteste der Beschäftigten. Der jetzt gefeierte Börsengang von 30 Prozent und der Mitarbeiterrabatt waren ein Kompromiss.

Ebenso könnte es bei der Bahn ausgehen. Zwar sperrt sich die CDU derzeit kategorisch gegen das "Volksaktien"-Modell, das die SPD ebenso kategorisch als Bedingung für einen Verkauf von Bundesanteilen verlangt. Doch die Finanz- und Verkehrspolitik der vergangenen Jahre ist fest auf eine Privatisierung der Bahn abonniert. Ohne den erwartete Milliardenerlös müsste die Sanierung des Bundeshaushalts neu geplant werden.

"Da setzt man sich an den Verhandlungstisch und muss sehen... bis hinein in den Koalitionsausschuss, dass man zu einer Lösung kommt", resümiert trocken Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der sich zunächst auch für einen Börsengang ohne Beschränkungen eingesetzt hatte. Der Charme für die CDU läge darin, dass eine Volksaktie Bahn ihrem Ziel entgegen kommt, die Deutschen stärker am Kapitalmarkt und besonders an heimischen Unternehmen zu beteiligen.

Das erste Leben der Volksaktie

Das erste Leben der Volksaktie

Schon der Begriff "Volksaktie" entstammt dem Versuch der CDU, die Bürger mit dem Kapitalmarkt und dem unbeliebten Verkauf von Staatsunternehmen zu versöhnen. Im Bundestagswahlkampf 1957 setzten sich die Christdemokraten für die Privatisierung von Volkswagen  ein. Aus dem Wirtschaftsministerium Ludwig Erhards wurde die Idee der "Volksaktie" lanciert. Das Volk müsste sich zwar von seinem Eigentum trennen, bekäme aber die Gelegenheit es zurückzukaufen und daran auch noch doppelt zu verdienen: mit dem Erlös für den Staatshaushalt und Gewinnen im privaten Depot.

Vor allem Geringverdiener sollten zu Aktionären werden. Andere Instrumente zur Vermögensbildung von Arbeitnehmern gab es noch nicht. Tatsächlich kauften 1959 rund 220.000 Kleinaktionäre Anteile der bis dato staatlichen Preußischen Bergwerks- und Hütten-AG (Preussag, heute Tui ). Die erste Volksaktie war geboren. Der damalige Finanzminister Werner Dollinger pries das "gute und sichere Papier für eine langfristige Kapitalanlage".

Zwei Jahre später wechselten schon 1,1 Millionen VW-Aktien mit einem Nennwert von 100 D-Mark den Besitzer. Regulär mussten die Anleger dafür 350 Mark bezahlen, Geringverdiener bekamen für 280 Mark den Zuschlag.

Die mehrheitliche Privatisierung der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG (Veba, inzwischen in Eon  aufgegangen) 1965 schließlich brach alle Rekorde. Mehr als zwei Millionen Privatanleger kauften die Aktien zu einem Preis von 210 Mark. So breit ist bis heute keine andere Aktie in Deutschland gestreut worden. Verheiratete mit einem Jahreseinkommen unter 16.000 Mark bekamen eine Sonderzuteilung, ansonsten durfte jeder Zeichner nur zwei Aktien bekommen.

Das war der Höhepunkt der Erhard'schen Privatisierung, die gleichzeitig den Staatseinfluss in der Wirtschaft verminderte und die Deutschen mit Aktien vertraut machte. Doch zugleich war es das Ende. Nach einem kurzen Ausflug auf 240 Mark fielen die Veba-Aktien schon im ersten Jahr unter den Ausgabekurs und blieben da. Auch die VW-Titel, deren erste Eigner sich den Traum schneller Gewinne hatten erfüllen können, stürzte ab.

Nach der Volksaktie war nun auch der geprellte Volksaktionär erfunden. Auf der ersten Veba-Hauptversammlung blieben Zehntausende Würstchen unangerührt. Von Volksaktien, von Aktien überhaupt, wollte niemand mehr etwas hören. Immerhin weisen die damaligen Volksaktiengesellschaften bis heute einen hohen Anteil von Privatanlegern am gezeichneten Kapital zwischen 20 Prozent (Tui) und 35,5 Prozent (VW, allerdings nach Angaben von Ende 2006) aus.

Das zweite Leben der Volksaktie

Das zweite Leben der Volksaktie

Viel Zeit musste ins Land ziehen, bis die Volksaktie wieder ins Leben gerufen wurde. Ausdrücklich unter diesem Namen vermarktete Telekom-Chef Ron Sommer die Erstemission der T-Aktie  1996. Sommer wollte, dass eine Aktie nicht mehr kostet als ein Kinobesuch mit der Familie. Außerdem bekamen Privatanleger einen Preisabschlag von 1,7 Prozent und bis zu 30 Treueaktien, wenn sie sich an die Haltefrist hielten. Volksschauspieler Manfred Krug lieferte in Werbespots den Soundtrack dazu: "Die Telekom geht an die Börse. Da geh ich mit."

Bis zu 1,9 Millionen Privataktionäre gingen bei den drei T-Börsengängen mit - fast wie zu Veba-Zeiten. Etwas weniger Publikumserfolg hatte der Börsengang der Deutschen Post , der als "Aktie Gelb" immerhin 145.000 Post-Beschäftigte anlockte. Privatanleger bekamen einen Rabatt von 50 Cent je Aktie und eine Bonusaktie für 15 gekaufte Anteilsscheine. Statt Manfred Krug umschmeichelte sie Thomas Gottschalk im Fernsehen.

Das Post-IPO kam jedoch zu knapp vor dem Platzen der New-Economy-Blase an den Börsen. Der Preis der T-Aktie, zeitweise über 100 Dollar, pendelt bis heute knapp unter dem Ausgabekurs der ersten Tranche. Über kein deutsches Wertpapier haben sich so viele Anleger in den vergangenen Jahren so sehr geärgert. Selbst Manfred Krug hat sich inzwischen öffentlich für seinen Werbeauftritt entschuldigt.

Anscheinend ist wieder genug Gras über die Sache gewachsen, damit die Volksaktie erneut auferstehen kann. Die HHLA ließ vor dem Börsengang großflächig in Hamburg den Slogan "Ein Stück Hamburg geht an die Börse. Gehen Sie mit!" plakatieren - fast wortgleich mit Krugs T-Aktien-Spot. Das sei keine Absicht, heißt es bei der Stadt.

Erstaunlich unbefangen wird nun über die Volksaktie Bahn diskutiert. Anders als bei den historischen Erfahrungen, will die SPD Kleinaktionäre nicht mit Sonderangeboten locken. Sie setzt auf die Ausgabe stimmrechtsloser Vorzugsaktien. Die wären mit einer Garantiedividende für sicherheitsorientierte Anleger attraktiv - vorausgesetzt, die Deutsche Bahn könnte überhaupt regelmäßig Dividende zahlen, was angesichts der hohen Kosten und mit Bundeszuschüssen verzierten Bilanzen fraglich erscheint. Institutionelle Investoren dagegen hätten kein Interesse an Aktien, mit denen sie keinen Einfluss auf das Unternehmen ausüben können, so das Kalkül. So würde die Bahn automatisch zur Volksaktie.

"Anleger sollen zwar ihr Geld geben, aber ansonsten schön den Mund halten", schimpft dagegen Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die DSW fordert seit langem, die Vorzugsaktien abzuschaffen. "Eine Aktie, eine Stimme", soll die goldene Regel der Aktionärsdemokratie sein, so sieht es auch der Deutsche Corporate-Governance-Kodex. Bislang schien die Vorzugsaktie, diese deutsche Besonderheit im Aktienrecht, ohnehin außer Mode zu kommen. Die meisten Unternehmen haben sich inzwischen von dem Instrument verabschiedet.

Nur noch sechs Unternehmen im Dax  (VW, RWE , MAN , die Familienfirmen BMW , Henkel  und Metro ) und mit Hugo Boss  eines im MDax  bieten neben stimmberechtigten Stammaktien auch Vorzugsaktien an. In der Regel werden die Vorzüge trotz der Dividendengarantie mit einem Abschlag gegenüber den Stämmen gehandelt, weil das Kaufinteresse der Institutionellen gering ist. Ausnahmen von der Regel geringerer Attraktivität sind Henkel und Hugo Boss. Und von Porsche  werden ohnehin nur Vorzugsaktien an der Börse gehandelt, die Stammaktien sind in Familienbesitz. Doch gerade die beweisen, dass Anleger auch mit den scheinbar langweiligen Vorzügen gutes Geld verdienen können. Die Form der Volksaktien trägt wohl keine Schuld daran, dass Kleinaktionäre mit der Börse so oft schlechte Erfahrungen machen.

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