Zwangsvorsorge Das Gespenst und die Altersarmut

Nach einer repräsentativen Umfrage sprechen sich 43 Prozent der Deutschen für eine private Zwangsvorsorge aus - trotz Riester-Boom. Doch nicht nur deshalb steht für Postbank-Chef Wolfgang Klein fest, die Diskussion um dieses Thema gehört wieder auf die politische Agenda. Genau davor aber warnen viele Experten.

Hamburg - Die Idee glaubte man längst in der Mottenkiste verbannt. Doch passend zur Halloween-Zeit ist das Gespenst wieder zurück - und nicht etwa, weil ein profilierungssüchtiger Hinterbänkler in Berlin das Thema auf die Agenda gesetzt hätte. Nein, es sind die Bürger selbst. Nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage im Auftrag der Postbank sind 43 Prozent der Deutschen dafür, die private Altersvorsorge zur Pflicht zu machen, 31 Prozent sind dagegen, 26 Prozent sind unentschieden oder machen dazu keine Angaben.

Das überrascht. Lehnten ein Jahr zuvor noch 54 Prozent der Bundesbürger eine private Zwangsvorsorge explizit ab, ist der Widerspruch jetzt deutlich gesunken - trotz Riester-Boom. Warum ist das so?

Nun könnte man spekulieren, jene die vorsorgen, sind zusehends nicht mehr bereit, "Trittbrettfahrer" in dieser Frage zu dulden und fordern neben der gesetzlichen Rente deshalb vermehrt ein Obligatorium in der Altersvorsorge. Denkbar wäre das, denn klar ist: Der Staat wird später jene verstärkt alimentieren müssen, die heute nicht für das Alter sparen können oder wollen - und zwar auf Kosten des Steuerzahlers und der Menschen, die sich frühzeitig um ihre Altersvorsorge bemüht haben. Denkbar wäre auch, dass sich zusehends mehr Menschen nicht mehr zutrauen, die notwendigen Sparanstrengungen ohne einen gewissen Druck zu leisten.

Letztlich alles Spekulation. Eine Erklärung für das Phänomen, dass mehr Menschen für eine gesetzlich vorgeschriebene Zusatzvorsorge votieren, beziehungsweise die Aversion gegen staatliche Bevormundung in der Altersvorsorge sinkt, gibt die Studie nicht.

Sie liefert aber andere und mitunter bedenkliche Erkenntnisse: So wissen 37 Prozent der jungen Berufstätigen zwischen 16 und 29 Jahren schlicht nichts über der "Rente mit 67". Für sie scheint Altersvorsorge sogar ein echtes Tabu-Thema zu sein, wie Postbank-Chef Wolfgang Klein erklärt. Denn 71 Prozent dieser jungen Berufstätigen haben sich bislang kaum oder gar nicht mit der privaten Altersvorsorge beschäftigt.

Jeder sechste Deutsche ängstigt sich vor Altersarmut

Und: Nahezu jeder zweite Befragte unter den Nichtrentnern ist der Ansicht, "nicht ausreichend" für das Alter vorzusorgen. Jeder sechste Deutsche glaubt, im Alter seinen Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten zu können, also zu verarmen. Aber etwa nur jeder Dritte nimmt sich überhaupt vor, künftig mehr für die private Altersvorsorge zu tun.

Für Postbank-Chef Klein steht damit fest: Vielen Menschen in Deutschland ist zwar klar, dass die gesetzliche Rente im Alter nicht reicht, sie tun aber nichts dagegen. Das Thema einer gesetzlich verpflichtenden privaten Altersvorsorge gehöre deshalb wieder auf die politische Agenda. Mit dieser Ansicht erntet der Manager unter der Versicherungswirtschaft und Vorsorgexperten jedoch nur wenig Zuspruch - wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven, wie manager-magazin.de in Gesprächen mit den Experten festgestellt hat.

"Falsch und kontraproduktiv"

"Wir halten die Diskussion über ein Obligatorium in der Altersvorsorge für deutlich verfrüht", sagt Peter Schwark vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die private Altersvorsorge in Deutschland befinde sich grundsätzlich auf einem guten Weg. Für ein gestiegenes Vorsorgebewusstsein der Bevölkerung in Deutschland spreche die Tatsache, dass Versicherungswirtschaft und Fondsindustrie bis zum Ende dieses Jahres rund zehn Millionen Riester-Verträge verkauft haben dürften.

Über den Riester-Boom werde zudem schnell ausgeblendet, dass die Deutschen insgesamt rund 28 Millionen weitere Verträge halten, die nach Worten Schwarks mehrheitlich noch bespart würden. Dazu zählt die GDV-Statistik drei Millionen über Pensionskassen und -fonds besparte Verträge sowie 25 Millionen Rentenversicherungen (Direktversicherungen, private Rentenversicherungen, Basisrentenverträge).

Die bloße Zahl der Verträge darf jedoch nicht vergessen lassen, dass einzelne Sparer mitunter mehrere Verträge abgeschlossen haben.

"Die Politik sollte die Entwicklung abwarten"

Vor einer verpflichtenden Lösung sollte die Politik die weitere Entwicklung abwarten, appelliert der GDV-Sprecher. Denn es zeige sich, dass das Interesse der Bevölkerung etwa an der Riester-Rente kontinuierlich wachse und damit nicht nur die Anzahl der Verträge, sondern auch das Volumen der privaten Vorsorge, sagt Schwark.

Gegen diese optimistische Einschätzung spricht, dass sich in den vergangenen zehn Jahren die durchschnittlich abgeschlossene Monatsrente einer Rentenversicherung gerade mal um 20 Euro auf 223 Euro erhöht hat, wie jüngste Berechnungen des namhaften Branchendienstes Map-Report zeigen. Zudem rufen 70 Prozent der Vorsorgesparer staatliche Förderungen entweder nur zum Teil oder gar nicht ab. Damit schmälern sie ihr im Alter zur Verfügung stehendes Kapital deutlich.

"Zwangsrente führt zu mehr Schwarzarbeit"

Doch die Höhe der privaten Altersvorsorgeaufwendungen dürfte in einer öffentlich geführten Diskussion um eine gesetzliche Lösung zunächst einmal zweitrangig sein.

Die Lobbyorganisation GDV warnt deshalb auch in erster Linie davor, dass die meisten Menschen in Deutschland ein Obligatorium als Zwangsabgabe oder Steuer begreifen würden, die die Menschen eher demotiviere. Eine private "Zwangsrente" berge zudem die Gefahr, dass sie die Menschen verstärkt in die Schwarzarbeit treibe. "Mit einer privaten Pflichtvorsorge steigt die Zwangsabgabenquote und damit sehr wahrscheinlich auch die Schwarzarbeit in Deutschland", sagt Schwark. Deshalb sei eine verpflichtende private Vorsorge für das Alter auch aus ordnungs- und arbeitsmarktpolitischen Gründen "falsch" und "kontraproduktiv".

"Bankrotterklärung des mündigen Bürgers"

"Die Menschen tun mehr, wenn sie es freiwillig tun"

In die gleiche Richtung argumentiert Eckhard Marten von der Allianz Leben und spricht mit Blick auf die Entwicklung der privaten Altersvorsorge von einem "beeindruckenden Bewusstseinswandel in relativ kurzer Zeit" in der Deutschen Bevölkerung. Sprich: Das Glas ist halb voll und nicht halb leer.

Zwar räumt der Sprecher des größten deutschen Lebensversicherers ein, dass viele Menschen noch gar nicht oder zu wenig privat für das Alter vorsorgten. Eine weitere "Zwangsabgabe" neben den Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung werde die Lust der Deutschen zur privaten Vorsorge aber dämpfen, befürchtet auch Marten. "Die Menschen tun mehr, wenn sie es freiwillig tun." Eine obligatorische private Altersvorsorge könnte die Bürger zudem zu dem Trugschluss verleiten, sie seien damit ausreichend versorgt.

Darüber hinaus hält Marten eine private Zwangsrente politisch kaum für durchsetzbar. "Da wird es einen enormen Aufschrei geben", sagt der Sprecher der Allianz Leben. Anstatt eines Obligatoriums würde er sich von der Politik mehr Stetigkeit und Verlässlichkeit in der privaten Altersvorsorge wünschen. "Das ständige Herumdoktern an Altersvorsorgemodellen irritiert die Menschen und verunsichert sie", sagt Marten.

"Damit endgültig im Zwangsversorgungsstaat angelangt"

Ablehnung kommt auch von einem der schärfsten Kritiker der deutschen Versicherungswirtschaft. "Damit wären wir endgültig im Zwangsversorgungsstaat angelangt. Das wäre die Bankrotterklärung des mündigen Bürgers", sagt Manfred Poweleit, Herausgeber und Chefredakteur des Branchendienstes Map-Report. Ein Obligatorium könnte vielleicht helfen, die Gefahr einer drohenden Altersarmut für zahlreiche Menschen zu verringern, räumt er ein. Doch der Preis dafür sei ihm schlicht zu hoch. "Ich möchte das nicht."

Stattdessen fordert der Versicherungsexperte die Assekuranz als einem der wichtigsten Vorsorgepartner der Menschen in Deutschland auf, "dem Bürger zu helfen, ihn wieder vorsorgefähig zu machen". Das heißt für Poweleit in erster Linie eine bessere, auf die individuelle Lebensplanung und die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen abgestimmte Beratung.

Auch der Idee einer verpflichtenden Vorsorgeberatung für alle Arbeitnehmer in Deutschland erteilt Poweleit eine Absage, der Altersvorsorge ohnehin nur als Bestandteil der privaten Finanzplanung interpretiert. Und hier glaubt der Experte "erschreckende Defizite" bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung zu erkennen. Sein Appell "mehr erforschen, mehr ausbilden, den Menschen planerisch mehr helfen" richtet sich somit nicht nur an die Vorsorgeindustrie, sondern ebenso an die Politik sowie Schulen und andere Bildungseinrichtungen.

"Man muss sich die Realität vor Augen halten"

Manche sind einem Obligatorium nicht gänzlich abgeneigt

Es gibt allerdings auch Experten, die einer Verpflichtung in der Altersvorsorge gegenüber nicht gänzlich abgeneigt sind. "Man muss sich die Realität vor Augen halten. Die demografische Entwicklung zeigt eindeutig, dass der Sozialstaat bald an seine Grenzen stößt", warnt Lars Gatschke vom Bundesverband Verbraucherzentralen.

Gelinge es der Politik und dem Gesetzgeber in Deutschland nicht, mehr Menschen zur Vorsorge zu bewegen, werde der Staat am Ende die in Altersarmut gefallenen Menschen alimentieren müssen. Vor diesem Hintergrund könne man sich einer sachlich geführten Diskussion über eine verpflichtende Altersvorsorge nicht einfach verschließen.

Das Optout-Modell könnte eine Alternative sein

Ein möglicher aber weniger radikaler Weg als die private Zwangsvorsorge könnte eine Konstruktion in Anlehnung an das in der betrieblichen Altersvorsorge diskutierte Optout-Modell sein, sagt Gatschke. Der Idee zufolge nehmen Arbeitnehmer beim Antritt einer Stelle automatisch an einem betrieblichen Altersvorsorgeprogramm teil. Nur wenn sie sich explizit dagegen entscheiden, werden sie aus dieser Verpflichtung entlassen.

Noch würde der Verbraucherschützer aber davon abraten, so ein Modell flächendeckend in Deutschland einzuführen. Denn viele Produkte, die im Zuge der betrieblichen Altersvorsorge angeboten werden, könnten dem Arbeitnehmer "erhebliche wirtschaftliche Nachteile" einbringen. "Wir brauchen für solche Zwecke ein einfaches, standardisiertes Altersvorsorgeprodukt, bei dem der Arbeitnehmer im Falle der Kündigung, des Arbeitsplatzwechsels oder wenn er die Ersparnisse zum Teil angreifen muss, keine wirtschaftlichen Nachteile erleidet", sagt Gatschke.

Verbindliches Altersvorsorgekonto für jeden Menschen?

Um weite Bevölkerungsteile zumindest psychologisch besser auf die Notwendigkeit eigener Altersvorsorgeanstrengungen vorzubereiten, wäre unter Umständen auch ein allgemein verbindliches Altersvorsorgekonto für jeden volljährigen Menschen in Deutschland denkbar. Über dieses unter staatlicher Direktive initiierte Konto könnte der Bürger dann in jeder erdenklichen Form für das Alter vorsorgen - seien es nun Raten für einen Bausparvertrag, Beiträge zu einer Lebensversicherung oder für einen Fondssparplan.

So ein Altersvorsorgekonto sollte möglichst weniger Restriktionen unterliegen als etwa das staatliche Riester- oder Rürup-Sparen, müsste aber ganz klar dem Ziel des privaten Vermögensaufbaus dienen. Der Verbraucherschützer und Vorsorgeexperte will diese zweifelsohne grob skizzierte, noch mit Leben zu füllende Idee vor allem als Denkanstoß für andere Wege in der Vorsorgediskussion verstanden wissen. Die Interessenorganisation der Fondsindustrie, der BVI, hatte ein Konzept für ein individuelles Altersvorsorgekonto bereits im Jahr 2003 entwickelt. Die Idee hatte sich nicht durchsetzen können.

"Man muss die Menschen zwingen"

"Die Menschen mehr oder weniger dazu zwingen"

Ein klares Votum für eine verpflichtende Altersvorsorge neben der gesetzlichen Rente gibt Stefan Albers vom Bundesverband der Versicherungsberater (BVVB) ab. "Ein Obligatorium halte für gut", sagt der BVVB-Vizepräsident. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Menschen nun eine Versicherungslösung oder andere Form des Vorsorgesparens wählten. Wichtig sei, dass während der Ansparphase die Verzinsung zumindest über der Inflationsrate liege.

Albers weiß, dass er mit seiner Position vergleichsweise allein dasteht. Weil aber viele Bürger wider besseren Wissens schlicht nichts täten und später dann dem Steuerzahler zur Last fallen dürften, ist der unabhängige Vorsorgeexperte der Meinung, "dass man die Menschen mehr oder weniger dazu zwingen muss". Ließe sich das politisch nicht durchsetzen, was Albers für sehr wahrscheinlich hält, sollte der Staat seine Anreize so verstärken, dass der Bürger vernünftigerweise kaum noch umhin könnte, etwas für seine private Vermögensbildung zu tun. Mögliche Anreize sieht Albers unter anderem in einer noch größeren Steuerersparnis als der Gesetzgeber sie bereits jetzt bei staatlich geförderten Produkten gewährt.

Der Berater geht noch weiter: "Viele glauben, wenn sie 50 Euro monatlich sparen, tun sie etwas für ihre Altersvorsorge. Das ist richtig, aber im Alter reicht das kaum für ein Taschengeld", warnt Albers ohne sich zugleich auf ein gesetzlich notwendiges Minimum festlegen zu wollen.

Die Politik setzt auf Reformen und Anreize

Auch wenn sich zusehends mehr Menschen für eine gesetzlich verpflichtende Altersvorsorge aussprechen, kann man gegenwärtig nur bezweifeln, dass sich diese Forderung durchsetzen lässt. Eine Volkswirtschaft dürfte auch kaum in der Lage sein, über eine im Extremfall steuerlich nahezu unbeschränkte Abzugsfähigkeit von Vorsorgeaufwendungen den Menschen dieses Landes die private Altersvorsorge quasi zu schenken. Andernfalls müsste sich der Staat vermutlich aus vielen anderen Bereichen finanziell zurückziehen und die Bürger mit der Finanzierung dieser Aufgaben mehr oder weniger allein lassen. Das wird vermutlich niemand wollen.

Gegenwärtig setzt die Politik auf Reformen und versucht, den Menschen den mitunter schmerzhaften Anpassungsprozess in den Sozialsystemen durch Steuerersparnis und direkte finanzielle Unterstützung zu erleichtern. Dieser Reformprozess ist noch längst nicht zu Ende, wie zum Beispiel die Diskussion um die halbherzigen Beschlüsse in der Pflegeversicherung zeigt. Ob die Reformanstrengungen am Ende reichen, die Menschen zu mehr und ausreichend Eigenverantwortung in der Altersvorsorge sowie bestenfalls zu kritischen Verbrauchern auch gegenüber Vorsorgeprodukten zu erziehen, muss sich noch erweisen.

Konsens ist unter Experten bereits jetzt, dass zahlreiche Menschen bei diesem Prozess auf der Strecke bleiben werden. Die Gefahr sehen sie insbesondere für Niedrigverdiener, denn für die notwendigen Anpassungsleistungen fehle ihnen schlicht das Geld. Das reformierte Rentensystem in Deutschland werde vor allem sie in die Altersarmut treiben , sagt die OECD voraus. Eine überzeugende Lösung für das Problem hat die Politik noch nicht gefunden, die OECD aber auch nicht.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.