Inflation Die Rückkehr der Geldentwertung

Die Preissteigerungsrate, die seit Monaten immer neue Höhen erklimmt, wird nach Meinung von Experten auch künftig weiter ansteigen. Millionen Deutsche fragen sich bereits, wie sie ihr Vermögen wirksam schützen können. manager-magazin.de gibt Antworten.

Hamburg - Stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Inflation? Nicht ohne Grund geht in Deutschland die Angst um. Die Preise steigen so stark wie seit Langem nicht mehr. Erinnerungen werden bereits wach an die 70er Jahre, als die Ölkrise das deutsche Wirtschaftswunder beendete. Seinerzeit traten vorübergehend Preissteigerungsraten jenseits der 6 Prozent auf.

Ganz so weit ist es gegenwärtig noch nicht - auch wenn Deutschlands größtes Boulevardblatt bereits den "Inflationsalarm" ausgelöst hat. 2,4 Prozent betrug die vom Statistischen Bundesamt angegebene offizielle Teuerungsrate zwischen September 2006 und September 2007. Der seit Monaten ansteigende Wert hat damit wieder das Niveau erreicht, auf dem er sich zuletzt vor zwei Jahren befand. Nach Meinung von Experten wird sich die Entwicklung in den kommenden Monaten und Jahren allerdings noch verschärfen.

Und damit nicht genug: In der Wahrnehmung vieler Menschen schreitet die Geldentwertung schon heute wesentlich schneller voran, als es die offizielle Berechnung glauben machen will. Die Betroffenen liegen damit wahrscheinlich nicht einmal falsch.

"Inflation ist eine latente ökonomische Größe, die empirisch nicht direkt erfasst werden kann", erklärt der renommierte Inflationsexperte Hans Wolfgang Brachinger von der Universität Fribourg (Schweiz) gegenüber manager-magazin.de "Der amtliche Verbraucherpreisindex (VPI) schaut aus der Perspektive des Verbrauchers auf das Inflationsphänomen."

Aus Sicht des Käufers erscheine das Phänomen jedoch ganz anders. "Aus dieser Sicht stehen Güter im Vordergrund, die besonders häufig gekauft werden", so Brachinger. "Kaufhäufige Güter sind solche des täglichen Bedarfs, deren Erwerb nicht aufgeschoben werden kann. Sie beanspruchen das Budget eines Haushalts vorrangig."

Um die Preissteigerung aus dieser Perspektive richtig zu messen, hat Brachinger den Index der wahrgenommenen Inflation (IWI) entwickelt. "Beim IWI werden die Preisveränderungen nicht wie beim VPI mit den Ausgaben gewichtet, sondern mit den Kaufhäufigkeiten", so der Experte. "Daneben werden entsprechend der Wahrnehmung der Leute Preissteigerungen stärker gewichtet als Preissenkungen."

5,2 Prozent gefühlte Inflation

5,2 Prozent gefühlte Inflation

In der Praxis kommt Brachingers IWI-Messung zu einem Ergebnis, das dem Bauchgefühl vieler Menschen näherkommt als die offizielle Messung. Im August lag der IWI beispielsweise bei 5,2 Prozent - im Vergleich zu 1,9 Prozent des VPI. "Wir beobachten seit März vergangenen Jahres, dass sich die Schere zwischen VPI und IWI wieder öffnet", sagt der Professor.

Ein Grund für das zunehmende Auseinanderdriften von IWI und VPI ist laut Brachinger die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Beginn dieses Jahres. Für die generelle Verschärfung der Preissteigerung gibt es indes ein ganzes Bündel weiterer Ursachen.

Der schier unaufhaltsame Aufwärtstrend beim Ölpreis ist eine davon. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich der Preis mehr als vervierfacht. Am 19. Oktober dieses Jahres kostete ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) erstmals mehr als 90 US-Dollar.

Auch das Statistische Bundesamt gibt den Ölpreisanstieg - neben einer erheblichen Teuerung im Bildungswesen, bei Tabakwaren und bei Verkehrsausgaben - als Hauptgrund für den derzeit starken Anstieg der Verbraucherpreise an. Dass Kraftstoffe (plus 8,9 Prozent) und Heizöl (plus 3,1 Prozent) ausgerechnet im September so viel teurer geworden seien, sei jedoch auch auf einen statistischen Effekt zurückzuführen. "Das Ergebnis resultiert in erster Linie aus dem deutlichen Preisrückgang bei diesen Erzeugnissen im Vorjahresmonat September", so die Analysten. Andernfalls hätte die Rate in diesem Bereich demnach lediglich bei 2,2 Prozent gelegen.

Statistik hin oder her: Mit einer Entspannung in Sachen Preissteigerung ist vonseiten des Ölpreises in naher Zukunft jedenfalls kaum zu rechnen. Im Gegenteil, Experten wie Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, oder der Rohstofffachmann Eugen Weinberg von der Commerzbank sehen die magische Grenze von 100 US-Dollar für ein Barrel US-Öl bereits "in greifbarer Nähe".

Neben der Ölpreis-Hausse trägt auch die Globalisierung generell zum Anstieg des allgemeinen Preisniveaus hierzulande bei. Der Grund: In Schwellenländern wie China und Indien, die vor Jahren von vielen westlichen Firmen aufgrund des geringen Lohnniveaus als Produktionsstandort entdeckt wurden, steigt inzwischen der Lebensstandard.

Ungläubiges Staunen im Supermarkt

Ungläubiges Staunen im Supermarkt

Die Rückkopplung auf das Preisniveau in Europa und anderen westlichen Industriestaaten erfolgt auf zwei Wegen. Zum einen führt der Anstieg des Lohnniveaus in den Schwellenländern zu erhöhten Produktionskosten. Diese werden von den dort produzierenden Unternehmen an die Kunden weitergereicht - in Form von Preissteigerungen.

Zum anderen wächst durch den steigenden Lebensstandard in bevölkerungsreichen Nationen wie China auch die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern generell. Vor allem letzteren Effekt bekamen die Deutschen in den vergangenen Wochen und Monaten besonders deutlich zu spüren. Denn der zum Teil geradezu explosionsartige Anstieg einiger Lebensmittelpreise ist zu einem Gutteil darauf zurückzuführen.

"In Deutschland liegt derzeit zu wesentlichen Teilen eine importierte Nachfrageinflation vor, die auf die erhöhte Auslandsnachfrage etwa nach Molkereiprodukten in China zurückgeht", bestätigt Statistiker Brachinger. "Ich fürchte, dass da das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist."

Hintergrund: Die durch jahrzehntelange Subventionierung seitens der EU angehäuften Überschüsse an Molkereiprodukten - Stichworte Butterberg und Milchsee - sind aufgrund der gestiegenden weltweiten Nachfrage inzwischen abgebaut. In der Folge sind an die Stelle protegierter Phantompreise im Laufe dieses Jahres echte Marktpreise getreten - und die liegen deutlich höher.

Hinzu kommt: Die Butterproduktion ist EU-weit seit Jahresbeginn rückläufig. "Das liegt auch daran, dass die Milch in Deutschland und in der EU weniger Fett enthält", schreibt die den landwirtschaftlichen Produktionsbetrieben nahestehende ZMP Zentrale Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft in einer Mitteilung. "Offensichtlich wird an die Milchkühe infolge stark gestiegener Futterkosten weniger Kraftfutter verfüttert."

Wie dramatisch sich dies auf die Preise auswirkt, zeigen wiederum die September-Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Butter: plus 43,1 Prozent; Speisequark: plus 25,9 Prozent; Vollmilch: plus 13,5 Prozent; Brötchen: plus 6,2 Prozent. In vielen Supermärkten führt der Blick auf den Kassenbon inzwischen zu ungläubigem Staunen.

"Inflation künftig deutlich höher"

"Inflation künftig deutlich höher"

All diese Gründe erklären die zurzeit zu beobachtende Geldentwertung jedoch nur zum Teil. Die wahrscheinlich wichtigste Ursache findet sich auf den weltweiten Finanzmärkten, die in den vergangenen Jahren mit Geld geradezu überflutet wurden.

Hintergrund: Schon Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman erkannte, dass Inflation "immer und überall ein monetäres Phänomen" ist. Seiner These zufolge besteht ein nahezu fixes Verhältnis zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau.

Die Preissteigerung wirkt dabei als Korrektiv zwischen der Geld- und der Gütermenge. Nimmt die Geldmenge zu, so bringt dies in aller Regel auch einen Anstieg der Preise mit sich.

Die Kurs-Hausse an den Aktienmärkten, der Höhenflug der weltweiten Immobilienpreise - auch auf dem US-Häusermarkt -, der Boom im internationalen Private Equity-Geschäft, in dessen Zuge auch für Unternehmensbeteiligungen seit einigen Jahren immer neue Rekordpreise gezahlt werden, selbst ein großer Teil der derzeitigen Ölpreis-Hausse - all dies sind Belege für Friedmans Theorie. Denn ohne die viele Liquidität, die durch die freigiebige Zinspolitik der Notenbanken - allen voran die amerikanische Fed - in den vergangenen Jahren in die Märkte gelangte, wäre die Entwicklung kaum denkbar gewesen.

"Wir beobachten gegenwärtig ein neues Inflationsphänomen", sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Barclays Capital im Gespräch mit manager-magazin.de. "Und zwar das Phänomen, dass vor allem Vermögensgüter wie Aktien und Immobilien besonders stark inflationieren." Laut Polleit hat das Übergreifen dieser "Vermögensgüterinflation" auf die Verbraucherpreise gerade erst begonnen. "Viel spricht dafür, dass die Endverbraucherinflation in den nächsten Jahren deutlich höher sein dürfte, als jene in der jüngeren Vergangenheit", lautet daher seine Prognose.

Was also tun, wenn das Geld seinen Wert verliert? Polleit rät, sofern nicht schon geschehen, in Sachwerte zu investieren. Diese sind zwar im langfristigen Vergleich zum Großteil schon hoch bewertet. Vor künftigen Preissteigerungen gibt es aber keinen alternativen Schutz. Denn die Geldentwertung trifft immer jene am härtesten, die ihr Vermögen bar in der Tasche haben.

Wunderwaffe ILB?

Wunderwaffe ILB?

Auch die Ratschläge der von manager-magazin.de befragten Vermögensverwalter gehen in diese Richtung: Aktien, Immobilien, Gold. Wer sein Vermögen in diese Häfen steuert, kann der kommenden Entwicklung nach Meinung der Profis vergleichsweise gelassen entgegensehen.

Ob die Rechnung aufgeht? Ein Restrisiko bleibt. Denn angesichts der Höhenflüge der vergangenen Jahre erscheinen auch starke Rückschläge in der Bewertung vieler Sachwerte jederzeit möglich.

Eine Alternative ist die sogenannte inflationsgeschützte Anleihe (Inflation Linked Bonds, ILB). "Hier wird dem Anleger seitens des Emittenten über die gesamte Laufzeit ein fester realer Zinssatz garantiert", erläutert Martin Wiegelmann von der SMS & Cie Vermögensmanagement GmbH in Köln. "Auf diese Weise wird ein stetiger Inflationsausgleich gewährleistet."

Ein Beispiel: Bei einer Anleihe mit einem Kupon von 3 Prozent wird der Nennwert von 10.000 Euro laut Wiegelmann bei einer tatsächlichen Inflation von 2 Prozent im abgelaufenen Jahr mit 1,02 multipliziert. Bei einer 3-Prozent-Anleihe von dann real 10.200 Euro werden demnach nicht 300 Euro, sondern 306 Euro gezahlt.

"Der Anleger sollte allerdings in jedem Fall sein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung an den Anleihemärkten richten", sagt Wiegelmann. "Denn auch bei einer inflationsgeschützten Anleihe mit längerer Laufzeit kommt es zu deutlichen Kursverlusten, wenn die Renditen am Anleihemarkt deutlich anziehen." Ein Verkauf vor Fälligkeit würde die so entstandenen Buchverluste realisieren, die dann in der Regel auch nicht mit dem Inflationsausgleich zu kompensieren sind.

"Eine Investition in eine inflationsgeschützte Anleihe lohnt sich ohnehin nur, wenn der Anleger eine klare Meinung zur zukünftigen Entwicklung der Inflationsrate hat", sagt der Vermögensverwalter. "Geht er davon aus, dass diese weiter steigen wird, so lohnt sich ein Investment, ansonsten sollte er die herkömmlichen Anleihen vorziehen."

Wiegelmann ist allerdings ebenfalls der Ansicht, dass es zurzeit eher nach steigenden Inflationsraten aussieht.

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