Hirnforschung "Besser als Sex"

Wir halten uns für rationale Anleger, dabei fahren unsere Gefühle regelmäßig mit uns Achterbahn. Das legen zumindest Erkenntnisse der Hirnforschung nahe. Im Gespräch mit manager-magazin.de verrät der amerikanische Autor Jason Zweig, wie wir in Gelddingen ticken und wie sich teure Fehler vermeiden lassen.

mm.de: Herr Zweig, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der noch relativ jungen Wissenschaft Neuroökonomie. Was kann man sich darunter vorstellen?

Zweig: Neuroökonomie ist eine Kombination aus Neuro- und Wirtschaftswissenschaften vermischt mit etwas Psychologie. Mit Hilfe neurowissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Computertomografie, Magnetresonanztomografie oder Elektroenzephalografie wird versucht, wirtschaftliche Verhaltensweisen zu analysieren. Man kann quasi dem Gehirn beim Arbeiten zuschauen.

mm.de: Sie schreiben, dass sich neuronale Aktivitäten von Menschen, die investieren, und von jemandem im Drogenrausch kaum unterscheiden. Heißt das, dass Investoren prinzipiell so agieren als stünden sie unter Drogen?

Zweig: Nicht unbedingt. Aber wenn sich für jemanden Investitionen wieder und wieder gelohnt haben, dann ja. Dann weist er aller Wahrscheinlichkeit nach eine Menge ähnlicher Verhaltensweisen auf, wie ein Drogenabhängiger. Es wird sehr schwer, loszulassen, das eigene Verhalten zu ändern und Vorsicht walten zu lassen. Das Dopamin-System im Gehirn signalisiert, dass es nur Gewinne gibt. Was leider nicht der Fall ist.

mm.de: Heißt das, das trifft auch auf erfolgreiche professionelle Investoren zu?

Zweig: Absolut! Es ist erwiesen, dass sich professionelle und Amateuranleger ziemlich ähnlich verhalten. Professionelle Anleger bekommen ihre Fehler nur deutlich besser bezahlt.

In meinem Berufsleben als Finanzjournalist habe ich über die Jahre Hunderte Geldmanager aus der ganzen Welt interviewt. Und dabei ist eines sehr deutlich geworden: Wenn sie schlechte Ergebnisse erzielen, ist der Markt schuld. Wenn sie gut abschneiden, liegt es am eigenen Können - glauben sie zumindest.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich hier nicht lustig machen. Das ist urmenschlich - und in anderen Bereichen, beispielsweise im Sport nicht anders. Wenn man gewonnen hat, lag es am Team, wenn man verloren hat, war der Platz schlecht - oder etwas anderes.

Übersteigerte Erwartungen

mm.de: Sie weisen in Ihrem Buch auch auf direkte Parallelen - was die neuronalen Aktivitäten angeht - zwischen Investieren und Sex hin. Heißt das, ein gutes Investment ist - neurologisch gesehen - besser als Sex?

Zweig: Das ist durchaus möglich - hängt aber von einer ganzen Menge Dinge ab. Was insgesamt eine große Rolle spielt, ist der Unterschied zwischen Erwartung und Erfahrung. Erwartung manifestiert sich im menschlichen Gehirn meist viel intensiver als Erfahrung. Und die Erwartung, Geld zu verdienen, fühlt sich oft sehr viel besser an als der Vorgang selbst.

Das Problem bei Geldgeschäften ist, dass man Risiken eingeht, die man nicht eingehen sollte. Weil man glaubt, dass wenn sich das Risiko bezahlt macht, es sich besser anfühlen wird als es das am Ende tatsächlich tut. So gehen viele immer größere Risiken ein und verlieren am Ende Geld.

mm.de: Heißt das, wir sind in Geldangelegenheiten mehr Tier als wir selbst glauben?

Zweig: Definitiv. Wir alle denken, wir wissen, warum wir auf bestimmte Weise handeln. Aber normalerweise gibt es zum einen den Grund, den wir für ausschlaggebend halten - und den tatsächlichen. Manchmal sind es dieselben, meistens sind es aber unterschiedliche.

Wir nehmen vielleicht an, Aktien aus rein rationalen Gründen zu kaufen, nach einer sorgfältigen Analyse. Tatsächlich kaufen wir aber, weil das Papier in letzter Zeit zugelegt hat oder es sich einfach gut anfühlt.

Das menschliche Gehirn wurde in seiner Entwicklung darauf ausgerichtet, Entscheidungen über Risiken und Belohnung zu fällen. Dabei ging es um grundlegende Dinge wie Essen, Wasser, Fortpflanzung und Schutz. Wenn sich etwas gut anfühlte, war es aller Wahrscheinlichkeit nach gut für einen, wenn nicht, dann nicht. Aber für den Finanzmarkt ist das viel zu einfach.

"Gefühle als Kontraindikator"

mm.de: Warum ist die einfache Regel, billig kaufen, teuer verkaufen, so schwer umzusetzen? Welches sind die Fehler, die Anleger am häufigsten machen?

Zweig: Einer der verbreitetsten Fehler ist, dass Leute eine Aktie kaufen, weil der Preis nach oben gegangen ist und verkaufen, weil der Preis gesunken ist. Aber das ist falsch. Wenn eine Aktie kontinuierlich gestiegen ist, ist es - rein rechnerisch - sehr wahrscheinlich, dass sie es bald nicht mehr tun wird. Und wenn sie fällt, liegen die Dinge umgekehrt. Und die Folge ist, dass man meistens kauft, wenn man eigentlich verkaufen sollte, und verkauft, wenn man kaufen sollte.

Ein anderer, weitverbreiteter Fehler ist, zu ignorieren, was andere Leute wissen. Das gilt besonders für professionelle Investoren. Sie schauen sich ein Unternehmen genau an und bringen etwas in Erfahrung, von dem sie glauben, dass es sonst nur kaum einer weiß, beispielsweise ein Erfolg versprechendes neues Produkt.

Die Sache hat nur einen Haken: Wieso sollen ausgerechnet nur sie von dieser neuen Information erfahren haben? Was ist mit all den anderen Leuten, die sich den Wert angeschaut haben. Die haben wahrscheinlich andere Dinge erfahren, von denen man selbst wiederum nichts weiß. Und vielleicht ist das negativ. Um eine Aktie kaufen zu können, muss es immer jemanden geben, der verkauft. Und derjenige ist offenbar überzeugt, dass es woanders mehr Geld zu verdienen gibt.

Und ein dritter weitverbreiteter Fehler ist es, falsch auf die eigenen Emotionen zu reagieren. Wenn Leute Angst haben, tendieren sie dazu, zu verkaufen oder gar nichts zu tun. Wenn sie angeregt und gierig sind, tendieren sie dazu, zu kaufen - und das ist beides falsch. Das heißt nicht, dass Gefühle keinen Informationswert haben. Sie sind ein ziemlich guter Kontraindikator.

mm.de: Was für Regeln sollten Investoren unter neuroökonomischen Gesichtspunkten unbedingt beachten?

Zweig: Sie sollten insgesamt bewusster handeln. Die Beweggründe und Hintergründe des eigenen Handelns ständig hinterfragen - idealerweise systematisch. Und man sollte wichtige Entscheidungen noch einmal überschlafen. Wenn die Idee wirklich gut ist, ist sie das in der Regel auch am nächsten Tag noch.

"Wissen, wie man funktioniert"

mm.de: Haben Sie angesichts der Erkenntnisse, die Sie während der Arbeit an Ihrem Buch erlangten, Ihr eigenes Anlageverhalten verändert?

Zweig: Ja. Ich habe beispielsweise die Aktien meines Arbeitgebers verkauft. Nicht, weil ich es für ein schlechtes Investment halte, sondern weil ich es unter emotionalen Aspekten für keine gute Idee halte, Aktien der eigenen Firma zu besitzen.

Mittlerweile besteht fast mein gesamtes Portfolio aus Index-Trackern. Dies ist natürlich ungünstig, wenn mich beim Small Talk auf Partys Leute, die wissen dass ich Finanzjournalist bin, nach Anlagetipps fragen und ich passen muss. Auch wenn sich Leute brüsten, wie viel sie mit dem einen oder anderen Investment verdient haben, habe ich dem nichts zu begegnen. Aber ich weiß, dass ich auf lange Sicht mit meinen Anlagen die Nase vorn habe.

mm.de: Welche Rolle haben diese psychologischen Mechanismen Ihrer Ansicht nach bei der aktuellen und vergangenen Krisen gespielt?

Zweig: Lassen Sie es mich so sagen: Wenn es sie nicht gäbe, also jeder Investor auf der Welt vollkommen rational handeln würde, gäbe es keinen funktionierenden Aktienmarkt. Wen ich rational handele und eine Aktie kaufen will, aber weiß, dass mein Gegenüber, der verkaufen will, auch rational handelt, dann sollte ich nicht kaufen. Ich würde mir sagen: Er muss etwas wissen, was ich nicht weiß. Und mein Gegenüber würde genau dasselbe denken und nicht verkaufen.

Gefühl ist ja nichts völlig Falsches. Es ist nur sinnvoll, etwas darüber zu wissen, wie man funktioniert.

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