Samstag, 21. September 2019

Hirnforschung "Besser als Sex"

2. Teil: Übersteigerte Erwartungen

mm.de: Sie weisen in Ihrem Buch auch auf direkte Parallelen - was die neuronalen Aktivitäten angeht - zwischen Investieren und Sex hin. Heißt das, ein gutes Investment ist - neurologisch gesehen - besser als Sex?


Jason Zweig: "Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht";
Hanser 2007, 350 Seiten, 19,90 Euro.

Zweig: Das ist durchaus möglich - hängt aber von einer ganzen Menge Dinge ab. Was insgesamt eine große Rolle spielt, ist der Unterschied zwischen Erwartung und Erfahrung. Erwartung manifestiert sich im menschlichen Gehirn meist viel intensiver als Erfahrung. Und die Erwartung, Geld zu verdienen, fühlt sich oft sehr viel besser an als der Vorgang selbst.

Das Problem bei Geldgeschäften ist, dass man Risiken eingeht, die man nicht eingehen sollte. Weil man glaubt, dass wenn sich das Risiko bezahlt macht, es sich besser anfühlen wird als es das am Ende tatsächlich tut. So gehen viele immer größere Risiken ein und verlieren am Ende Geld.

mm.de: Heißt das, wir sind in Geldangelegenheiten mehr Tier als wir selbst glauben?

Zweig: Definitiv. Wir alle denken, wir wissen, warum wir auf bestimmte Weise handeln. Aber normalerweise gibt es zum einen den Grund, den wir für ausschlaggebend halten - und den tatsächlichen. Manchmal sind es dieselben, meistens sind es aber unterschiedliche.

Wir nehmen vielleicht an, Aktien aus rein rationalen Gründen zu kaufen, nach einer sorgfältigen Analyse. Tatsächlich kaufen wir aber, weil das Papier in letzter Zeit zugelegt hat oder es sich einfach gut anfühlt.

Das menschliche Gehirn wurde in seiner Entwicklung darauf ausgerichtet, Entscheidungen über Risiken und Belohnung zu fällen. Dabei ging es um grundlegende Dinge wie Essen, Wasser, Fortpflanzung und Schutz. Wenn sich etwas gut anfühlte, war es aller Wahrscheinlichkeit nach gut für einen, wenn nicht, dann nicht. Aber für den Finanzmarkt ist das viel zu einfach.

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