Samstag, 30. Mai 2020

Bauflaute Kommt der Wohnungsnotstand?

Die Zahlen sind alarmierend: Seit Jahren geht hierzulande die Bautätigkeit zurück, neue Mietwohnungen entstehen inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Die Entwicklung, an der die Bundesregierung maßgeblichen Anteil hat, kann vor allem in Wachstumszentren und Ballungsräumen dramatisch enden.

Hamburg - 400 Euro Miete pro Woche für ein Einzimmer-Apartment in Zentrumsnähe? In London ist das keine Seltenheit. 50 Prozent ihres Nettoeinkommens und mehr zahlen viele britische Hauptstädter für Wohnraum - und zwar selbst bei Unterkünften von minderwertiger Qualität. London gilt als eine der teuersten Städte weltweit. Wer es sich leisten kann, kauft lieber eine Immobilie - die Preise sind allerdings ebenfalls horrend.

Eine solches Szenario - in Deutschland undenkbar? Keineswegs. Experten sind sich sicher: Sollte die Wohnungsbautätigkeit hierzulande in den kommenden Jahren nicht signifikant zunehmen, stehen einigen Wachstumszentren und Ballungsräumen ähnliche Verhältnisse bevor.

"Wir vermeiden es, von einer bevorstehenden Wohnungsnot zu sprechen", sagt Jürgen Michael Schick vom Immobilienverband IVD. "In begehrten Wohngegenden dynamischer Standorte wie München, Frankfurt oder Hamburg beobachten wir jedoch schon heute eine merkliche Verknappung von Mietwohnraum. Dieses droht sich in den kommenden Jahren noch zu verschärfen - und auf weitere Teile des Landes auszubreiten."

Die ohnehin geringe Bautätigkeit, die seit Jahren in Deutschland zu beobachten ist, beschränkt sich laut Schick weitgehend auf Ein- und Zweifamilienhäuser, die nach Fertigstellung vom Bauherren selbst genutzt werden. Mietwohnungen im sogenannten Geschosswohnungsbau dagegen entstehen seit geraumer Zeit so gut wie gar nicht mehr.

Zahlen des Instituts für Städtebau (IFS) in Berlin bestätigen: In keinem anderen europäischen Land werden derzeit so wenige Wohnungen gebaut wie in Deutschland. Im vergangenen Jahr waren es nur 250.000. "Nötig wären 350.000 neue Wohneinheiten pro Jahr", sagt ifs-Leiter Stefan Jokl. "Doch die Zahl wird schon seit Jahren nicht erreicht." 2007 steht laut Jokl mit weniger als 200.000 Wohnungsfertigstellungen ein neues Rekordtief bevor.

Was jedoch noch dramatischer ist: Von den 250.000 neuen Wohnungen entfielen - abgesehen von Eigentumswohnungen - im vergangenen Jahr lediglich 28.000 auf Einheiten in Mehrfamilienhäusern, potenzielle Mietwohnungen also. Zum Vergleich: Mitte der 90er Jahre lag die Fertigstellungsrate in diesem Bereich noch bei 144.000 pro Jahr.

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