Unternehmensanleihen Die Krisengewinner

Firmen haben es wegen der Finanzkrise schwer, sich Geld zu leihen. Umso besser für die Gläubiger - Risiko wird wieder belohnt. Wer jetzt in Unternehmensanleihen investiert, die nicht von Ausfall bedroht sind, kann von niedrigen Einstiegskursen und hohen Renditen profitieren.

Hamburg - Wer die Bewegungen auf den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen schon für zu turbulent hält, sollte besser keinen Blick auf die Kreditmärkte wagen. Dort sind die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise und des Misstrauens der Investoren untereinander direkt zu spüren.

Ein Seismograf für das Zittern im Kreditmarkt ist der Itraxx-Crossover-Index. Er misst indirekt den Aufpreis, den Emittenten von riskanten Unternehmensanleihen im Vergleich zu sicheren Staatsanleihen ihren Gläubigern zahlen müssen. Je höher dieser Aufschlag ist, desto teurer sind Kredite für die Unternehmen und desto höher sind die möglichen Renditen für die Zeichner der Anleihen.

Diese Spreads waren für Anleihen mit fünfjähriger Laufzeit noch bis in den Juni beinahe verlässlich unter 200 Punkten geblieben, schossen aber bis Ende Juli auf beinahe 500 Punkte hoch. Inzwischen schwanken sie um 350 Punkte, immer noch ein sehr hohes Niveau. Das Mehr an Rendite, das Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen bieten müssen, ist also deutlich größer geworden - vor allem, weil die Anleger aus Angst vor versteckten Risiken fliehen und so die Kurse nach unten treiben. Etliche Bonds, die vor der Krise über Nennwert notierten, sind auf Werte unter 100 gefallen.

Doch den meisten Unternehmen geht es gut. Zweifel an der Fähigkeit großer, solventer europäischer Industriefirmen, ihre Kredite zurückzuzahlen, sind weit hergeholt. Übertreibt der Markt, indem er das Risiko wiederentdeckt, dabei aber nicht zwischen guten und schlechten Bonitäten unterscheidet?

"Das kann man im Moment so sehen", bestätigt Josef Kaesmeier, Geschäftsführer von Merck Finck Invest. "In so einer Krise geht alles über Bord." Der Anlageexperte sieht weniger fundamentale Gründe als Notverkäufe am Werk: Banken und Hedgefonds müssen die Löcher stopfen, die bereits ausgefallene Hypothekenkredite gerissen haben. Weil Anleihen mit niedriger Bonität in dieser Situation unverkäuflich sind, stoßen sie wertvolle Anleihen ab, für die es noch einen liquiden Markt gibt. Schlecht für diejenigen, die zu hohen Kursen Anleihen gekauft haben - aber eine Chance für alle, die jetzt über Zukäufe nachdenken. Sie können die Spreu vom Weizen trennen und wertvolle Anleihen unter pari kaufen.

Junk ist wieder Junk

Junk ist wieder Junk

"Das ist der geeignete Zeitpunkt zum selektiven Einstieg", sagt Frank Cerveny, Leiter des Kreditanalyseteams der DZ Bank. Einzelne Anleihen zu kaufen, lohne sich nicht nur wegen der höheren Renditen: "Wenn die Spreads wieder abnehmen, wird man Kursgewinne realisieren."

Bis zum Jahresende, sagt Cerveny voraus, werde der Markt sich wieder auf ein angemessenes Preisniveau eingependelt haben, selbst wenn die US-Immobilienkrise dann noch nicht zu Ende sei. "Irgendwann ist ein Thema auch ausgelutscht."

Kaesmeier schlägt einen vorsichtigeren Ton an. "Ich bin bei einigen Anleihen nicht so sicher, dass man den Spread schnell wieder herunterfahren können wird", sagt er. Man solle unbedingt auf gute Bonität achten. Weil es sein könne, dass "noch eine zweite Welle über die Märkte rollt", empfiehlt Kaesmeier, den Bankensektor, in dem noch längst nicht alle Bilanzrisiken offenliegen, zu meiden. "In der Industrie ist man eher auf der sicheren Seite."

Kaesmeier empfiehlt beispielsweise eine nachrangige Anleihe von Henkel mit zehnjähriger Laufzeit. "Diese Dinger haben wilde Bewegungen bei den Spreads hinter sich, und sind jetzt wieder anständig bepreist", sagt er.

Wer ausdrücklich das Risiko sucht, kann mit Junk-Bonds auf noch höhere Renditen hoffen - muss aber auch mit dem Ausfallrisiko rechnen. Das Bewusstsein darüber war in den vergangenen Jahren fast aus dem Markt verschwunden, auch Anleihen mit niedrigen Bonitäten notierten mit hohen Kursen, brachten allerdings geringe Renditen.

Im Jahr 2006 erreichte aber auch die Zahlungsmoral einen historischen Höchststand. Nach Angaben der Ratingagentur Moody's verzeichneten nur 1,6 Prozent der Junk-Bonds Ausfälle.

Jetzt ist Junk wieder Junk. "Man wird wieder entlohnt dafür, Risiko zu nehmen", räumt Kaesmeier ein. Er rät Privatanlegern dennoch zur Vorsicht. Schließlich sei das Risiko ganz real, andererseits die Rendite im Vergleich zu Anleihen hoher Bonität nicht so hoch, dass sie dafür entschädigen würde.

Profiteure der Abgeltungsteuer

Profiteure der Abgeltungsteuer

Für Investments in Anleihen spricht neben der Gunst der Stunde auch, dass die geplante Abgeltungsteuer sie im Vergleich zu Aktienanlagen bevorzugt. Die Einkommensteuer auf die Zinseinnahmen wird von 2009 an auf 25 Prozent begrenzt. Zwar müssen Kursgewinne auch hier besteuert werden. Bei festverzinslichen Anleihen mit fester Laufzeit tragen die aber ohnehin nur einen relativ unbedeutenden Teil zum Ertrag bei. Wer die Anleihe bis zur Fälligkeit hält, bekommt den Nennwert (in der Regel 100) ausgezahlt.

Wie stark sich die Rendite von Anleihen entwickelt, hängt allerdings stark von einer großen Unbekannten ab: der Entwicklung der Leitzinsen - und die ist in Zeiten so nervöser Märkte schwer vorherzusagen. Vor allem von der Europäischen Zentralbank (EZB) kommen immer wieder widersprüchliche Signale. Mal ist die Inflationsgefahr so groß, dass die Notenbanker ihre "Wachsamkeit" betonen, ein Codewort für bevorstehende Zinserhöhungen. Dann sieht die EZB sich gezwungen, den Markt über außerplanmäßige Schnelltender mit frischem Geld zu versorgen. Schließlich verzichtet sie auf die bereits angekündigte Zinserhöhung, sieht sich aber bemüßigt, zu betonen, wie robust Europas Konjunktur sei.

Ist das nun eine etwas verlängerte Zinspause - oder schon die Zinswende? Letztere sehen viele Marktbeobachter in den USA schon nahen. Nachdem die Federal Reserve bereits den Diskontsatz um einen halben Prozentpunkt gesenkt hat, könnte der wichtigste Leitzins, die Fed Funds Rate, bald folgen. Noch in diesem Monat, so glauben oder wünschen Bankvolkswirte, sinkt der Satz von 5,25 Prozent auf 5 oder gar 4,75 Prozent. Deshalb sind die Aussichten für Dollar-Anleihen weniger rosig.

Rätseln über die EZB

Aber wie sieht es in Europa aus? Die EZB reagiert in der Regel langsamer und weniger radikal auf Änderungen im Markt als die Fed. Kein Wunder: Die Konjunktur zu stützen, gehört offiziell nicht zu ihren Aufgaben. Trotzdem herrscht Verunsicherung. Die meisten Volkswirte und Händler im Zinsoptionsmarkt gehen davon aus, dass die EZB noch in diesem Jahr den Leitzins von 4 auf wenigstens 4,25 Prozent anheben wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Angst vor einer Kreditklemme wieder nachlässt, die vor steigender Inflation hingegen zunimmt.

Viel hängt davon ab, wie stark die Finanzkrise auf die Realwirtschaft in den USA durchschlägt, und wie stark dies wiederum auf die europäische Konjunktur abfärbt. Die Privatbank BHF sagt voraus, dass auch Europa noch 2007 eine Zinswende erlebt. Zum Jahresende werde der Leitzins bei 3,75 Prozent liegen. Das ist bislang noch eine Minderheitenmeinung. Sollte sie aber zutreffen, wären Anleiheninvestments schon weitaus weniger attraktiv.

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