Kreditkrise "Nur eine Atempause"

Trotz aller Turbulenzen - noch ist der Börsenaufschwung nicht vorbei, noch nicht. Aber die Börsenentwicklung geht nun in eine neue Phase. Und die erfordert ganz genaues Hinsehen, erklärt Fondsmanager Hans-Peter Schupp.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Schupp, Dax  und Co. scheinen sich zu beruhigen. Haben wir die Krise ausgesessen?

Schupp: Nein, haben wir nicht. Das ist nur eine Atempause. Oder anders gesagt, wir erleben derzeit eine überfällige Korrektur, die noch nicht vorbei ist.

mm.de: Weil es vier Jahre lang nur bergauf ging?

Schupp: Genau, es war nach dieser langen Phase einfach fällig, dass es einmal rumpelt. Die Ursache war da eigentlich sekundär. Wenn es nicht die Kreditkrise gewesen wäre, dann wäre es das Doppeldefizit der USA gewesen, das die Turbulenzen ausgelöst hätte. Das waren alles Damoklesschwerter, die über unseren Häuptern hingen. Ich begrüße das sehr.

mm.de: Sie begrüßen Verluste der Aktien?

Schupp: Nein, ich begrüße es, dass wir an der Börse zur Normalität zurückkehren. Das ist übrigens das klassische Modell, die Hausse ist nach unseren Beobachtungen immer zweigeteilt. Den ersten Teil haben wir hinter uns. Er war liquiditätsgetrieben. Viel Geld floss in die Märkte, die schon allein deswegen an Wert zulegten.

mm.de: So wie die unter dem Kürzel BRIC zusammengefassten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China?

Schupp: Ja, das ist so ein Fall. Aber diese Phase haben wir in Europa nun hinter uns. Dann kommt regelmäßig eine Phase der Irritation, die sich an der Börse als Korrektur darstellt. Und dann folgt die gewinngetriebene Hausse. Unternehmen, die gute Gewinne einfahren und deren Aktien günstig bewertet sind, werden weiter an Wert zulegen.

"Skeptisch und abwartend"

mm.de: Aber das ist doch nichts Neues - viele Unternehmen haben in der Vergangenheit bereits glänzend verdient und vermutlich auch deswegen ihren Aktienkurs gesteigert.

Schupp: Stimmt. Aber bislang hat das die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Aktien in Europa noch nicht über Gebühr nach oben getrieben.

mm.de: Europäische Aktien zum Beispiel sind also Ihrer Meinung nach noch fair bewertet?

Schupp: Ja. Wir gehen dabei nach dem Fed-Modell vor. Dazu teilt man das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien durch das der Anleihen. Wenn das Ergebnis unter 1 liegt, dann sind Aktien unterbewertet.

mm.de: Wie sehen Sie die Stimmung der Anleger?

Schupp: Es gibt keinerlei Euphorie, das ist das Gute. Viel eher sind die Anleger skeptisch und abwartend. Ich denke, da wird ein bisschen übertrieben. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, so sind wir Menschen nun einmal. Die Amerikaner zum Beispiel verkonsumieren seit geraumer Zeit 120 Prozent ihres Einkommens - aber es sieht doch nicht so aus, als würden die von heute auf morgen nur noch Knäckebrot kaufen.

mm.de: Gibt es den Privatanleger an der Börse eigentlich noch?

Schupp: Mittelbar auf jeden Fall. Sei es als Kunde der Versicherung oder des Fonds. Und bevor Sie fragen - der Privatanleger ist in meinen Augen nicht der Kontraindikator, bei dessen Einstieg alle anderen aussteigen sollten.

Ich erinnere mich noch an die Peso-Krise im Jahr 1994. Alle Profianleger diskutierten, wie weit die Krise gehen würde und ob man Dollar kaufen sollte.

mm.de: Und?

Schupp: Als wir kaufen wollten, gab es keine Noten mehr - die hatten die Privatanleger gekauft, um für ihren Urlaub vorbereitet zu sein.

Die Krise in Bildern: Die Risiken der Börse

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