Altersvorsorge Unsicher, überfordert, misstrauisch

Menschen in Deutschland begegnen dem Thema Altersvorsorge mit großem Vorbehalt. Sie empfinden es als lästig, kompliziert und Furcht einflößend. Und so mancher hat schlicht die Nase voll - Akademiker eingeschlossen, hat eine Studie ergeben. Den Menschen lässt sich helfen, sagen Experten.

Hamburg - Wer 26 Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Einkommen und Ausbildungen insgesamt rund 52 Stunden zu einem Thema befragt, kann eine ganze Menge erfahren - etwa über ihr Altersvorsorgewissen, ihr Vorsorgebewusstsein, ihre Erwartungen an Einkommen und Ausgaben im Ruhestand. Und wie sie mit persönlichen Widersprüchen in diesem Zusammenhang umgehen - oder diese schlicht verdrängen.

Doch taugen solche Gespräche, die daraus systematisch erfassten sowie bestimmten Thesen zugeordneten Antworten, um ein annähernd genaues Abbild der Altersvorsorgewirklichkeit in Deutschland zu erzeugen? Wohl nicht. Dessen sind sich die Verfasser einer vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA) in Auftrag gegebenen Studie auch bewusst, begreifen das jetzt vorgestellte Werk eher als "vorbereitende Untersuchung für ein größeres Forschungsvorhaben".

Die Wissenschaftler formulieren, dass die geringe Stichprobengröße zwar keine Aussagen zur Häufigkeit der beschriebenen Vorsorgetypen oder zur Vollständigkeit der entworfenen Typologie erlaube. Gleichwohl ist man überzeugt, "erste Schlussfolgerungen" ziehen zu können, wie sich die Abschlussbereitschaft in der privaten Altersvorsorge erhöhen ließe.

Das klingt selbstbewusst und dürfte auch Erkenntnissen der in den USA weit fortgeschrittenen Behavioral-Finance-Forschung geschuldet sein. Ob sich einzelne Erkenntnisse und daraus abgeleitete Empfehlungen so ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen, muss sich noch erweisen. Insofern zeugt auch der Titel der Studie - "Altersvorsorge in Deutschland - verloren im Dschungel der Möglichkeiten" - von einem gesunden Selbstbewusstsein.

Zunächst zu den Erkenntnissen der Studie: "Generell" zeigten die Befragten gegenüber dem gesetzlichen Rentensystem ein tiefes Misstrauen ("Die Rente ist unsicher: Man hat so ein Blackbox-Feeling, man weiß nicht, wie viel man kriegt"). An der Einsicht in die Notwendigkeit einer privaten Altersvorsorge habe es aber "keinem der Befragten" gefehlt ("Wir wissen schon, dass etwas passieren muss").

Dabei hätten die Informationskampagnen und die öffentliche Diskussion mittlerweile dazu geführt, dass die Höhe der staatlichen Rente nicht mehr über-, sondern eher unterschätzt werde. Die vielzitierte Rentenlücke schätzten einige Probanden sogar so groß ein, dass selbst "fleißige Sparer" zweifelten, ausreichend vorzusorgen. Die "Vorsorgeverweigerer" unter den Befragten wiederum argumentierten, die Lücke sei so groß, dass sie diese ohnehin nicht mehr schließen könnten, um schließlich nichts zu tun.

Tatsächlich aber hatte kaum einer der Befragten eine klare Vorstellung über seine individuelle Deckungslücke - und wenn, dann nur eine "sehr vage". Wer vorsorgte, folgte dabei nicht einer klaren Kalkulation, sondern verließ sich zumeist auf sein "Bauchgefühl ("Ich hoffe das reicht"), heißt es in der Studie weiter.

"Will damit eigentlich nichts zu tun haben"

Tiefe Abneigung gegen Banken und Versicherer spürbar

Zugleich zeigten sich die Befragten von der Komplexität sowie der Vielfalt der Förderwege und Sparprodukte oft überfordert, oder sie gestanden offen ein, dass sie wenig Neigung verspürten, sich mit dieser Materie auseinanderzusetzen ("Ich hab' halt keine Ahnung von Finanzen und will damit eigentlich auch nichts zu tun haben." / "Ich will nicht mein Leben damit verbringen, die ganze Zeit in Sorge zu leben, um im Alter versorgt zu sein.") Gesteigert werde die "von vielen geäußerte Unsicherheit" zudem durch die Angst vor der "falschen Kapitalanlage", an die man sich mit einer einzigen Unterschrift ein Leben lang binde.

Das Thema Altersvorsorge sei "vielen fremd" und wirke geradezu "Furcht einflößend", schreiben die Autoren der Studie. Wer das Projekt in Angriff nehme, wolle es auch möglichst schnell abhaken und zu den Akten legen. Der Befragte sei dann froh, seine "Lethargie überwunden" zu haben und wolle vom Thema Altersvorsorge "erst einmal nichts mehr hören".

Zugleich gab eine ganze Reihe der Befragten in den Interviews eine tiefe Abneigung gegenüber Banken und Versicherungen zu erkennen.

Entweder, weil sie der Vorsorgebranche per se misstrauen ("Mir fehlt grundsätzlich Vertrauen in den Versicherungsmarkt") und womöglich schlecht beraten wurden ("Was ich schon alles an Kohle verloren habe, durch Verträge, die ich vorzeitig aufgelöst habe, da wird man einfach kritisch"). Oder sie wurden von ihrem Berater bei der Kapitalanlage schlicht über den Tisch gezogen, wie jene Familie, die mit einer Fehlinvestition in eine Ostimmobilie totalen Schiffbruch erlitt ("Von den ganzen Banken habe ich die Schnauze voll").

Unsicherheit, Misstrauen und womöglich auch die Kenntnis von schlechten Erfahrungen Dritter führten schließlich dazu, dass "viele" den Abschluss eines Altersvorsorgevertrags auf die lange Bank schöben. Andere wiederum erachteten in den Interviews das Vorsorgesparen als überflüssig, weil man ohnehin glaubte, erhebliche Beträge zu erben. Oder sie erwarteten in der Zukunft ein deutlich höheres Gehalt, das dann ja ein vielfaches Sparpotenzial verspreche.

"Rationalisierung einer gewissen Verweigerungshaltung"

Die Autoren der Studie schließen dabei nicht aus, dass die formulierten Hemmnisse letztlich nur vorgeschoben sein könnten, nichts anderes seien als die "Rationalisierung einer gewissen Verweigerungshaltung". "Eine kleine Portion Selbstbetrug" dürfte jedenfalls bei allen mitschwingen, die im Grunde wüssten, dass sie finanziell zu wenig für das Alter vorsorgen.

Und: "In einem sind sich fast alle einig: Sparen darf nicht weh tun." Vor allem die "Besserverdiener" unter den Befragten pflegten deshalb eine Philosophie des "hedonischen Zufallssparens": "Gespart wird, was am Ende des Monats übrig ist."

So weit, so schlecht.

Doch den Autoren und dem von der Deutschen Bank getragenen Institut liegt daran, die "Sparmuffel" zu überzeugen, sie zu einem kontinuierlichen Altersvorsorgesparen anzuleiten. Hier setzt das DIA künftig vor allem auf praktisch umsetzbare Erkenntnisse der Behavioral-Finance-Forschung.

Die Trägheit einfach austricksen

Altersvorsorge - ohne Widerspruch automatisch dabei

Dafür gelte es, die Welt des "Homo Oeconomicus" zu verlassen, jenes wissbegierigen Menschen also, der sich im idealtypischen Fall bestens informiert, Risiken und Chancen einer Kapitalanlage abwägt und die für sich beste Entscheidung trifft. Man müsse die Menschen auch in finanzwirtschaftlicher Sicht so erfassen, wie sie wirklich sind: oft träge und undiszipliniert.

Trägheit ließe mit sanftem Druck überwinden. Nach dem Opt-out-Modell zum Beispiel könnten Beschäftigte in eine betriebliche Altersversorgung integriert werden, so bald sie ihre Stelle bei dem Unternehmen antreten. Wenn die neuen Mitarbeiter nicht explizit widersprechen (opt-out), sind sie bei der Altersvorsorge automatisch dabei.

Vorsorgesparen darf aber nicht "weh tun", so das Credo der Befragten. Ein spürbarer Konsumverzicht sollte sich also nicht einstellen. Weniger problematisch empfinden Sparer dagegen die Beschneidung von "Gewinnen", sprich eine geringere Zunahme des Konsums nach einer Gehaltserhöhung, lautet eine Erkenntnis der Behavioral-Finance-Forschung.

Viel spreche daher dafür, die jeweils nächste Gehaltserhöhung als Sparbeitrag für die private Altersvorsorge zu verwenden, schreiben die Autoren. In breit angelegten und praktisch erprobten Studien in den USA habe sich diese Strategie bewährt. Nur die wenigsten der ehemaligen "Sparmuffel" seien aus diesen Programmen ausgestiegen. Die meisten wurden - wenn man so will - im positiven Sinne Opfer ihrer eigenen Trägheit.

Produkte vereinfachen, Strukturen entschlacken

"Keep ist simple" und "Weniger ist mehr" sind zwei weitere Empfehlungen, die die Autoren geben. Mit anderen Worten: Produkte könnten verständlicher gestaltet sowie Förderwege und -kriterien über den Gesetzgeber vereinheitlicht werden. Zugleich gelte es zum Beispiel auf betrieblicher Ebene, das Angebot auf einige wenige Altersvorsorgeprodukte zu reduzieren. Parallel zum angewandten Opt-out-Modell erhöhe dies die Vorsorgebereitschaft unter den Menschen deutlich, heißt es unter Berufung auf Forschungsergebnisse in den USA.

Mehr Transparenz in und Aufklärung über Altersvorsorge könnte das von vielen Befragten an den Tag gelegte Misstrauen gegenüber Banken und Versicherungen zumindest mindern, meinen die Autoren. Dafür müsste es der Finanzwirtschaft gelingen, entsprechende Zielgruppen etwa über Betriebsräte, Gewerkschaften oder auch die Unternehmensführung zu erreichen. Mit Blick auf die private Altersvorsorge dürfte es sich allerdings schwieriger gestalten, von den Kunden als vertrauenswürdig empfundene Kontaktpersonen zu finden, räumen die Autoren ein. Mehr Aufklärung, sprich eine bessere Wissensvermittlung in Sachen Geldanlage, könnten hier Schulen und Volkshochschulen leisten, hoffen die DIA-Autoren.

Die Altersvorsorgebereitschaft der Menschen ließe sich auch erhöhen, wenn die Produkte ihren Kunden mehr Flexibiliät einräumten, so der unausgesprochene Appell an die Vorsorgebranche. Das Leben sei nun mal keine Einbahnstraße. Karriereknick, Arbeitslosigkeit, Familiengründung, Erwerb von Wohneigentum oder das Umsatteln auf Selbstständigkeit könnten den Vorsorgeprozess entscheidend verändern. Solche Lebensphasen müssten die Produkte mitgehen und abbilden können.

Was hilft, wenn nichts hilft

Alternativen zum dauerhaften Sparprozess

Doch Vorsicht, warnen die Autoren: Absolut offene Einzahlungen in Höhe und Zeit könnten zu unregelmäßigem Sparen verleiten. Dies diene dem Vorsorgesparer nicht und belaste die Kalkulationsfähigkeit des Anbieters. "Unverbindliche" Sparformen seien gegenüber festen Sparverträgen zudem stets der Gefahr der "Plünderung" für den spontanen Privatkonsum ausgesetzt. Für besser halten die Wissenschaftler daher monatliche Beiträge mit der Option, sie gegebenenfalls herabsetzen zu können.

Und was empfehlen die Wissenschaftler nun jenen, die für eine spätere Geldrente nicht sparen können oder wollen, damit ihr Lebensstandard im Alter nicht sinkt?

Sozusagen auf der "Entstehungsseite der Einkommen" ziehen die Experten eine verlängerte Lebensarbeitszeit durch eine kürzere Ausbildung, früheren Erwerbseintritt und späteren Renteneintritt in Betracht. Dies könnten sich vor allem Akademiker vorstellen, während Nicht-Akademiker diese Option in den Interviews zumeist ausgeschlossen haben.

Andere Alternativen böten sich auf der "Verwendungsseite der Einkommen": So raten die Autoren etwa zum Erwerb von Wohneigentum, um durch mietfreies Wohnen im Alter das Konsumpotenzial zu erhöhen. Ginge es den Betroffenen schlecht, könnten sie ihr Wohneigentum beleihen, um damit möglicherweise anfallende Pflegekosten zu finanzieren.

Eine weitere Möglichkeit stelle das sogenannte Empty-Nest-Sparen dar. Hinter diesem verunglückten Halbanglizismus steht eine einfache Vorstellung: Sind die Kinder aus dem Haus und finanziell unabhängig, erhöhe sich für die Eltern schlagartig das eigene Konsumpotenzial. Doch anstatt das überschüssige Geld in ausgedehnte Reisen und teure Konsumgüter zu stecken, sollten es die Eltern zumindest teilweise auf die hohe Kante legen.

Und was, wenn diese "Alternativen" nun keine sind? Dann bleibe dem Spar- und Vorsorgemuffel im Rentenalter nur eines: Konsumverzicht.

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