Rohstoffe Mehr als nur teure Milch

Wer vor Wochen in Milch investiert hätte, hätte einen guten Riecher bewiesen. Denn die Preise für Molkereiprodukte steigen kräftig an. Bei anderen Rohstoffen sieht es aktuell nicht ganz so gut aus - Fondsmanager bauen daher ihre Portfolios um.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es geht drunter und drüber an der Börse. Aktien aus ganz unterschiedlichen Weltgegenden und Sektoren, die sich eigentlich unterschiedlich entwickeln sollten, schwingen synchron hin und her. Oder etwas fachmännischer ausgedrückt, "die Korrelationen sind durcheinander geraten". So nennt es Matthias Schellenberg, der ING Investment Management in Deutschland leitet. "Das macht es schwieriger, ein Portfolio im Rahmen quantitativer Aspekte zu steuern." Besonders auf Rohstoffmanagern lastet erheblicher Druck.

Zum einen, weil sie in den vergangenen Jahren mit hohen Wertsteigerungen glänzten, zum anderen, weil Rohstoffexperten wie Jim Rogers seit geraumer Zeit von einem Superzyklus sprechen, der die Wertentwicklung der Rohstoffe auf Jahre hinaus treiben sollte. Das weckt Erwartungen. Abgesehen davon galten Rohstoffe lange als eine Anlageklasse, die sich vergleichsweise unabhängig von den restlichen Aktien entwickelt. Entsprechend werden sie auch vermarktet. "Commodities, also Rohstoffe, entwickeln sich weitgehend unabhängig von herkömmlichen Anlageformen wie Aktien oder Renten", heißt es in einem Prospekt von Pioneer Investments.

Tatsächlich ist die Geschichte vom Superzyklus bestechend einfach. Die Börse liebt solche Geschichten. Da sind die Chinesen und die Inder, deren Wirtschaft sich in großen Sprüngen entwickelt. Um die lange eher an dörflichen Bedürfnissen ausgerichtete Infrastruktur auf einen modernen Stand zu bringen, brauchen beide Länder Stahl, Beton und so weiter. Rohstoffe eben, die zum Beispiel brasilianische Gruben liefern und die deutsche Hochöfen veredeln.

Das treibt die Kurse der Rohstoffe und der entsprechenden Aktiengesellschaften. Und da der Aufschwung dieser Länder zum großen Teil eine Aufholjagd ist und beide zusammen über zwei Milliarden Menschen umfassen, rechnen viele Experten damit, dass die Rohstoff-Rally noch lange andauert.

"Stronger for longer"

"Stronger for longer"

Doch nun stecken eben auch Rohstoffinvestments in den Turbulenzen aus sinkenden Häuserpreisen in den USA, verkauften Kreditforderungen und misstrauischen Banken. Müssen sich Rohstoffanleger von den Renditen der Vergangenheit verabschieden? Nein, so die Meinung der Rohstoffexperten. Doch vorsichtiger sind sie geworden. "Wir glauben, dass die Selektion immer wichtiger wird", sagt Graham French, Fondsmanager des M&G Global Basics .

Auch andere scheinen zu fürchten, dass die Geschichte nicht ganz so rosig ausgeht, wie es normalerweise der Fall ist. Darauf stellt man sich nun ein. Im Vergleich zum globalen Maßstab, dem MSCI Welt Index, hält der UniGlobal zum Beispiel inzwischen etwas weniger Rohstoffwerte. Weil deren Aussichten unsicher sind, so das Management. Um die Sicherheit des Fonds dennoch zu erhöhen, hält man bei der Fondsgesellschaft Union Investment vorwiegend die Aktien der Großunternehmen - weil diese liquider sind und man sich davon also problemlos trennen kann. Und Graham French hat seinen M&G Global Basics gleichfalls umgeschichtet. Weg von Rohstoffen, hinzu solchen Aktien, die er Basis-Firmen nennt. Etwas wie Palmolive. Aus zwei Gründen: "Ich glaube dass die Bewertungen in anderen Sektoren als bei den Rohstoffen attraktiver ist. Und das Auftauchen einer wachsenden Konsumentenklasse wird die Weltwirtschaft entscheidend ändern." Davon würde Palmolive eher profitieren als Plutonium.

Dennoch stehen die meisten Fondsmanager offenbar auch weiterhin zu den Rohstoffen. Auch jene, die einen breit streuenden Fonds verwalten und auch in andere Aktien investieren könnten. Klaus Kaldemorgen zum Beispiel. Der Fondsmanager verwaltet in seinem DWS Vermögensbildungsfonds inzwischen über sechs Milliarden Euro - und davon stecken rund 6 Prozent auch in Rohstoffaktien. Ein ähnliches Bild beim UniGlobal , dem Aktien-Dickschiff bei Union Investment. Das Vertrauen in die Rohstoffe ist also da.

Und das dürfte sich so schnell nicht ändern. Die Aktien halte man wegen der großen Nachfrage nach Rohstoffen aus Indien und China, heißt es Union Investment. Die Allianz-Dit-Managerin Petra Kühl bringt diesen Konsens auf den Punkt. "Der Begriff 'Superzyklus' ist mir zwar zu stark, aber für Rohstoffe sehe ich dennoch ein 'stronger-for-longer' Szenario, denn: Die Nachfrage nach Rohstoffen sollte weiter stark wachsen", sagt die Verwalterin des Allianz-Dit Rohstofffonds . Ihre Gründe klingen einleuchtend. "Das gilt auch bei einer eventuellen Abschwächung des Weltwirtschaftswachstums ausgehend von einer Abschwächung des privaten Konsums in den USA. Grund ist, dass die Rohstoffnachfrage in erster Linie von der Nachfrage der Entwicklungsländer, insbesondere China getrieben wird. Da Rohstoffe, wie zum Beispiel Eisenerz oder Kupfer, vor allem für den Aufbau von Infrastruktur verwendet werden, sollte die Nachfrage über mehrere Jahre hinweg weiter zunehmen."

Hilfreiche Regierungsprogramme

Hilfreiche Regierungsprogramme

Gleichzeitig nehme das Angebot nur langsam zu, "aufgrund immer noch nicht beseitigter Engpässe in der Transportinfrastruktur."

Steigende Nachfrage, ein Angebot, das den Bedarf nicht decken kann - alles Zutaten für steigende Rohstoffnotierungen. Tatsächlich haben nur die wenigsten grundsätzliche Zweifel am langfristigen Erfolg der Rohstoffe. Bill Miller zum Beispiel.

Seit Jahren wird der amerikanische Fondsmanager nicht müde, vor den Rohstoffen zu warnen, hat auch kein Quäntchen seines Legg Mason Value Funds  dort angelegt. "Beim Öl sind wir beim oder nahe des Peaks vom vergangenen Sommer. Die meisten anderen Rohstoffe haben gegipfelt und sinken jetzt wieder von den Höhen, die sie im vergangenen Jahr oder in diesem Jahr erklommen haben. Getreide zum Beispiel wurde durch Programme der Regierung für Ethanol getrieben." Mit seiner ablehnenden Haltung steht Miller fast allein da.

Tatsächlich stiegen die Preise für die so genannten "soft commodities" auch im Juli kräftig. "Im Agrarbereich konnte Zucker bedingt durch den deutlichen Anstieg bei Rohöl diesen Monat um über 8 Prozent zulegen. Weizen konnte diesen Monat ein Gewinn von über 5 Prozent erzielen", heißt es im Bericht zum Pioneer Euro Commodities. Noch stärker stieg der Preis für Milch - um fast 8 Prozent im Juli.

Damit wären Miller und Kollegen gut gefahren. Doch "dieser Bereich ist nicht Teil des Anlagespektrum des Allianz-Dit Rohstofffonds", so Kühl. Auch bei den anderen Fonds fehlt ein solches Investment. Schade eigentlich. Die Milch macht's - zumindest aktuell.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.