Börsenturbulenzen "Vorübergehendes Gewitter"

Sind die Turbulenzen an der Börse ausgestanden? Anlageprofi Gottfried Heller rechnet mit weiteren Problemen. Trotzdem rät der langjährige Partner von Börsenstar André Kostolany zum vorsichtigen Einstieg. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt er, warum.

mm.de: Herr Heller, in unserem vorigen Interview im Februar gaben Sie einen positiven Ausblick für den Dax , sagten aber, es seien jederzeit Korrekturen von 20 bis 30 Prozent möglich. Die US-Hypothekenkrise hat uns in der Spitze ein Minus von 12 Prozent beschert. Ist also noch Luft nach unten?

Heller: Luft nach unten kann es schon noch geben. Wir könnten nochmals die 7200-Punkte-Marke streifen, weil die Nervosität immer noch sehr groß ist und weil immer noch einige Leichen im Keller liegen.

mm.de: Meinen Sie die Keller der Banken?

Heller: Die der Banken und die der Hedgefonds. Die Hedgefonds haben zum Teil hypothetisch nach Computermodellen errechnete Kreditpakete wie Collateralized Debt Obligations (CDOs) in ihren Büchern. Die sind zum großen Teil Black Boxes, weil gar nicht am Markt durch Angebot und Nachfrage der Preis ermittelt wurde. Zwei Fonds von Bear Stearns  sind ja schon fast lautlos Pleite gegangen.

mm.de: Na ja, ganz lautlos war es nicht ...

Heller: Es hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Da kam zum ersten Mal ans Licht, dass es ganz schön dumm ausgehen kann, wenn man nur rechnerischere Kurse eingestellt hat. Man bekommt den gedachten Preis nicht oder wird die Anteile gar nicht los, weil die Märkte den Black Boxes einfach nicht trauen. Das ist der Kern des Problems. Es ist eine Vertrauenskrise, die darauf hinausläuft, dass zwar Geld da ist, aber nicht zirkuliert.

Die Fonds sind zum Teil überrascht, wie schlecht die CDOs am Markt zu versilbern sind. Dann verkaufen sie auch andere Dinge wie Aktien, um die Rückflüsse zu bedienen. Das ist der Grund, warum solide Bluechips eher unter die Räder kommen, als Aktien, die gar nicht gut gelaufen sind - nicht aus fundamentalen Gründen, sondern weil man aus Geldnot die Titel verkauft, die noch am besten stehen.

mm.de: Die Banken müssen sich im Oktober mit ihren Quartalsberichten offenbaren. Wird das noch eine kritische Phase für die Märkte?

Heller: Ja. Hinzu kommt, dass man vielen Hedgefonds ein Vierteljahr vorher ankündigen muss, wenn man aussteigen will. Die haben sicherlich jetzt schon Kündigungen bekommen, und im September oder Oktober wird es Rückflüsse geben.

"Notenbanken greifen beherzt ein"

mm.de: Aber grundsätzlich sind Sie weiterhin Optimist.

Heller: Genau. Dies ist eine durch eine Vertrauenskrise ausgelöste Liquiditätsklemme. Es ist so, wie wenn das Herz nur noch zwanzig Schläge macht oder fast stillsteht. Dann haben Sie zwar immer noch acht Liter Blut im Körper, aber es zirkuliert nicht mehr.

mm.de: Das kann aber tödlich ausgehen.

Heller: So ist es auch im Bankensystem. Deshalb haben ja auch die Notenbanken sehr beherzt eingegriffen und Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Fed hat den Diskontsatz gesenkt, um den Banken unter die Arme zu greifen. Außerdem hat sie der Citibank  und der Bank of America  Kredite gegeben und CDOs als Sicherheit akzeptiert. Damit wollte sie dem Markt ein Vertrauenssignal geben, dass sie diese verbrieften Kreditpakete durchaus als werthaltig betrachtet.

mm.de: Wenn die EZB Anfang September den Leitzins anhebt, gibt sie dem Markt aber ein Signal, dass sie die Zügel wieder anziehen will.

Heller: Ich bin mir noch nicht sicher, ob sie da so stur bleibt. Wenn es im September gerade turbulent zugehen sollte, dann denke ich kaum, dass die EZB noch Öl ins Feuer gießen wird.

Die Notenbank ist nicht nur für die Stabilität des Geldes zuständig, sondern auch für die Stabilität des Finanzwesens. Und das umfasst heute nicht mehr nur Banken und Versicherungen, sondern auch Mitspieler wie Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds. Wenn die ins Straucheln kommen, ist es viel teurer, sie absaufen zu lassen, als sie zu retten.

Ich habe viele solcher Krisen erlebt, den Schwarzen Montag 1987, die Savings-and-Loans-Krise 1990, die Mexiko-Krise 1994/95, die Asienkrise ab 1997, die Pleite des Hedgefonds LTCM in Russland 1998... Jedesmal haben die Notenbanken eingegriffen und Liquidität in den Markt gegeben. In diesen Krisen wird ja Kapital vernichtet. Wenn man dieses Kapital ersetzt, indem man Geld druckt, ist das nicht inflationär. Solche Krisen wirken sich ja konjunkturdämpfend aus.

mm.de: Wie schätzen Sie denn das aktuelle Risiko für die Konjunktur ein?

Heller: Nicht dramatisch, denn die Realwirtschaft steht auf relativ gesunden Beinen. Die Unternehmen in Europa wie in Amerika haben sich seit einigen Jahren entschuldet und schwimmen im Geld. Die haben alle saubere Bilanzen, und haben Geld übrig, sogar um Aktien zurückzukaufen. Zunächst ist es eine Verschuldungskrise der Konsumenten, des kleinen Mannes, und nicht der Industrie.

"Dosiert zukaufen"

mm.de: Ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt zum Aktienkauf?

Heller: Absolut. Wenn Sie ein nervenstarker und langfristig orientierter Anleger sind, dann können Sie jetzt schon, immer an schwachen Tagen, Aktien zukaufen, die Sie für attraktiv und preiswert halten. Ich würde nicht gleich mein ganzes Pulver verschießen, sondern vielleicht ein Drittel oder die Hälfte von dem kaufen, was ich später halten will. Das ist auch psychologisch wichtig, um günstige Kurse nicht durch Abwarten zu verpassen.

mm.de: Haben Sie das mit Ihren Fiduka-Fonds auch so gehandhabt?

Heller: Ja. Immer, wenn etwas günstig geworden ist, haben wir dosiert zugekauft. Wir haben aber noch Pulver trocken, weil wir annehmen, dass es noch Schwankungen geben wird. Beispiele wie die SachsenLB oder die IKB  sind Augenöffner. Wenn man glaubt, es sei jetzt ausgestanden, kommen die immer noch mit irgendwelchen Schieflagen.

mm.de: Welche Aktien halten Sie im Moment für attraktiv?

Heller: Ich halte die internationalen Multis, also die Bluechips, für die attraktivsten, aus mehreren Gründen. Zum einen sind sie schon heute relativ gesehen biliger als die Nebenwerte. Zweitens suchen weiterhin riesige Summen Anlagen. Der Markt ist zweigeteilt. Auf der einen Seite die Liquiditätskrise der Banken, auf der anderen die anhaltende weltweite Geldschwemme. Zum Beispiel die Ölscheichs nehmen seit Jahren das Doppelte von dem ein, was sie üblicherweise für ihr Öl bekommen haben. Die haben Milliarden anzulegen. Dazu kommen die Staatsfonds von Ländern wie Singapur, China, Kuwait oder Norwegen, die Teile ihrer Devisenreserven in die Industrie investieren. Diese Gelder können nicht in die Nebenwerte gehen, sondern eher in die Bluechips.

Die Multis haben außerdem den Vorteil, dass sie gut abschneiden, egal ob Europa, Amerika oder Asien nun schneller wächst. Microsoft  ist weltweit vertreten, BASF  ebenso, Siemens  auch. Irgendwo geht immer was.

mm.de: Sind europäische Aktien also genauso gut wie amerikanische?

Heller: Ich würde europäische Aktien bevorzugen, weil sie noch immer günstiger bewertet sind als amerikanische und weil ich hier nicht noch ein zusätzliches Währungsrisiko habe. Attraktiv sind aber auch die Emerging Markets. Die sind weiterhin moderat bewertet, sie haben ein Kurs-Cash-Flow-Verhältnis von etwa 10 und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 16. Die Hauptaktienmärkte sind sogar noch ein bisschen teurer. Und die Unternehmen aus den Emerging Markets mit ihrem ziemlich rasanten Wachstum werden auch weiter Gewinne machen und haben bei dieser Bewertung Kurschancen.

mm.de: Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?

Heller: Ich kann mir gut vorstellen, dass er wieder in die Nähe von 8000 Punkten hinaufkommt, sei es gegen Ende dieses Jahres oder in den ersten Monaten des nächsten. Ausrechnen kann man die Entwicklung allerdings nicht. Ich habe zum Jahresbeginn in meinem Ausblick zwei Dinge gesagt, die sich erfüllt haben: Es wird eine deutlich höhere Volatilität in diesem Jahr geben und ich halte einen Unglücksfall im Finanzsystem bei Banken, Hedgefonds und Private-Equity-Fonds für das größte Risiko für die Börsen. Das ist im Gang. Aber es ist ein vorübergehendes Gewitter. Es ist keine systemgefährdende Krankheit, die dann die Realwirtschaft mit nach unten zieht.

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