Geldanlage "Deutsche Finanzanalphabeten"

Geldanlage ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch des Wissens darüber. Und da sieht es in Deutschland düster aus, wie eine aktuelle Studie belegt. Nun wird der Ruf nach dem Staat laut.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Goethe, klar. Oder auch Albert Einstein. Aber Harry Markowicz, da müssen viele passen. Während Allgemeinbildung in Deutschland trotz schwacher Pisa-Studien noch immer einen hohen Stellenwert genießt, scheint Kapitalanlage, das Geschäft mit dem Geld, viele nicht zu interessieren.

Das bringt einmal mehr eine aktuelle Studie des Forsa-Instituts an den Tag. Die Kernaussage: Zwei Drittel aller deutschen Anleger haben keinen genauen Überblick über die Entwicklung ihrer Fonds. In volatilen Zeiten wie diesen ist das ein Problem. Denn ein eben noch gut ausbalancierte Portfolio kann ganz schnell aus dem Gleichgewicht geraten. Wer zum Beispiel vor einem einem Monat 10.000 Euro in den Dax  investiert hatte, beispielsweise über den Fonds OP Dax-Werte, sowie 10.000 Euro in den Immobilienfonds SEB ImmoInvest, hatte zum gegen Mitte August nur noch 9370 Euro im Aktienfonds, aber 10.020 in dem Immobilienfonds. Das Gleichgewicht war also fort - in nur einem Monat. Es lässt sich leicht ausrechnen, was über ein Jahr geschehen kann oder gar über einen längeren Zeitraum. Ohne stete Kontrolle können Desinteresse oder Unkenntnis in Finanzdingen also teuer werden.

Daran scheint es tatsächlich zu happern. "Deutsche Anleger sind leider finanzielle Analpabeten", so nennt es Franz-Josef Leven, der über das Deutsche Aktieninstitut (DAI) seit Jahren für die Aktie als Geldanlage streitet.

Offenbar nur mit mäßigem Erfolg. Zwar investieren statistisch wieder mehr Deutsche in die Aktie, doch wirklich nachhaltig ist diese Entwicklung nicht. "Da können die Zeitungen noch so viel über die Notwendigkeit der Aktie schreiben, das kommt nicht an. Weil es nur jene lesen, die sich dafür interessieren. Und nicht jene, die es lesen sollten." Da stimmen auch andere zu: "Die Aversion der Deutschen gegen Aktien ist zum einen historisch bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch nach dem zweiten Weltkrieg. Zum zweiten lieferte gerade die ausschließlich staatlichorganisierte Altersvorsorge bisher wenig Anreiz beziehungsweise Notwendigkeit, sich langfristig in Aktieninvestments im Rahmen einer privaten Vorsorge zu engagieren", sagt Matthias Schellenberg, Deutschlandchef der ING Investment Management.

Und sein Kollege Ad van Tiggelen, der Senior Investment Manager der Niederländer ergänzt: "Die Deutschen schätzen es mehr als der Durchschnitt, Dinge zu kontrollieren. Das haben sie mit den Japanern gemeinsam. Darum bauen beide Nationen auch so hochwertige Produkte, viellicht die besten Autos der Welt. Aber darum, zumindest in meinen Augen, investieren beide Nationen so wenig in Aktien. Die Geldanlage in Deutschland - eine geschlossene Veranstaltung?

Schulen in der Pflicht

Schulen in der Pflicht

Ein bisschen schon. Entweder, man gehört zu denen, die ihr finanzielles Schicksal selbst in die Hand nehmen. Dazu gehört aber nicht nur der Kauf der Wertpapiere, sondern auch die Überwachung des Depots. Oder man gehört zu jenen, die das nicht wollen und schaltet professionelle Hilfe hin. Doch auch damit scheint es in Deutschland nicht zum Besten zu stehen. Immerhin meint jeder vierte der Befragten, sein Bankberater würde sich nicht gut genug um ihn kümmern. Das zumindest besagt die Forsa-Studie. Die Hilfe anderer hilft also nicht und zur Selbsthilfe fehlt die Lust, die Zeit und das Wissen - ein Dilemma. Das sich nur mit dem Schwert durchschlagen lässt.

Leven scheint es schon einmal probehalber in der Hand zu wiegen. "Die Schulen sind in der Pflicht. Es muss neben Deutsch und anderen Pflichtfächern auch ein Fach Geldanlage geben. Es kann doch nicht sein, dass ein Gutteil der Deutschen nicht den Unterschied zwischen einer EC-Karte und einer Kreditkarte kennt." Geschweige denn zwischen einem Immobilien- und einem Immobilienaktienfonds. "Diese Lücke kann nur die Schule schließen. Das fordern wir bereits seit Jahren. Allerdings müssten dann auch Lehrer weg von der Einstellung, Wirtschaft sei etwas Ungehöriges."

Und die Wirtschaft? Schließlich würden auch deutsche Unternehmen von dem vermehrten Wunsch nach Aktien profitieren und könnten dazu ihr Scherflein beitragen. "Die sind schon aktiv und investieren im zwei- bis dreistelligen Millionen Betrag pro Jahr in Börsenspiele, Unterrichtsmaterial und so weiter. Aber auch das erreicht nur die, die sich für das Thema bereits interessieren. Die Wirtschaft macht also viel - aber für eine übergreifende und neutrale Unterrichtung ist immer noch der Staat zuständig."

Und eigentlich sind die Grundvoraussetzungen hierzulande nicht schlecht. Denn Deutschland ist, zumindest statistisch gesehen, wohlhabend. Das Geldvermögen der privaten Haushalte lag 2006 bei 4,53 Billionen Euro, 5 Prozent mehr als noch 2005. Pro Kopf sind das immerhin 55.000 Euro. Doch es krankt an der Aufteilung des Vermögens - zuviel auf Sicherheit gesetzt, zuwenig auf Chancen. Ein klassischer Anlagefehler, der auf mangelndem Wissen fußt. Allein ein Viertel dieses Geldes, so haben Bundesbank und die vom Bundesverband deutscher Banken herausgegebene Zeitschrift "Die Bank" ausgerechnet, ist zum Beispiel in Versicherungen investiert. Auf 14.000 Euro belaufen sich Ansprüche aus Lebensversicherungen. In den lukrativeren Aktien, die freilich auch mehr Arbeit machen, stecken nur 4500 Euro, in Investmentfonds gut 6400 Euro. Positiv ist also nur, dass das Geld da ist.

Goethe wusste Bescheid

Goethe wusste Bescheid

Nun muss das Geld effizient zum Arbeiten geschickt werden, zum Beispiel in den Aktienmärkten. Vielleicht braucht es noch Zeit - die USA wurden auch nicht von heute auf morgen zur Aktienhochburg. Und vielleicht müssen die Anleger tatäschlich erst auch die düsteren Erfahrungen des Platzens der TMT-Blase im Jahr 2000 verarbeiten - eine Studie der Universität Mannheim zeigt, dass so etwas prägend für das Anlageverhalten sein kann.

In der Zwischenzeit sind jene Produkte keine schlechte Idee, die auf ein bestimmtes Ziel hinarbeiten, wie zum Beispiel Zielsparfonds oder auch die Riesterfonds. Deren Verwalter achten nämlich auf die Balance zwischen riskanteren Aktien und weniger riskanten Anleihen.

Immerhin, die Erkenntnis, dass gespart werden muss, ist da. Die Sparquote liegt über 10 Prozent, und damit doppelt so hoch wie zum Beispiel die der Briten. Jetzt hapert es nur noch bei der Umsetzung. Dieses deutsche Dilemma wurde schon früh erkannt, von Johann Wolfgang von Goethe. "Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles", heißt es leicht abgewandelt im Faust I. Um dann allerdings seufzend hinzuzufügen: "Ach wir Armen."

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