Kreditkrise "Typisches Platzen einer Blase"

Die Notenbanken fluten die Märkte mit frischem Geld, doch die Nervosität bleibt hoch. "Noch ist die Krise nicht ausgestanden", warnt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Der Finanzexperte sagt, warum es richtig ist, jetzt den Geldhahn aufzudrehen.

mm.de: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Banken am Donnerstag kurzfristig 95 Milliarden Euro frisches Geld zur Verfügung gestellt, die größte Liquiditätsspritze in ihrer Geschichte. Am Freitag folgte ein weiterer Schnelltender in Höhe von 61 Milliarden Euro. Andererseits hat die EZB für September eine weitere Zinserhöhung angedeutet. Wie passt das zusammen?

Schilbe: Mit ihrem Soforttender hat die EZB Risikomanagement betrieben und richtig gehandelt. Es ging darum, die kurzfristigen Verwerfungen auf dem Geldmarkt zu glätten und den Markt zu stabilisieren. Die Sorge einiger Banken, kurzfristig nicht mehr genug Geld zu bekommen, hatte den Zinssatz für Tagesgeld am Donnerstag zeitweise bis auf 4,7 Prozent hoch getrieben: Anlass für die EZB, dem Markt 95 Milliarden Euro zu einem festen Zinssatz von 4 Prozent zur Verfügung zu stellen und auf diese Weise die Marktteilnehmer zu beruhigen. Die Zinsen am Geldmarkt sind daraufhin ja auch wieder heruntergekommen.

Auch die Notenbanken in den USA, Japan, Kanada und Australien haben kurzfristig Liquidität bereitgestellt und damit signalisiert: Von einer Liquiditätskrise kann keine Rede sein. Die zweite Finanzspritze der EZB in Höhe von 61 Milliarden Euro am heutigen Tag folgt dieser Logik.

mm.de: Die Notenbanken drehen die Geldhähne auf. Gleichzeitig warnen sie aber vor Inflation und wollen das Geldangebot durch höhere Zinsen verknappen. Ist die angekündigte nächste Zinserhöhung in Euroland aufgrund der aktuellen Turbulenzen hinfällig?

Schilbe: Man muss unterscheiden zwischen einem kurzfristigen und notwendigen Risikomanagement und der mittelfristigen Einschätzung der Volkswirtschaft. Grundsätzlich ist die Konjunktur in Euroland weiterhin in solider Verfassung, und die EZB sorgt sich zu Recht um die Stabilität der Preise.

Daher ist es konsequent, die Zinsen bis Jahresende auf 4,25 Prozent oder vielleicht sogar auf 4,5 Prozent zu erhöhen. Aufgrund der aktuell sehr hohen Nervosität am Geldmarkt war zwar eine kurzfristige Finanzspritze angebracht - gleichzeitig ist mittelfristig dennoch von steigenden Zinsen in Euroland auszugehen.

"Der Wechsel kommt rapide und hart"

mm.de: Reichen die Geldspritzen der Notenbanken aus, um den Brand am US-Hypothekenmarkt zu löschen und den Finanzmarkt zu beruhigen?

Schilbe: Die entscheidende Frage ist, ob auch Unternehmen mit soliden Bilanzen und ausreichender Kreditwürdigkeit in Zukunft noch Kredite bekommen, um zu investieren und ihr Wachstum zu finanzieren. Sollte dies wegen extrem hoher Risikoprämien irgendwann nicht mehr der Fall sein, bekommt die Volkswirtschaft ein Problem.

Man muss jedoch unterscheiden zwischen Krediten an Schuldner mit schlechter Bonität, dem sogenannten Subprime-Sektor, und Unternehmen mit ausreichenden Reserven und hoher Kreditwürdigkeit. Ich meine, dass der Markt lernen wird, zwischen diesen Bereichen zu differenzieren. Daraufhin dürfte sich auch die Situation am Kreditmarkt wieder entspannen.

mm.de: Derzeit sind Investoren aber sowohl an der Börse wie auch am gesamten Anleihemarkt extrem vorsichtig. Warum?

Schilbe: Was derzeit geschieht, ist typisch für das Platzen einer spekulativen Blase. Jahrelang war der Finanzmarkt extrem risikofreudig, die Zinsen verharrten auf sehr niedrigem Niveau, und Geld schien noch bis vor wenigen Wochen unbegrenzt vorhanden.

Jetzt scheint es, als habe jemand über Nacht einen Schalter umgelegt: Es herrscht eine große Risikoaversion, die Risikoprämien schnellen in die Höhe, und auf einmal soll der Geldmarkt plötzlich trockengelegt sein.

Der Wechsel kommt jetzt rapide und hart. Der Markt reagiert sehr nervös und schießt kurzfristig über das Ziel hinaus. Es gehört zu den Aufgaben der EZB, bei solch kurzfristigen Irrationalitäten gegenzusteuern und die Gemüter zu beruhigen. Grundsätzlich befinden wir uns aber in einem positiven Normalisierungsprozess: Nachdem über Monate jedes Risiko verschwunden schien, kommt der Markt wieder zu einer vernünftigen Einschätzung bestehender Risiken.

"Krise ist noch nicht ausgestanden"

mm.de: Die Rückkehr des Risikobewusstseins muss den Finanzmarkt nicht umwerfen - so lange nicht täglich neue Katastrophenmeldungen auftauchen. Wann platzt die nächste Bombe?

Schilbe: Die Subprime-Krise ist noch nicht ausgestanden, und es ist durchaus möglich, dass noch weitere negative Nachrichten folgen. Zahlreiche Banken sind in größerem oder kleinerem Maße am Subprime-Markt engagiert, und in einigen Fällen sind die Ausfallrisiken schon offen zutage getreten. Die Unsicherheit, ob und in welchem Ausmaß da noch etwas auf uns zukommt, stärkt natürlich die Nervosität.

Andererseits muss man aber auch zwischen der "Exposure" einer Bank und dem tatsächlichen Ausfallrisiko unterscheiden. Angenommen, ein Kreditinstitut ist mit einer Milliarde Euro am US-Hypothekenmarkt engagiert, und die Ausfallrate steigt auf 20 Prozent. Damit sind noch nicht automatisch 200 Millionen Euro verloren, weil der Bank ja immer noch ihre Besicherungsgrundlage bleibt und sie die betroffenen Häuser zwangsversteigern kann.

Unter dem Strich sind in diesem Rechenbeispiel dann vielleicht 100 Millionen Euro weg, also ein Zehntel der eingesetzten Summe. Das ist für eine Bank sicherlich schmerzlich, aber angesichts der jüngsten soliden Bilanzen in den meisten Fällen auch verkraftbar.

mm.de: Sind die starken Abschläge bei Finanztiteln also übertrieben?

Schilbe: Ich meine, dass der Markt derzeit überreagiert. Das heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass einige Assets automatisch "unterbewertet" sind. Wir hatten einen starken Aufschwung, und viele Investoren hatten lange Zeit keinen Blick für Risiken. Nun schlägt das Pendel zurück, und die Korrektur ist hart.

mm.de: Sie gehen von weiteren Zinserhöhungen aus?

Schilbe: Ich denke, dass sich die Situation an den Kreditmärkten mittelfristig wieder beruhigen wird, und die EZB wieder zur Tagesordnung übergehen kann. Dann geraten die gute Konjunktur in Euroland sowie die Preisstabilität wieder in den Blick: Mit steigenden Zinsen noch in diesem Jahr ist zu rechnen.