Dax-Geflüster Späte Einsicht

Deutsche kaufen laut einer aktuellen Studie wieder Aktien - zumindest ein bisschen. Doch der Sinneswandel dürfte zu spät kommen; den Privatanlegern läuft die Zeit davon. Zumal es nach den Hausse-Jahren in den aktuell volatilen Märkten nun schwieriger wird, Geld an der Börse zu verdienen.
Von Arne Gottschalck und Arvid Kaiser

Hamburg - Endlich. Die Deutschen entdecken die Geldanlage in Aktien wieder. Jahrelang haben Vermögensverwalter, Anlageexperten und Finanzinstitute gepredigt, private Anleger müssten ihren Aktienanteil erhöhen, um keine Renditechancen zu vergeben und besser für das Alter vorzusorgen. Immer vergebens. Lieber verkauften die Deutschen Aktien. 2002 zogen sie 71 Milliarden aus dieser Anlageklasse ab. 2006 waren es immer noch sechs Milliarden, die aus den Aktien flossen, rechnete die Bundesbank aus. Bis jetzt.

Denn nun steigt die Zahl der Aktionäre wieder. Im ersten Halbjahr 2007 besaßen 4,341 Millionen Deutsche Aktien, gut 200.000 mehr als sechs Monate zuvor.

"Die Kursentwicklung hat das Interesse an der Aktie deutlich geweckt", erklärt Rüdiger von Rosen, Leiter des Deutschen Aktieninstituts (DAI), das die Zahlen erhoben hat. Freilich, gleichzeitig zogen deutsche Sparer Geld aus den beim deutschen Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) gemeldeten Aktienfonds ab. Doch Zertifikate auf Aktienindizes werden immer beliebter. Und nun also die Direktinvestments - die Deutschen wagen wieder etwas. Der direkte Aktienbesitz ist riskanter, kann aber auch mehr Rendite bringen als ein Fondsanteil. So weit so gut.

Doch warum erst jetzt, warum das lange Zaudern? Denn die Aktienmärkte haben bereits vier gute Jahre hinter sich - und selbst das fünfte lässt sich trotz Rückschlägen wie der jetzigen Kreditkrise ebenfalls gut an. Der Rekord des Dax  von 2000 ist wieder eingestellt. Gerade im internationalen Vergleich haben deutsche Aktien im vergangenen Jahr eine außerordentliche Performance hingelegt. Der Dax kletterte um 22 Prozent. Damit war der deutsche Leitindex besser als andere etablierte Märkte. Der MCSI Welt brachte es im gleichen Zeitraum nur auf ein Plus von 15,9 Prozent. Und der Dow Jones , der Index der oft gelobten USA, schaffte nur einen Wertzuwachs von 16,6 Prozent. Deutschland, ein Aktienwunderland? Das war einmal, die Zeiten scheinen vorbei, die Märkte werden volatiler.

Das weckt Erinnerungen an die Jahrtausendwende. Der New-Economy-Boom lief schon eine ganze Weile, doch die meisten Privatanleger kauften erst dann Aktien, als deren Wert schon zu bröckeln begann. Zu lange hatten sie den verführerischen Geschichten gelauscht und gezaudert - jeder kannte einen Nachbarn oder Freund, der von enormen Gewinnen zu berichten wusste. Und die Geschichten wurden immer bunter und lockender, ein Tor, wer da nicht doch noch zugriff. Entsprechend verzeichnete das DAI 2001 mit 12,85 Millionen die bisher größte Zahl an Aktionären in Deutschland. Doch es war zu spät - die Aktien fielen weltweit fast drei Jahre lang.

Heimatliebe im Depot

Heimatliebe im Depot

Besonders deutsche Aktien litten unter der Baisse. Und damit auch die deutschen Anleger, die noch immer bevorzugt in heimische Indizes investieren. Der Anteil hiesiger Aktien an den Portfolios deutscher Anleger beträgt laut Studien des Aachener Forschungsinstituts für Asset Management (FIFAM) rund 60 Prozent. Das ist zwar schon deutlich weniger als die rund 90 Prozent, die noch zu Beginn der 90er Jahre gemessen wurden. Doch verglichen mit der internationalen Bedeutung deutscher Aktien sind die 60 Prozent noch immer weit übertrieben. Immerhin machen Dax und Co. nur einen Teil der globalen Marktkapitalisierung aus.

Freilich, noch deutet nichts darauf hin, dass uns ein ähnlicher Kurssturz bevorsteht wie 2000. Dennoch ist es bezeichnend, dass deutsche Anleger sich erst dann auf Aktien besinnen, wenn das Börsenwetter wieder rauer wird. Und vermutlich werden es auch wieder einmal deutsche Aktien sein, zu denen die Anleger greifen. Diese Liebe zu den heimischen Aktien nennen die Finanzexperten übrigens "Home Bias".

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. "Beispielsweise zeigen Studien, dass Anleger Aktien, die sie besser kennen, ein größeres Renditepotenzial und geringeres Risiko beimessen. Das ist logisch nicht haltbar", erklärt Markus Glaser von der Universität Mannheim.

Kein Wunder also, wenn bei den derzeit ungeliebten Aktienfonds einige Deutschland-Fonds zu den Lieblingen gehören. Der DWS Aktien Strategie Deutschland vereinnahmte die meisten neuen Anlegergelder, über 818 Millionen im ersten Halbjahr 2007, rechnet der BVI aus.

Einem Portfolio tut so viel Heimatliebe selten gut. Es ist ein klarer Verstoß gegen das alte Börsengebot, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wenn es der deutschen Wirtschaft schlecht geht, geht es den deutschen Anlegern doppelt schlecht: Sie verlieren Einkommen, und ihr in heimische Aktien angelegtes Vermögen schmilzt dahin, weil die Kurse sinken.

"Grundsätzlich führt der Home Bias dazu, dass auf der einen Seite Ertragschancen ungenutzt bleiben - wenn wir annehmen, dass es verlockendere Regionen und Anlageklassen gibt, werden diese nicht ausreichend gewichtet werden können", sagt Michael Fraikin, Anlagevordenker bei der Fondsgesellschaft Invesco. "Vielleicht noch wichtiger ist die Tatsache, dass so unnötig auf Diversifikation verzichtet wird. Ein Investment nur in Deutschland schwankt zwangsläufig stärker als ein international diversifiziertes."

Teure Nabelschau

Teure Nabelschau

Tatsächlich kann ein breit gestreutes Portfolio in unsicheren Zeiten zum Rettungsanker werden. Manche mögen vor dem Währungsrisiko zurückschrecken, das mit ausländischen Aktien verbunden ist. Doch dagegen kann der Anleger sich absichern. Ganz Vorsichtige können sich auf die Länder der Eurozone beschränken. Auch hier lässt sich das Risiko streuen. Deutsche Aktien machen nur rund ein Fünftel der Marktkapitalisierung aus.

FIFAM-Forscher von Nitzsch hat errechnet, dass Anleger mit einem konservativen Portfolio auf mindestens 0,7 Prozent jährliche Rendite verzichten, wenn sie nur in Deutschland statt weltweit investieren. In einem chancenorientierten Portfolio, das optimal gegen Währungsrisiken abgesichert ist, kann der Renditeunterschied sogar knapp 3 Prozent betragen.

Von Nitzsch hat die Rechnung für alle G7-Länder aufgemacht. Nur die Japaner verschenken noch mehr als die Deutschen, wenn sie sich auf den Heimatmarkt beschränken. Für US-Anleger dagegen kann es sich sogar lohnen, der Außenwelt den Rücken zu kehren. Dort kommt es dann oft zu einem weitergehenden Effekt, dem sogenannten Local Bias, sagt Glaser von der Universität Mannheim. "Das bedeutet beispielsweise, dass ein amerikanischer Ostküstenbewohner nicht nur 'zu viel' in US-Aktien investiert, sondern sogar mehr Ostküsten-Aktien als Westküsten-Aktien kauft."

Immerhin, der Home Bias bedeutet bei zunehmenden direkten Aktienkäufen aber auch, dass Dax-Titel einen Wettbewerbsvorteil bekommen. Die Nachfrage deutscher Privatanleger wirkt stabilisierend, wenn institutionelle Investoren mit Liquiditätsproblemen ihre Mittel abziehen, um Löcher in Kreditdeals zu stopfen.

Davon profitieren besonders die Publikumslieblinge im Dax. Das sind die notorische T-Aktie , DaimlerChrysler , Allianz  und Siemens . Mit solchen Bluechips sind die deutschen Kleinanleger durch Dick und Dünn gegangen. Und das ist doch immerhin auch schon etwas.

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