Aktien Mit den Gurus gehen

Schwere Zeiten an den Finanzmärkten. An wen sollen sich Anleger da halten? Die US-Börse Nasdaq bietet Rat und Orientierung. Online stehen acht Experten zur Wahl, die automatisch ihre Meinung zu ausgewählten Aktien abgeben.

Hamburg - Die Kreditkrise hat die Anleger verunsichert. Täglich prallen neue Horrormeldungen vom Hypothekenmarkt auf neue Erfolgsgeschichten aus den USA. Der Markt der Meinungen wird von Prognosen überschwemmt: Ob die Krise auf den Aktienmarkt übergreift oder nicht, wie lange sie dauert, ob es bei einer kurzen Kurskorrektur bleibt oder ein Crash eingeleitet wird ...

Die Börse ist noch nervöser als sonst. Niemand vermag sicher den Anfang vom Ende von einem günstigen Einkaufspreis zu unterscheiden. Da wäre es gut, in seinem Urteil nicht allein zu sein, sich an eine Autorität anlehnen zu können, der man vertrauen kann.

Aber sich auf einen Guru verlassen? "Börsenguru" ist immerhin das "Börsenunwort des Jahres", jedenfalls nach dem Urteil der Händler, Makler und Analysten an der Börse Düsseldorf. Gurus seien der Börse wesensfremd, heißt es in der Begründung. "Allwissende Propheten, die zu mehr Erleuchtung führen sollen", so deuten die Düsseldorfer den ursprünglichen Wortsinn in der hinduistischen Lehre (der Wortstamm "guru" bedeutet auf Sanskrit "schwer" oder "gewichtig").

Selbst ernannte Börsengurus würden "ahnungslosen und leichtgläubigen Privatanlegern die tollsten Gewinne" mit Pennystocks versprechen und sie oft in die Irre führen. Anleger sollten sich stets ein eigenes Urteil bilden, warum sie in ein Unternehmen investieren.

Die Nasdaq  sieht das lockerer. Auf ihrer Website bietet die US-Börse einen "Guru Screener"  an, der Anlegern helfen soll, die richtigen Aktien auszuwählen. Acht verschiedene Anlageexperten stehen Pate für ein Programm, das Aktien nach Kriterien ihrer jeweiligen Theorie bewertet.

Allerdings hat wohl kaum einer der Gurus diesen Titel selbst gewählt. Im deutschen Sprachraum ist als Börsenguru derzeit vor allem der Berliner Börsenbriefautor Markus Frick im Gerede. Frick fiel im Juni bei vielen seiner Kunden in Ungnade, weil sich seine Tipps für russische Rohstoffaktien als Flops erwiesen. Der TV-Sender N24 setzte Fricks wöchentliche Börsenshow aus und erklärte die Zusammenarbeit für beendet.

Warren Buffett fällt durch

Warren Buffett fällt durch

In den USA wird der negative oder süffisante Beiklang des Worts Guru weniger stark empfunden. Meist geht es tatsächlich um weise Lehrer, denen zuzuhören einen im Leben weiterbringt. Die von der Nasdaq ausgewählten Gurus sind allesamt hochkarätige Finanzprofis, die Beiträge zur Anlagetheorie geleistet und ihre Theorien zumeist auch über lange Zeiträume erfolgreich angewandt haben.

Die Experten stehen jedoch nicht persönlich als Anlageberater zur Verfügung - einer von ihnen, Benjamin Graham, ist immerhin seit mehr als 30 Jahren tot. Vielmehr beruft die Nasdaq sich auf Bücher der Gurus. Aus deren Aussagen hat sie Kriterien abgeleitet, nach denen der automatische "Guru Screener" in den USA handelbare Aktien überprüft. Auf diese Weise kann jeder Nutzer der Seite herausfinden, welche Aktien Benjamin Graham oder Peter Lynch heute empfehlen würden - falls die Nasdaq deren Meinung korrekt in die Screener-Software umgesetzt hat. Registrierte Benutzer können auch einzelne Aktien darauf prüfen, wie stark sie den Leitsätzen der Gurus entsprechen.

Dann erfahren sie zum Beispiel, dass Berkshire Hathaway , die für ihre märchenhafte Rendite bekannte Beteiligungsgesellschaft des Multimilliardärs Warren Buffett, nur zu 29 Prozent Grahams Regeln für wertorientierte Geldanlage erfüllt. Ausgerechnet. Buffett, der wohl meistgefragte Anlageexperte unserer Zeit, war Benjamin Grahams Schüler an der Columbia-Universität. Er beruft sich auf Grahams Theorie, wenn er Aktien kauft, die im Vergleich zum inneren Unternehmenswert unterbewertet sind. Sogar einen Sohn hat Buffett nach seinem Lehrer benannt. Grahams Buch "Intelligent investieren" von 1949 ist auch die Bibel der Buffett-Jünger.

Folgt man dem automatischen Benjamin Graham auf der Nasdaq-Seite, sind Aktien wie die des Kabelherstellers Encore Wire , der Einzelhandelskette Stein Mart  oder des Spielzeugfabrikanten Jakks Pacific  gute Schnäppchen für konservative Investoren, die kein unnötiges Risiko eingehen, aber mit langfristiger Anlage trotzdem eine hohe Rendite erzielen wollen.

Ein Risiko besteht allerdings darin, dass das Programm nur die eingespeisten Zahlen bewertet. Die TecDax-Firma GPC Biotech , deren Kurs jüngst einbrach, nachdem eine Behörde die US-Zulassung eines wichtigen Medikaments infrage stellte, kommt im Graham-Modus des Guru Screeners relativ gut weg. Das Programm kann nicht bewerten, ob diese Nachricht den inneren Wert des Unternehmens berührt oder nicht. Der virtuelle Benjamin Graham weiß nur, dass die Aktie gemessen an den eingegebenen Finanzdaten günstig ist.

Peruanische Aktie ganz oben

Peruanische Aktie ganz oben

"Der Börse einen Schritt voraus" ist auch Peter Lynch laut seinem Buchtitel von 1989. Genau wie im echten Leben, denn als Manager des Magellan-Fonds von Fidelity sorgte er von 1977 bis 1990 dafür, dass dessen Wert um das 251-Fache wuchs. Auf eine eindeutige Strategie lässt Lynch, der bis heute für Fidelity arbeitet, sich nicht festlegen. Er unterscheidet zwischen unterschiedlichen Typen von Anlegern und Aktien nach Wachstumsgeschwindigkeit.

Daher ist nicht ganz ersichtlich, wie der Guru Screener zu einer Peter-Lynch-Strategie kommt. Anscheinend ermittelt er Wachstumsaktien anhand des Kurs-Gewinn-Verhältnisses - zusammen mit einigen anderen Kriterien, die dem Nutzer aber wie immer verborgen bleiben. Als einziger Guru kann der Nasdaq-Lynch sich für eine deutsche Aktie begeistern. Die Allianz  erreicht eine Übereinstimmung von 98 Prozent. Dafür fällt DaimlerChrysler  bei ihm komplett durch. Ganz oben steht der peruanische Finanzkonzern Credicorp .

Auf denselben Tipp kommen laut Guru Screener die Brüder David und Tom Gardner, die als "The Motley Fool" eine der ältesten Börsenseiten im Netz betreiben und während der 2000er-Rally auch kurzzeitig einen Ableger in Deutschland hatten. Ihr wichtigster Rat an Amateure ist eigentlich ganz einfach: Indexfonds kaufen, gar nicht erst Zeit auf Aktienanalyse verschwenden.

Wer es darauf ankommen lassen will, kann von "Motley Fool" und seinem Wiedergänger auf der Nasdaq-Seite trotzdem erfahren, welche Nebenwerte große Wachstumschancen mit einem soliden Geschäft versprechen. Neben der Credicorp steht der kanadische Blackberry-Hersteller Research in Motion  oben.

Alternativen sind eine von der Firma Validea entwickelte Timing-Strategie, die den richtigen Zeitpunkt zum Ein- und Ausstieg ermitteln soll, eine Analyse von Wachstumswerten vor allem unter großen Aktiengesellschaften nach dem Bear-Stearns-Manager James O'Shaughnessy, oder die konservative Anlage nach einem langen Kriterienkatalog von Martin Zweig.

Antizykliker trifft Trend

Antizykliker trifft Trend

Um Kenneth Fishers Aktientipps zu erfahren, bräuchte man eigentlich nur in seiner monatlichen Kolumne "Portfolio Strategy" in der Zeitschrift "Forbes" nachzulesen. Darin wird man aber nicht mehr die "Super Stocks" finden, die er in den 80er Jahren im gleichnamigen Buch propagierte. Damals machte er die Aktienanalyse nach dem Kurs-Umsatz-Verhältnis populär.

Von dieser Methode, die in New-Economy-Zeiten beliebt war, um attraktive Aktien auch unter den wenig profitablen jungen Unternehmen zu finden, hat er sich inzwischen verabschiedet. Die Nasdaq lässt sie wieder aufleben. Vor dem Konglomerat Tyco International  und der Chemiefirma Westlake  steht der Eigenheimfinanzierer NVR Inc.  an der Spitze - angesichts der Hypothekenkrise ein brisantes Ergebnis.

Nichts anderes ist vom antizyklisch orientierten Fondsmanager David Dreman zu erwarten. Dessen Lieblinge sind große Unternehmen, deren Geschäft gut läuft, deren Aktien aber außer Mode gekommen sind. In der derzeitigen Marktlage sind Finanztitel wie gemacht für diesen Contrarian-Ansatz. Tatsächlich liest sich der Guru Screener wie ein Who is who der Branche: Barclays , Credit Suisse , Morgan Stanley , Lehman Brothers , mit etwas Abstand die Deutsche Bank . Auch die Ölfirma Shell  nimmt einen Spitzenplatz ein.

Die Banken stehen auch dann noch gut da, wenn die Kriterien mehrerer Gurus kombiniert werden. Citigroup  steht auf Platz eins, auch Barclays, Wachovia  und die Bank of America  genügen den Ansprüchen mehrerer Ansätze. Allerdings ist keine Aktie konsensfähig. Von mehr als drei Gurus bekommt kein Titel starken Zuspruch.

Zu den am häufigsten genannten Aktien gehört auch die des Stahlunternehmens Milastar. Hier kommen interessierte Anleger jedoch zu spät. Der Titel wurde nach einer Fusion Ende Juli von der Börse genommen. Die Aktionäre wurden mit 3,50 Dollar je Anteilschein abgefunden.

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