Asien-Experte Mobius "Schwierig, nicht investiert zu sein"

Mark Mobius kennt die asiatischen Aktienmärkte so gut wie nur wenige Fondsmanager. Dennoch rät der Experte von Franklin Templeton im Gespräch mit manager-magazin.de zum Augenmaß - denn Asien ist nicht gleich Asien.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Die Aktienkurse an den großen Börsen der Welt wanken und sacken ab. Kann der Anleger sich mit asiatischen Aktien davon abkoppeln?

Mobius: Die Abhängigkeit vieler asiatischer Länder vom Export in die USA hat sich verringert, wie der Handel innerhalb der Regionen zugenommen hat. Und die Exporte nach Europa haben zugenommen und die heimischen Märkte sind gewachsen. Die Experten des Internationalen Währungsfonds (IMF) schätzen, dass die Konsumausgaben in Asien im Schnitt um 6,3 Prozent in den vergangenen zwei Jahren gewachsen sind. Und das bedeutet, dass Asiens Konsumenten helfen können, ein solides Wirtschaftswachstum zu erzielen, auch wenn die US-Wirtschaft abtaucht.

mm.de: Und wie sieht der Handel mit den Nachbarn aus?

Mobius: Die Asiaten handeln nicht mehr nur mit entwickelten Ländern, sondern auch mit den anderen Nachbarn und senken so ihre Abhängigkeit von den USA. Taiwan und Südkorea zum Beispiel exportieren inzwischen mehr nach China als in die USA. Dieser Trend wird andauern, denke ich. Denn China und Indien privatisieren ihre moribunden Staatsunternehmen und liberalisieren ihre Wirtschaft weiterhin. Dadurch werden private Unternehmen blühen, und es wird weiteres schnelles Wachstum geben, von dem hoffentlich alle asiatischen Nationen profitieren. Aber als Risiko bleibt die Tatsache, dass ein Rückgang in den USA die asiatischen Märkte verletzen könnte.

mm.de: Sie sprechen das Thema an - wird Asien von der Immobilienkrise in Mitleidenschaft gezogen?

Mobius: Es gibt eine Reihe von Risiken, die die asiatischen Märkte bedrohen. Eines der größten ist die scharfe Verlangsamung des Wachstums der USA. Aber auch irgendwelche Ausweitungen des Konflikts in Nahost wären schlecht; immerhin produziert die Region ein Drittel des weltweit gefundenen Öls. Würde dessen Zufuhr unterbrochen, würde das die asiatische Wirtschaft schädigen.

mm.de: Und die siechen Subprimes aus den USA?

Mobius: Auch die absinkende Liquidität in Verbindung mit dem Absacken der US-Subprime-Märkte kann die Wertentwicklung der Märkte beeinträchtigen. Die üppige Liquidität war ja für viele Märkte ein Haupttreiber der Kurse.

mm.de: Welche Rolle spielt Japan in der Region?

Mobius: Wenn Japan seine Leitzinsen erhöht, wird das auch ein Problem. Selbst jene Märkte mit einer starken heimischen Wirtschaft sind nicht vor den Stimmungsänderungen gefeit, die wir schon im Februar gesehen haben. Viele Regionen und auch Asien sind ziemlich exponiert, wenn die mit hohen Krediten finanzierten Geschäfte rückgängig gemacht werden. Und wenn die Carrytrades aufgelöst werden, dann könnte es auch Länder mit soliden Wirtschaftsdaten zum Ausverkauf an der Börse kommen.

"Die vier C's als Treiber"

mm.de: Wenn Sie zurückblicken, sehen Sie einen Asien-Rausch?

Mobius: Es liegt in der Natur der Sache, dass es in Bullen- und Bärenphasen Übertreibungen gibt. 1999 und 2000 fühlten sich viele Investoren so, als wären sie in eine neue Ära eingetreten und Unternehmensgewinne egal. Wichtiger schien die "Burnrate", also die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen neues Geld ausgeben und expandieren können. Natürlich endete diese Manie in einem Desaster für viele Anleger.

mm.de: Sind asiatische Aktien denn anders?

Mobius: Sie können tatsächlich anders sein. Denn obwohl die Aktienkurse in den vergangenen Jahren kräftig angezogen haben, sind auch die Gewinne gestiegen. Also, auch wenn das Verhältnis von Kurs und Ertrag sowie das von Kurs zum Buchwert gestiegen sind, so bleiben sie vernünftig. Die Kraft der Märkte kommt aus den Unternehmensgewinnen. Und die Wahrnehmung dieser Kraft kann lange andauern. Das heißt aber nicht, dass wir vielleicht nicht doch ein Ereignis sehen, vielleicht völlig unabhängig vom Markt, die das Ganze wie den Goldrausch beendet.

mm.de: Wo kommt das Wachstum der Märkte Asiens eigentlich her?

Mobius: Asien ist eine Zusammensetzung aus ganz unterschiedlichen Märkten verschiedener Kapitalisierungen, Umschlagshäufigkeit und Anzahl der investierbaren Unternehmen. Länder wie Korea zum Beispiel sind schon in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium, während Iran und Bangladesch noch in einer frühen Phase der Entwicklung stehen.

Schon wegen ihrer Größe und ihrer Liquidität bieten Märkte wie Südkorea, Taiwan, Thailand und Indonesien die meisten Chancen unter den Märkten, in die wir seit Jahren investieren. Das heißt natürlich nicht, dass man die anderen Märkte ignorieren sollte.

mm.de: Was genau sind die Treiber?

Mobius: Auf Englisch sind das die C's. "Consumers", die Konsumentennachfrage also und die "Commodities", die Rohstoffe. Dazu kommt die Annährung an westliche Standards, die "Convergence" und die "Corporate Governance", das unternehmerische Wohlverhalten.

"Die Region hat sich gewandelt"

mm.de: Nehmen wir einmal Korea, wie sieht es da aus?

Mobius: Das ist eine Mischung aus mikro- und makroökonomischen Fakten. Die Rally dort wurde angeführt von den Aktien der alten Schule, also zum Beispiel der Chemie oder der Schifffahrtsbranche. Übrigens meistens wegen der Nachfrage aus China. Und inzwischen investieren auch die Koreaner selbst in Aktien, die so lange Immobilien oder Bankkonten bevorzugten.

mm.de: Viele Anleger schwören auf asiatische Aktien - sehen Sie einen Unterschied zu dem Überschwang von vor zehn Jahren?

Mobius: Ja. Es sind zehn Jahre seit der letzten großen Krise in Asien vergangen. Seitdem haben die Länder sich profund wirtschaftlich gewandelt und nennenswerte ausländische Währungsreserven aufgebaut. Das sollte helfen, ihre Verwundbarkeit für externe Schocks zu senken und auch helfen, dem nächsten ökonomischen Schock zu widerstehen.

mm.de: In China hat die Regierung wirtschaftlich viel zu sagen, was immer wieder kritisiert wird. Und wechselt die Regierung in Thailand, wackelt die dortige Börse - hat Politik in den kleinen asiatischen Ländern eine andere Bedeutung als in den großen?

Mobius: Sicherlich. Man könnte sogar sagen, dass die Regierungen in den kleinen Ländern einen besseren Job gemacht haben als in China, wo das Wachstum offenbar allen Kontrollversuchen der Regierung widersteht. Stabile politische Verhältnisse ließen das Anlegervertrauen in den vergangenen Jahren in Asien wachsen.

Ein gutes Beispiel ist das jüngst vereinbarte Freihandelsabkommen zwischen Südkorea und den USA. Es zeigt, dass das Handeln einer Regierung durchaus gut sein kann für ein Land, insbesondere ein Land, das von seinen Exporten abhängt. Und selbst die Asien-Krise hatte ihr Gutes: Die hat bei den koreanischen Finanzbehörden und anderswo einen Zug hin zu mehr Anstand bewirkt. Das heißt, sie bevorzugen gesunde Überschüsse und ausländische Währungsreserven. Die vietnamesische Regierung beispielsweise versucht, den Zufluss "heißen Geldes" zu limitieren. Denn dieses Geld ist genauso schnell zugeflossen wie es fort ist. Und das kann massive Bewegungen an der Börse verursachen.

"Politisch geschicktes Vorgehen"

mm.de: Sind asiatische Regierungen also grundsätzlich ein Vorbild?

Mobius: Sie können auch marktunfreundlich agieren. Die koreanischen Regulierer haben sich jüngst gegen die Restriktionen für Bankinvestments durch die koreanischen Konglomerate ausgesprochen, die sogenannten Chaebols. Andere Regierungen wie die in Thailand haben Kapitalkontrollen eingeführt. Aber funktioniert das zwangsläufig? Nicht unbedingt. Thailand hatte im vergangenen Jahr auch Kontrollen von Aktienfonds eingeführt, aber musste das wieder ändern, weil es den ausländischen Investoren missfiel. Abgesehen davon, ein stabiles politisches Umfeld in Ländern wie Thailand, Indonesien und den Philippinen ist ohne Frage wichtig, um die nachhaltige Entwicklung der Binnennachfrage zu erhalten.

mm.de: Wie gehen Sie mit dem Währungsrisiko um?

Mobius: Wir glauben, dass langfristige Aktieninvestments eine interne Absicherung bilden.

mm.de: Soll man eigentlich jetzt in Asien anlegen oder auf eine deutliche Korrektur warten?

Mobius: Kein Zweifel, einige Märkte waren in der Vergangenheit sehr momentumgetriebem. Das hat teilweise in scharfen Rückschlägen geendet. Eine Reihe von hoch kreditfinanzierten Hedgefonds und Private-Equity-Firmen waren die meisten Verkäufer. Aber legt man die vernünftige Bewertung eines qualitativ hochwertigen Unternehmens zugrunde, ist es schwierig für langfristig orientierte Anleger, dort nicht investiert zu sein. Das Schlimmste, was Anleger tun könnten, ist in Zeiten erhöhter Volatilität rein und raus zu hüpfen und damit Gefahr zu laufen, teuer zu kaufen und billig zu verkaufen.

mm.de: Wie sehen Sie die Börsen in Asien und weltweit im Vergleich?

Mobius: Alle Märkte korrigieren und sind volatil. Das stimmt für den US-Markt, den aus Kanada und für jeden Markt der Welt. Es wird Bullenphasen geben und Bärenphasen und dem müssen wir uns stellen. Aber dennoch, Bullenmärkte in den Emerging Markets dauern länger an als Bärenmärkte und in den Bärenphasen wird weniger verloren als in den Bullenphasen gewonnen wird.