Altersvorsorge Die "Weichspüler"

Neue Produkte der Lebensversicherer locken mit mehr Rendite, weichen Garantien aber drastisch auf, warnt Aktuar Axel Kleinlein. Den Wert dieser Zusagen könnten Experten kaum noch durchdringen. Die Transparenz bleibt auf der Strecke - auch bei staatlich geförderten Produkten, kritisiert der Versicherungsmathematiker.

mm.de: Herr Kleinlein, Lebensversicherer bieten zur privaten Altersvorsorge verstärkt Produkte an, die sich immer enger am Kapitalmarkt orientieren und statt herkömmlicher Zinsgarantien neue, abgespeckte Zusagen bieten. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Kleinlein: Wir haben den Eindruck, die Unternehmen haben zusehends Angst davor, harte Garantien auszusprechen. Die Folge sind weichgespülte Garantien.

mm.de: Weil sie befürchten, die Garantien nicht mehr erfüllen zu können?

Kleinlein: Mit aktuell 2,25 Prozent liegt der Garantiezinssatz für Neuverträge sehr niedrig. Die älteren Verträge bekommen jedoch bis zu 4 Prozent auf den Sparanteil garantiert. Da macht sich das eine oder andere Unternehmen vielleicht noch immer Sorgen, langfristig die Zinsen erwirtschaften zu können.

Die Furcht vor der Garantie dürfte vermutlich aber vor allem auf die Auswirkungen der demografischen Entwicklung zurückgehen. Bei Rentenversicherungsprodukten müssen die Unternehmen mittlerweile Geld für die Garantien nachschießen. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Anbieter mit neuen Produkten versuchen, solchen Nachschusspflichten zu entgehen, indem sie möglichst wenig Garantien geben oder sie so weit aushöhlen, dass für den Kunden am Schluss verhältnismäßig wenig übrig bleibt.

mm.de: Nachschießen? Wie ist es dazu gekommen?

Kleinlein: Die jüngsten Sterbetafeln und Kalkulationsstatistiken der Deutschen Aktuarvereinigung vermitteln den Eindruck, dass die Menschen im Schnitt länger leben würden. Gleichwohl sind diese Tafeln Grundlage für die Kalkulation der Unternehmen. Um einst ausgesprochene Garantien halten zu können, müssen die Lebensversicherer deshalb zusätzlich Geld zur Seite legen und für alle Rentenversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden, voraussichtlich bis zum Jahr 2025 frisches Kapital in den sogenannten Deckungsstock nachschießen. Dafür kürzen sie jedoch die Überschussbeteiligung. Letztlich also kommen die Kunden für dieses "Nachschießen" selbst auf.

mm.de: Wie unterscheiden sich die Garantien der neuen Produktgeneration von herkömmlichen Garantien der Lebensversicherer?

Kleinlein: Die neuen Garantieversprechen erscheinen uns zunehmend intransparenter. So werden zum Beispiel Garantien ausgesprochen, die nur noch zu bestimmten Zeitpunkten gelten, etwa zum Ende eines Vertrags, sogenannte endfällige Garantien.

mm.de: Was ist daran intransparent, wenn die Axa jährlich 3 Prozent Verzinsung auf den Sparbeitrag bietet, diese Garantie allerdings erst zum Ende des Vertrages greift?

Kleinlein: Zum einen ist unklar, wie hoch der Sparanteil wirklich ist - das trifft indes auch auf viele andere Verträge von Lebensversicherungen zu. Zum anderen wird der Kunde bei solchen oder ähnlichen Produkten nur selten über den Umstand informiert, dass herkömmliche Garantien für den Vertragsverlauf nicht vorhanden sind. Das hat Folgen: Die Rückkaufswerte sind sehr niedrig oder gar nicht vorhanden. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hat diesbezüglich aber klar gezeigt, was unter Transparenz zu verstehen ist. Die können wir bei solchen Produkten nicht erkennen.

"Versprechen werden substanziell nicht geprüft"

mm.de: Sind endfällige Garantien vergleichbar mit der Praxis, Überschüsse der Versicherten zusehends dem Schlussgewinn zuzuordnen und damit ans Vertragsende zu verlagern?

Kleinlein: Nein. Solange wir uns im deutschen Recht bewegen, sind Schlussüberschüsse dem Topf zur sogenannten Rückstellung für Beitragsrückerstattung zuzuführen. Einmal dort gelandet, dürfen sie eigentlich nur für die Überschussbeteiligung verwendet werden und nicht für Garantien, auch nicht für endfällige Garantien. In der klassischen Kalkulation nach deutschem Versicherungsrecht sind rein endfällige Garantien nicht üblich, nach angelsächsischer Praxis schon. EU-rechtlichen Bestimmungen zufolge dürfen entsprechende Policen hier aber vertrieben werden.

mm.de: Nun sprechen auch in Deutschland entworfene Produkte neuartige Garantien aus. Was unterscheidet sie noch von herkömmlichen Garantien?

Kleinlein: Zum Beispiel die Art ihrer Absicherung. Während herkömmliche Garantien durch Eigenkapital oder entsprechende Sicherheitsmittel abgesichert sind, fußen diese neuen Garantien auf verschiedensten Instrumenten des Kapitalmarkts, zum Beispiel auch Derivaten.

Derartige Garantieversprechen sind kaum nachvollziehbar. Als Aktuar kann ich damit nicht mehr erkennen, wie sie substanziell unterlegt sind. Wir sehen zum Beispiel lediglich, dass eine Garantie ausgesprochen wird, und dass ein Mutterkonzern versichert, er stehe dafür gerade. Wir wissen aber nicht, was passiert, wenn der Versicherer tatsächlich in eine erhebliche Schieflage geraten sollte.

mm.de: Hilft dann nicht die Auffanggesellschaft Protektor, wie im Fall der Mannheimer Leben?

Kleinlein: Für die meisten der in Deutschland ansässigen Unternehmen ist das der Fall. Kunden aber, deren Produkt im Ausland aufgelegt wird, können im Notfall nicht auf die Hilfe von Protektor zählen. Da bleibt dem Versicherten nur die Hoffnung, dass im Herkunftsland auch eine Art Protektor existiert.

mm.de: Eine nicht gerade beruhigende Perspektive.

Kleinlein: In der Tat. Wir sind vor allem damit unzufrieden, dass Garantieversprechen gerade auch bei der staatlich geförderten Altersvorsorge nicht substanziell geprüft werden. Verspricht ein Versicherer für eine Police den gesetzlich geforderten Erhalt der eingezahlten Beiträge, erhält sie von der Finanzaufsicht BaFin die Zertifizierung als Riester-Produkt und ist damit förderfähig. Das ist ein rein formaler Akt. Ob sich ein Unternehmen in einer Schieflage befindet, ist nicht Gegenstand des Prüfverfahrens. Auch ob das Produktkonzept schlüssig ist, wird nicht geprüft. Selbst wenn die BaFin intern feststellen sollte, ein Versicherer könnte in Probleme geraten, darf sie dieses Wissen in ihrer Tätigkeit als Zertifizierungsbehörde nicht verwenden, um womöglich eine Zertifizierung zu verweigern.

mm.de: Warum nicht?

Kleinlein: Ein Teil der BaFin ist sozusagen nur beliehen für die Zertifizierung, andere Stellen kümmern sich um die reine Versicherungsaufsicht. Das Wissen der einen Stelle um ein Unternehmen darf nicht an andere Stellen im Hause weitergegeben werden. Es ist doch schon verblüffend, dass bei der geförderten Vorsorge die substanziell ungeprüfte Absichtserklärung einer Garantie ausreicht, damit Steuergelder in die Förderung fließen.

"Dann ist die tollste Garantie nichts mehr wert"

mm.de: Blicken wir konkret auf ein Produkt: eine fondsgebundene Rentenversicherung, die auf einem Garantiefondskonzept mit Höchststandgarantie aufsetzt. Das in einen Fonds eingezahlte Kapital sei in einem Fünfjahreszyklus für die Dauer von jeweils fünf Jahren garantiert, verspricht der Anbieter. Und die im Laufe eines Zyklus monatlich erreichten Höchststände seien zu den fünfjährigen Garantiezeitpunkten abgesichert. Zwischen diesen Garantiezeitpunkten seien Gewinne, aber auch Verluste möglich. Wie bewerten Sie diese Garantiekonstruktion?

Kleinlein: Verstehen Sie diese Konstruktion? Selbst ich als Experte habe große Schwierigkeiten, nachzuvollziehen, was eigentlich Inhalt dieser Garantie ist. Aus unserer Sicht besteht hier keine Transparenz für den Kunden. Er kann de facto nicht einschätzen, was diese Garantie wirklich wert ist. Indes: Wenn nach jeweils fünf Jahren das angesammelte Kapital in einen anderen Fonds umgeschichtet wird, fallen zwingend Transaktionskosten an, die die Rendite des Anlegers schmälern.

Der Versicherte muss sich zudem darüber im Klaren sein, dass eine Garantie grundsätzlich nur auf den Sparbeitrag gegeben wird. Die beste Garantie nützt nichts, wenn der tatsächliche Sparbeitrag sehr gering ist.

mm.de: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Kleinlein: Ich habe unlängst ein Produkt eines englischen Versicherers untersucht, das in den ersten zehn Jahren Laufzeit mit einer Kostenquote von mehr als 80 Prozent belastet ist. Das heißt, wenn wie in diesem Fall von 1000 Euro Beitrag im Jahr weniger als 200 Euro Sparbeitrag verbleiben, dann ist die tollste Garantie nichts mehr wert. Eine Kündigung führt dann zu herben Verlusten. Selbst bei 10 Prozent Verzinsung sind nach zehn Jahren noch mehr als zwei Drittel des eingezahlten Geldes verloren. Auch wenn es unbequem erscheint: Wir dürfen die Garantien nicht isoliert von der Kostenfrage beurteilen.

mm.de: Lassen sich die Kosten einer Lebensversicherung so ohne Weiteres errechnen, und wie sieht dies bei Produkten mit neuartigen Garantien aus?

Kleinlein: Als Versicherungsmathematiker kann ich bei einem klassisch kalkulierten Produkt aus der Prämie, den Leistungen, der verwendeten Sterbetafel und dem Garantiezins das Kostenniveau vergleichsweise einfach errechnen. Weicht ein Anbieter seine Garantien aber auf, lassen sich die Kosten so eines Vertrags über einen aktuariellen Ansatz nicht mehr ermitteln. Das heißt, selbst Expertentransparenz wird durch diese neuen Garantieprodukte vermindert.

mm.de: Der Kunde dürfte da erst recht auf verlorenem Posten stehen.

Kleinlein: Ja, selbstverständlich. Je mehr ein Versicherer seine Garantie zugunsten einer freieren Kapitalanlage aufweicht, desto weniger weiß der Kunde, wie viel Geld er eigentlich für das Alter spart. Damit verliert er ein erhebliches Maß an Planungssicherheit. Im schlimmsten Fall investiert der Versicherte viel Geld in ein Produkt und zum Schluss bleibt ihm eine niedrige Garantie auf einen mickrigen Sparbeitrag. Wenn die Rentenlücke dann immer noch nicht geschlossen ist, hat er ein ernstes Problem.

"Rentenminderungen von bis zu 20 Prozent"

mm.de: Sie nannten endfällige Garantien als ein Beispiel für aufgeweichte Garantieversprechen. Welcher Kniffe bedienen sich die Versicherer noch?

Kleinlein: Eine beliebte Methode in diesem Zusammenhang ist der Verzicht auf einen garantierten Rentenfaktor. So sichern die Unternehmen dem Kunden zwar ein bestimmtes Kapital zu, das zum Vertragsende verrentet wird. Den Verrentungsfaktor aber garantieren sie nicht, der wird erst mit Beginn des Rentenbezugs festgelegt. Dieser Faktor legt fest, wie viel Rente der Kunde auf sein über Jahre angespartes oder per Einmalzahlung eingebrachtes Kapital erhält. Besonders kritikwürdig ist diese Praxis bei Riester- und Rürup-Verträgen, bei denen kein Kapitalwahlrecht besteht, der Kunde also sowieso nicht ohne Einbußen an das Gesamtkapital herankommt.

mm.de: Welche möglichen Folgen hat der Verzicht auf einen garantierten Rentenfaktor in der Praxis?

Kleinlein: Abhängig davon, welche Sterbetafel zum Renteneintritt gilt, können sich für den Kunden dann signifikante Rentenminderungen von mitunter bis zu 20 Prozent ergeben. In der Vergangenheit hatten Versicherer zudem versucht, bei Verträgen mit sogenannter Beitragsdynamik zugesagte Garantien aufzuweichen.

mm.de: Wie muss man sich das vorstellen?

Kleinlein: Der Kunde schloss zum Beispiel im Jahr 2000 einen Vertrag ab und legte zugleich fest, dass sein Beitrag jährlich um 10 Prozent steigen soll. Anstatt 2000 Euro Jahresbeitrag zahlte der Kunde also im Folgejahr 2200 Euro in seinen Vertrag ein. Auf diese jährlich zu zahlenden zusätzlichen 200 Euro bezog er jedoch nicht den anfänglich geltenden Garantiezins von 4 Prozent auf den Sparanteil seiner Prämie, sondern den für 2001 geltenden Satz von 3,25 Prozent. Die Finanzaufsicht hatte diese Praxis einiger Anbieter allerdings als unzulässig untersagt.

mm.de: Wie sollten Verbraucher nun mit Produkten umgehen, die neuartige und gegenüber herkömmlichen Produkten abgespeckte Garantien bieten?

Kleinlein: Der Verbraucher sollte sich von seinem Vermittler genau erklären lassen, welche Garantien er mit diesem neuen Produkt eigentlich einkauft und wie sie funktionieren. Er sollte darauf achten, dass dies in seinem Beratungsprotokoll auch dokumentiert wird. Der Kunde sollte selbstkritisch überlegen, ob er in der Lage ist, diesen Vertrag bis zum Ende zu führen. Wer sich zum Beispiel für ein Produkt mit endfälliger Garantie entscheidet, sollte sicher sein, dass er diesen Vertrag auch durchhält. Denn bei einer endfälligen Garantie sind die Rückkaufswerte, die bei vorzeitiger Kündigung gezahlt werden, deutlich geringer.

mm.de: Glauben Sie, dass die Vermittler diese neuen Garantiekonstruktionen wirklich durchdringen und dem Kunden hinreichend erklären können?

Kleinlein: Wir befürchten nein, würden uns aber gern eines Besseren belehren lassen.

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