Börse Amerika "Einmalig in 50 Jahren"

In New York sackte der Dow-Jones-Aktienindex über Nacht um mehr als 300 Punkte ab. manager-magazin.de sprach mit Fondsmanager John Carey, Vizepräsident von Pioneer Investments, über die aktuelle Lage der US-Börsen und die Ängste der Anleger.
Von Arne Gottschalck und Karsten Stumm

mm.de: Herr Carey, wie sattelfest ist Amerikas Börse derzeit?

Carey: Am Anfang des Jahres hatte ich geschätzt, dass die Kurse um 6 bis 8 Prozent bis Ende 2007 zulegen könnten. Jetzt bin ich ein bisschen optimistischer und halte ein Kursplus von 8 bis 10 Prozent für möglich - trotz der gestrigen Schreckensbörse.

mm.de: Warum sind Sie ausgerechnet jetzt optimistischer? Weltweit drehen die Kurse seit Mitte Juli nach unten, von Japan über Amerika bis zu uns hier in Deutschland.

Carey: US-Firmen, die Geschäfte in Übersee betreiben - und das betrifft viele unserer Großunternehmen - kommen einfach sehr gut voran. Denn sie können ihr Inlandsgeschäft mit Absatz und Gewinn von dort ergänzen, wo viele Volkswirtschaften viel schneller wachsen als in Amerika.

mm.de: Reicht das, um die Kurse nach oben zu treiben? In der Bundesrepublik haben zuletzt viele Topunternehmen nochmals mit höheren Gewinnen überrascht als schon vorhergesagt worden ist - gerade heute wieder Volkswagen . Aber die Kurse fallen. Beunruhigt Sie das nicht?

Carey: Natürlich macht der Markt oft etwas vollständig anderes. Wir müssen auch ein Auge auf externe Risiken werfen, die unvorhersehbar und unwägbar, aber leider auch sehr real sind. Alle Wetten sind hinfällig, wenn etwas Schreckliches irgendwo in der Welt passiert, das das Vertrauen der Anleger beschädigt.

mm.de: Zuletzt wird es durch etwas ebenso Reales, aber Greifbares beschädigt: Die Kreditkrise in Amerika. Ist die schon ausgestanden?

Carey: Anleger machen sich derzeit tatsächlich vor allem Sorgen über Kreditrisiken. Und deshalb auch über das Potenzial für weitere Fusionen und Übernahmen, weil manche Banken in der Kreditvergabe schon strenger werden. Gleichzeitig wachsen aber die Unternehmensgewinne weiter, wenn auch mit etwas geringeren Raten als in den vergangenen drei Jahren. Und auch die Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs.

"Ausverkauf zum Einstieg nutzen"

mm.de: Trotz dieses Wachstums ist das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien an der Börse immer noch niedrig, verglichen mit den Spitzen von 2000. Heißt das, es gibt noch Potenzial für Kurssteigerungen?

Carey: Ja, das ist wahr. Die Gewinne sind in den vergangenen drei Jahren schneller gewachsen als die Aktienkurse. Dadurch ist das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis gesunken. Tatsächlich war das der einzige Bullenmarkt der vergangenen 40 bis 50 Jahre, in dem das Kurs-Gewinn-Verhältnis fiel, während die Aktienkurse stiegen.

mm.de: Halten Sie wegen dieser ungewöhnlichen Börsensituation auch ungewöhnliche Investmentlagen für möglich?

Carey: Es könnte beispielsweise bedeuten, dass wir ein geringeres Rückschlagrisiko als sonst üblich haben, sollte unsere Wirtschaft in langsameres Fahrwasser geraten. Und es könnte die Chance auf schnellere Kursgewinne bestehen, wenn die Wirtschaft anschließend wieder Fahrt aufnehmen sollte.

mm.de: Europäische Privatanleger haben sich an der US-Börse bisher zurückgehalten, sei es mit Aktien- oder Fondskäufen. Lohnt der Einstieg noch?

Carey: Sie sollten auf jeden Fall überlegen, noch einzusteigen. Andernfalls übersähen die Sparer viele gute Investmentmöglichkeiten - in Firmen, mit hohen und manchmal sogar dominanten Marktanteilen. Ich glaube, europäische Investoren sehen bisweilen auch noch nicht so klar, wie profitabel amerikanische Unternehmen noch immer sind und wie international sie geworden sind. Dabei wäre jetzt genau der richtige Zeitpunk, um in den US-Markt einzusteigen. Denn der jüngste Ausverkauf an der Börse hat günstige Kaufgelegenheiten für ruhige und langfristig orientierte Anleger geschaffen.

mm.de: Für europäische Anleger bleibt indes das Währungsproblem ein Investmentrisiko.

Carey: Ich bin verdutzt über die Dollar-Schwäche und glaube, dass sich Euro- und Dollarkurs auf Jahressicht wieder annähern werden.

mm.de: In welchen Sektoren sehen Sie derzeit die besten Anlagechancen?

Carey: Im Moment finde ich den Konsumgüterbereich sehr interessant, vor allem wegen seines defensiven Charakters. Und vom Finanzsektor, der den schlimmsten Teil des bisherigen Jahres erlebte, könnten Renditejäger im Rest des Jahres auch noch profitieren.

mm.de: Und welche Einzelaktien behalten Sie deshalb besonders im Blick?

Carey: Coca-Cola , Colgate , Hershey , Kellogg, Kraft Foods , Pepsico  und Walgreen .

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