Dax-Talfahrt "8200 Punkte bis Jahresende"

Trotz des jüngsten Dax-Sturzes - ein harter Börsencrash wird nicht daraus, ist Michael Wiaterek überzeugt. Sein Kernargument ist die Entwicklung der Weltwirtschaft, die dafür viel zu gut laufe. manager-magazin.de sprach mit dem Chef der Abteilung Aktienstrategie bei der Dresdner Bank über seine optimistische Markteinschätzung.
Von Christian Buchholz

mm.de: Herr Wiaterek, der jüngste, positive Kapitalmarktausblick der Dresdner Bank kam gestern just an einem Tag, an dem der Dax nach einer ohnehin schon schwachen Woche 2,4 Prozent abgab ...

Wiaterek: Um heute zeitweise schon wieder im Plus zu notieren. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren sind die Märkte sehr viel volatiler geworden - und werden es noch einige Zeit bleiben. Wir gehen dennoch davon aus, dass nach dem derzeitigen Mini-Crash die positive Grundtendenz die Kurse mittel- und langfristig nach oben hieven wird.

mm.de: Tatsächlich haben Sie ein Kursziel von 8200 Punkten für den Dax bis zum Jahresende ausgegeben - ein Zehntel mehr als das aktuelle Niveau. Die US-Immobilienkrise, ein steigender Ölpreis und nachlassende Aktivitäten in der Private-Equity-Branche machen Sie nicht bange?

Wiaterek: Das sind belastende Faktoren, in der Tat. Die Frage ist, wie stark die Effekte am Markt schon verarbeitet sind. Nach unserer Einschätzung ist eine Menge heißer Luft schon abgelassen. Wir bleiben bei unserer Prognose für den Dax - 8200 Punkte bis Jahresende.

mm.de: Was meinen Sie mit heißer Luft?

Wiaterek: Ein wichtiger Faktor für die steigenden Märkte in den vergangenen Jahren waren Übernahmefantasien und tatsächlich erfolgte Unternehmenskäufe. Diese Deals, mit denen Private-Equity-Investoren anfangs gute Gewinne einstrichen, wurden zuletzt dann doch mit einem zu spitzen Bleistift gerechnet - also mit einem zu optimistischen Rendite- und einem zu geringen Risikoansatz.

mm.de: Bear Stearns hat die Quittung bekommen und musste zwei Hedgefonds, die in hochspekulative HypoCredit-Papiere investiert waren, schließen. Die Frage ist, ob nun nicht weitere große Adressen in ähnliche Schwierigkeiten geraten und damit die Märkte ins Wanken bringen.

Wiaterek: In der Tat, die Frage, was mit zahlreichen CDOs* passiert, bleibt spannend. Zahlreiche Versicherer und andere Finanzinstitute sind bei Obligationen auf Unternehmensanleihen weit ins Risiko gegangen. Aber dieser Markt ist weitgehend abgeschottet und intransparent. Daher ist es schwer zu prognostizieren, ob hier tatsächlich Risiken schlummern, die marktbestimmend werden könnten.

Einfluss von Merger-Fantasien nimmt ab

mm.de: Recht deutlich zeigt sich aber, dass in vielen Branchen die Übernahmefantasie stark abnimmt ...

Wiaterek: ... zu beobachten beispielsweise bei Cerberus, die offenbar ein paar Schwierigkeiten bei der Finanzierung der - durchaus vielversprechenden - Chrysler-Übernahme haben. Während noch vor wenigen Monaten solche Übernahmen mit Hilfe von Bankentranchen leicht über die Bühne gingen, zeigt sich heute, dass der Risikoappetit der Konsortialbanken massiv abgenommen hat. Der Märktetreiber Übernahmen fällt damit zumindest kurzfristig aus. Das kann aber sehr wohl einen heilsamen Effekt darstellen.

mm.de: Aber für strategische Investoren bieten sich gerade jetzt doch teilweise Schnäppchenkurse.

Wiaterek: Ja, es waren die Finanzinvestoren gemeint. Selbst Übernahmen ohne überzeugende industrielle Logik konnten sich ja vor einigen Monaten für Finanzinvestoren noch lohnen - der Leverage-Effekt** und ein freundliches Umfeld bescherten den Anlegern Gewinne. Doch diese Zeiten sind zunächst vorbei. Übernahmen, wie sie nun beispielsweise der australische Bergbaukonzern Rio Tinto beim kanadischen Aluminiumhersteller Alcan versucht, wird es dagegen auch künftig geben. Dadurch zeigen die Konzerne übrigens auch, dass sie die derzeitigen Kurse nicht als überteuert ansehen - sondern eben eher günstige Einstiegsniveaus erkennen.

mm.de: Demnach wären die Märkte nicht überhitzt.

Wiaterek: Nein, sie sind es nicht. Trotz der starken Kurszuwächse in der Vergangenheit verzeichnet der Dax ein KGV von 13, der S&P 500 von 14. Diese moderaten Bewertungen ergeben sich, weil die Unternehmensgewinne kräftig angezogen haben. Also haben sich die Weltbörsen in ihrer Entwicklung nicht von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt - sie sind mitgewachsen. Ausnahmen bilden allerdings die Börsen in China und Indien, die mit vier Mal höheren KGV nach unserer Einschätzung übertrieben hoch notieren.

mm.de: Nach Ihrer Prognose wird also die weltweite Wirtschaftsentwicklung allein dafür sorgen, dass der Dax bis Dezember 10 Prozent zulegt?

Wiaterek: Wenn man es zuspitzen wollte, könnte man es so sagen. Hedgefonds, Private Equity und andere Spekulanten fallen als Kurstreiber am Markt erst einmal aus. Aber allein in Deutschland - auch wenn die börsennotierten Unternehmen hier nur drei Prozent des weltweiten Marktkapitals präsentieren - wird sich allein schon durch verbesserte Rahmenbedingungen bei den Steuern ein Plus beim Gewinn ergeben, selbst wenn sich am operativen Geschäft nichts veränderte. Das Gewinnwachstum im Dax wird auch dank dieses Effekts im kommenden Jahr vermutlich knapp zweistellig ausfallen.

* CDOs Collateralized Debt Obligations - verbriefte Ansprüche auf Vermögenswerte eines Portfolios, das aus Buchkrediten oder Anleihen besteht. Die Ansprüche werden meist in verschiedenen CDOs gestaffelt, bei den riskantesten ist das Ausfallrisiko am höchsten.

**Leverage-Effekt (engl. für Hebeleffekt) - Die Erhöhung der Eigenkapitalrentabilität aufgrund einer über dem Fremdkapitalzins liegenden durchschnittlichen Gesamtkapitalrendite. Solange der Zinssatz für die Fremdkapitalaufnahme niedriger ist als die Verzinsung des gesamten eingesetzten Kapitals, kann durch die Aufnahme von Fremdkapital der Gewinn und die Eigenkapitalrentabilität gesteigert werden.

Weitere Stimmen nach dem Dax-Absturztag

Weitere Stimmen nach dem Dax-Absturztag

HypoVereinsbank: "Wir erwarteten unverändert für das dritte Quartal eine volatile Seitwärtsbewegung für den EuroStoxx 50 und den Dax. Im Hinblick auf das 'untere Ende' der Seitwärtsbewegung gilt weiterhin unsere Einschätzung vom Juni: Aus technischer Sicht verlaufen beim Dax im Bereich von 7550 Punkten sowie bei 7060 Punkten wesentliche Unterstützungen (mit kleineren Unterstützungen dazwischen). In dieser Zone sollten Rückschläge ihren Boden finden.

Das genaue Verlaufsmuster wird vom News-Flow zur Entwicklung der Subprime-Krise in den USA mit bestimmt werden. Unsere Jahresendziele lauten 4650 Punkte für den EuroStoxx50 und 8100 Punkte für den Dax. Ein weiterer 'moderater' negativer Newsflow zur US Subprime-Krise ist in unserem Bild berücksichtigt, eine massive Verschlechterung nicht."

WestLB: "Die europäischen Aktienmärkte haben in den vergangenen Tagen recht deutlich korrigiert, und einer der Auslöser dürfte sicherlich die Subprime-Krise in den USA gewesen sein. Hat die Sommerpause - wie schon so häufig - dazu geführt, dass die Sensitivität gegenüber 'unangenehmen' Ereignissen zugenommen hat, oder könnte der Anstieg in der Volatilität doch ein (weiterer) Hinweis auf einen bevorstehenden Regimewechsel sein? Wir bleiben bei unserer vorsichtigen Markteinschätzung, in unserer europäischen Sektorallokation haben wir den Regimewechsel deshalb bereits vollzogen: Seit einigen Monaten ist unser Portfolio ausgesprochen defensiv ausgerichtet - nicht zuletzt, weil wir das Exposure im Finanzsektor deutlich reduziert haben."

Baring Asset Management: "Es wird offensichtlich, dass wir uns derzeit nicht mehr in einem frühen Stadium des Wirtschaftszyklus befinden, sondern dass wir uns herausfordernden Zeiten stellen müssen.

Wir erwarten, dass die Weltwirtschaft weiterhin lebhaft wächst, jedoch in einigen Bereichen etwas an Schwung verliert. Die Verbrauchernachfrage in UK wird vermutlich zurückgehen, ebenso wie der gegenwärtige Rückgang im US Immobilienmarkt weiter anhalten sollte. Für Europa erwarten wir geringere Aktivitäten in Randländern, wie Spanien und Irland, was ausgeglichen wird durch eine Erholung der deutschen Inlandsnachfrage.

Japan ist auf Konsumentenebene nach wie vor glanzlos und die Exporte sind zurückgegangen. Somit sollte sich auch das Wachstum in den kommenden sechs Monaten verlangsamen. China und der Rest Asiens haben ein ganz anderes Problem. Das Wachstum in China ist nach Meinung der Behörden nach wie vor zu hoch. Moderate Maßnahmen wie Erhöhung der Kreditkosten und eine Zügelung der Bankenverschuldung haben nicht voll durchgeschlagen. Sollte die Inflation weiter steigen, können wir sicherlich mit massiveren Maßnahmen durch die Behörden rechnen.

Der Schlüsselfaktor ist nach wie vor die Volatilität der Märkte. Wir hatten mit einer höheren Volatilität in diesem Jahr gerechnet und sind soweit nicht unvorbereitet. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Volatilität ab nun weiter steigen wird.

Unsere gegenwärtige Strategie bei der Asset Allokation besteht aus moderaten Aktienpositionen. Wir suchen nach Kaufgelegenheiten in unseren favorisierten Märkten im pazifischen Becken sowie in den Emerging Markets. Da wir uns aber - wie gesagt - nun in einem späteren Stadium des Wirtschaftszyklus befinden, ist dies nicht die Zeit um maximales Risiko zu suchen." (Percival Stanion, Head of Asset Allocation)

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