Börse Japan Mit dem Mut der Samurai

Japans Unternehmen verdienen gut, das Land feiert rauschende Exporterfolge und die Arbeitslosigkeit sinkt. Nur die Börse hinkt der Rally hinterher. Eigentlich eine gute Gelegenheit einzusteigen, sagen Experten - wenn Japan nicht gerade jetzt einen einsamen Kampf gegen die Globalisierung beginnen würde.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - "Irashaimase, irashaimase!" - Willkommen, willkommen! Nichts anderes hört, wer in Tokio einkaufen geht. "Irashaimase", vielfach gerufen von jedem Verkäufer, in jedem Geschäft, in allen Ecken der Läden, von einer Abteilung zur nächsten. Die Rufe werden lauter, seit es mit Japans Wirtschaft bergauf geht. Eigentlich.

Die großen Industrieunternehmen beispielsweise wollen in diesem Jahr 11 Prozent mehr für Ausrüstung und Fabriken ausgeben. "Auch die Finanzdienstleister und vor allem der Maschinenbau des Landes kommen voran", sagt Hideo Kumano, Ökonom am Daiichi Life Research Institute. Die Investmentbanker des amerikanischen Geldhauses Merrill Lynch  rechnen dann auch mit einem Wirtschaftswachstum von rund 2,7 Prozent in diesem Jahr in Japan. "Strategisch gesehen gehören Japan-Investments jetzt einfach ins Portfolio der Anleger", sagt Karsten Stroh von JP Morgan Asset Management. Irashaimase!

Tatsächlich könnte der Wertpapiermarkt in Tokio für Sparer von Interesse sein. Denn verglichen mit dem deutschen Aktienmarkt müsste Japans Börse noch erhebliche Reserven haben. Das Tokioer Leitbarometer Nikkei 225  etwa blieb nicht nur im Schnitt der vergangenen drei Jahre deutlich hinter dem deutschen Dax  zurück. Auch in den vergangenen zwölf Monaten enteilte der Frankfurter Paradeindex dem Nikkei: Während Japans wichtigster Aktienindex um rund 18 Prozent zulegte, verbesserte sich der Dax nahezu um 40 Prozent.

Auch der amerikanische Weltleitindex Dow Jones Industrial  überbot den Nikkei in diesem Zeitraum deutlich - obwohl der Tokio-Index gestern mit 18.262 Zählern den höchsten Stand seit Mai 2000 erreichte. Jetzt aber soll der große Aufschwung erst noch kommen: "Ich gehe davon aus, dass sich japanische Aktien im zweiten Halbjahr weltweit am besten entwickeln werden", sagt Ryoji Musha, Chefanlagestratege bei der Deutschen Bank  in Tokio.

Der geborgte Exportturbo

Der geborgte Exportturbo

Dafür allerdings darf der Export der japanischen Firmen nicht nachlassen, und dem scheint derzeit der Devisenmarkt das Tempo vorzugeben. "Die Abwertung des Yen um etwa 6 Prozent gegenüber Dollar und Euro  in den vergangenen Monaten hat sich und wird sich voraussichtlich noch positiv auf die Umsätze und die Gewinne der japanischen Unternehmen auswirken", glauben beispielsweise die Experten der niederländischen Bank ABN Amro .

Die meisten Experten sind sich sogar sicher, dass vor allem der schwache Yen die Ausfuhren des Landes so angefeuert hat, dass Japans Leistungsbilanzüberschuss im April um mehr als 50 Prozent zum Vormonat in die Höhe schoss. Das war der stärkste Zuwachs seit drei Jahren. Doch der geborgte Devisenexportturbo des Landes könnte bald an Kraft verlieren.

Gemessen an seinem effektiven Wechselkurs, der den Yen handelsgewichtet und inflationsbereinigt in Relation zu übrigen Währungen stellt, dümpelt Japans Valuta schon auf dem tiefsten Stand seit dem Plaza-Währungsabkommen im Jahr 1985. Weitere erhebliche Kursverluste und damit noch mehr Schwung für Japans Exportwirtschaft sind deshalb nicht sehr wahrscheinlich.

Im Gegenteil: Sollte Japans Notenbank aufgrund der guten Konjunktur den extrem niedrigen Leitzins des Landes von derzeit noch 0,5 Prozent anheben, würde sich die Zinsdifferenz zu wichtigen Währungsgebieten wie etwa dem Dollarraum verringern. Damit aber schwächte sich der Verkaufsdruck auf Japans Devise tendenziell ab oder käme gar zum Erliegen. Und eben diese Trendwende könnte bald kommen, fürchten japanische Experten: "Es gibt fast keinen Grund mehr für Japans Notenbank, auf höhere Zinsen zu verzichten", schreibt Ökonom Tetsufumi Yamakawa, Analyst des amerikanischen Investmenthauses Goldman Sachs .

Dann aber würde wohl jene Schwäche der japanischen Wirtschaft an Bedeutung gewinnen, die zuletzt von den großen Exporterfolgen des Landes überlagert wurde: die schwächelnde Binnenkonjunkur. Ein großer Teil der japanischen Bevölkerung hat trotz mehrjährigem Wirtschaftsaufschwung noch immer kaum mehr Geld zur Verfügung als vor Beginn der ökonomischen Auferstehung.

Nach Angaben japanischer Statistiken sanken die Gehälter der Japanerinnen und Japaner im Schnitt vielmehr im Mai erneut, und damit im sechsten Monat in Folge. Entsprechend zugeknöpft geben sich dann auch die sonst so kauffreudigen Japaner: Die Konsumentenpreise fallen aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Konsumbereitschaft seit Februar wieder.

Zurück zur Japan AG?

Zurück zur Japan AG?

"Die Underperformance japanischer Aktien ist nicht zuletzt auf die für viele Anleger enttäuschende Entwicklung innerhalb Japans zurückzuführen. Die lang erhoffte Belebung der Binnenkonjunktur lässt auf sich warten, vor allem weil sich die Verbraucher weiterhin wenig kauffreudig zeigen", geben dann auch die ABN-Amro-Experten zu.

Zu allem Überfluss scheinen viele große Unternehmen, deren Aktien einen wichtigen Einfluss auf die Börsenentwicklung in Tokio haben, jetzt auch noch einen Teil jener Reformen zurückzudrehen, von denen sie in den vergangenen Jahren so profitiert haben. Firmen wie Honda  oder Nippon Steel  beginnen plötzlich, Überkreuzbeteiligungen mit anderen japanischen Unternehmen einzugehen. Damit aber lassen sie jene alte Japan AG aufleben, die längst überwunden schien.

Nippon Steel beispielsweise tauschte zuletzt große Aktienpakete mit Sumitomo Metal  sowie Kobe Steel, Honda mit dem Autozulieferer Kikuchi. Nach Angaben der japanischen Investmentbank Nomura  halten Japans Firmen plötzlich wieder 11,2 Prozent aller frei handelbaren Aktien gegenseitig. Im Jahr 2004 waren es noch knapp 10 Prozent, doch seitdem geht es wieder andersherum - und die Uhren ticken zurück: Japan stemmt sich einsam gegen die Globalisierung.

"Das ist kein gutes Zeichen für die Anleger an Tokios Börse", sagen dann auch die Nomura-Wertpapierexperten. Viele deutsche Börsenkenner glauben dennoch, dass die Anlagechancen in Japan wenigstens kurzfristig besser sind als hierzulande.

Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters  rechnen sie im Schnitt mit einem Plus des japanischen Nikkei-225-Index von etwa 5 Prozent bis Ende des Jahres. Amerikas Dow Jones Industrial trauen die Auguren dagegen nur einen Wertzuwachs von 3 Prozent zu und der deutsche Dax soll sich in der zweiten Jahreshälfte nur mit einem mickrigen Anstieg um 1 Prozent begnügen müssen. Na, dann - irashaimase!

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