Anlagestrategie Deutschland, deine Aktien

Aktionäre in Deutschland halten den Atem an - der Hausse-verwöhnte Dax gerät ins Schlingern. Zeit, in deutsche Small Caps umzusteigen? Oder in den MDax? Experten mahnen zur Vorsicht.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - August Kopisch hat es gewusst. Oder zumindest eine gelungene Parallele gezogen. "Wie war zu Köln es doch vordem, mit Heinzelmännchen so bequem!" Heinzelmännchen, die fleißigen und kleinwüchsigen Helfer im Rheinland, mehrten den Wohlstand der Glücklichen - ohne dass sie sich hätten anstrengen müssen. Auch jene Investoren, die vor Jahren ihr Geld dem deutschen Aktienmarkt anvertrauten, konnten sich entspannt zurücklehnen und dem Geld beim Wachsen zusehen. "Denn, war man faul, man legte sich, hin auf die Bank und pflegte sich." In der Tat, es war so einfach.

Doch die Zeiten scheinen vorbei zu sein. Der Dax  sackt seit Wochen ab, MDax  und SDax  ebenso. Einige Händler sprechen bereits davon, dass die Konsolidierung an Deutschlands Börsen damit zur Korrektur werden würde. Ist es schon so weit? Und kann der deutsche Anleger dem Sog entkommen?

Nein, so weit ist es noch nicht. Und der Anleger kann drohenden Börsenwidrigkeiten noch entkommen, ist sich zum Beispiel Jens Ehrhardt sicher. Indem er Geduld hat. Mit dieser Einschätzung befindet sich der Vermögensverwalter aus München in bester Gesellschaft. Denn viele große Investoren sind auch weiterhin von den Qualitäten der deutschen Aktien überzeugt.

Die Dresdner Bank zum Beispiel vergleicht den Dax mit Hochleistungssport. "Kaum lassen die Kräfte nach, folgt ein Stärkungsmittel in Form einer neuen Dosis M&A", so heißt es in einem Papier der Bank. Auch das Wachstum der Republik werten die Experten als intakt. Bei der Deutschen Bank  heißt es pauschal von Klaus Martini, dem Chefstrategen für das Privatkundengeschäft der Bank: "Zunehmende M&A-Aktivitäten, Aktienrückkaufprogramme sowie sehr hohe Dividendenzahlungen sind positive Faktoren für risikoreiche Anlageklassen."

Auch der Binnenkonsum scheint endlich an Fahrt zu gewinnen, beobachtet William Davies von Threadneedle. "Die deutschen Konsumenten scheinen mit der Anhebung der Mehrwertsteuer recht locker umzugehen."

Nicht zu teuer - noch nicht

Nicht zu teuer - noch nicht

Und die Preise für die deutschen Aktien sind noch immer nicht aus dem Ruder gelaufen. "Aktien sind im historischen Vergleich durchschnittlich, nicht überbewertet", so Ehrhardt. "Angesichts eines Gewinnwachstums von 10 Prozent oder mehr scheint ein KGV von 13 bis 14 nicht hoch", so Franz Wenzel von Axa Investments. Die typischen Argumente einer auslaufenden Hausse? Ehrhardt zumindest baut vor: "Eine ausgesprochene Unterbewertung liegt allerdings auch nicht vor."

"Die fundamentalen Daten wie die wirtschaftliche Erholung, der Gewinnwachstum, die Bewertung und so weiter bleiben in Ordnung", fasst Wenzel zusammen. "Die Hauptbelastung bleibt der Zinsanstieg, insbesondere die Geschwindigkeit am langen Ende hat die Märkte verunsichert. Wir bleiben daher übergewichtet in Aktien, insbesondere in Euroland", spricht der Chefstratege für die Strategie der Axa Investments. Und redet daher lieber von einer Korrektur als einem dauerhaften Taumeln.

Für die nächste Zukunft ist die Richtung daher erst einmal klar. Es wird auf eine Seitwärtsbewegung der deutschen Aktien hinauslaufen, prognostiziert Ehrhardt. "Erst bei Veröffentlichung besserer Unternehmensgewinne ist wieder fundamental Potenzial für die Aktienkurse gegeben." Auch die Psychologie spricht dafür. Genauer, das "Anchoring", ein Begriff aus der Finanzpsychologie. Kritische Punkte einer Kursentwicklung merkt sich der Anleger dieser Theorie zufolge sehr einfach - so wie es auch bei dem Höchststand des Dax von 8136 Punkten der Fall war. Kurz bevor solche Punkte erreicht werden, stolpert der Anleger förmlich über den Anker, wird nervös und verkauft zum Beispiel seine Beteiligungen.

Doch allein auf das langfristige Potenzial der deutschen Aktien zu setzen und wahllos in Dax, MDax oder SDax zu investieren, wäre nun aber ein Fehler. Denn die drei Standardbarometer deutscher Aktienlust laufen zunehmend weiter auseinander, beobachtet Ehrhardt. "Der Dax entwickelt sich besser als der MDax, und der MDax entwickelt sich besser als der SDax, aber alle drei Indizes befinden sich in einer technischen Reaktion, die noch nicht zu Ende sein dürfte. Der Trend hin zu größeren Aktien und weg von kleineren Titeln verstärkt sich."

Das war nicht immer so: "Bisher waren die Indizes weit enger miteinander korreliert, wobei MDax und SDax in den vergangenen Jahren besser abschnitten als der Dax, was sich jetzt umgekehrt hat. Im zweiten Quartal stiegen praktisch nur noch – wenige – große Werte im Dax, während die Mehrzahl der Aktien stagnierte oder bei den kleineren Aktien sogar rückläufig war." DaimlerChrysler , Siemens  und Bayer  macht auch Threadneedle-Mann Davies als starke Triebfedern der Entwicklung des Dax im ersten Halbjahr aus.

In der Vergangenheit hat dieser breite Aufwärtstrend etliche Anleger dazu gebracht, mit einfachen Zertifikaten statt aktiv verwalteten Fonds auf den jeweiligen deutschen Index zu setzen. Zu Recht - "bisher waren Zertifikate auf die Indizes in den letzten ein bis zwei Jahren häufig das bessere Investment gegenüber Fonds", sagt Ehrhardt. Doch nun schlägt die Stunde der Fonds, ist sich der Münchener sicher. "Käme es zu einer stärkeren Reaktion nach unten, wären Zertifikate sogar deutlich ungünstiger als Fonds, die diese Entwicklung erkennen und höhere Barreserven gebildet haben."

Es wird also volatiler. Man kann auch mit deutschen Aktien weiterhin Geld verdienen - doch das wird schwieriger, weil die Kurse immer wieder einbrechen werden. Insofern hat der Autor der Heinzelmännchen tatsächlich recht behalten. "Ach, dass es noch wie damals wär. Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her."