US-Hedgefonds "Schließen Pleiten nicht aus"

Die Krise um Hedgefonds der Bank Bear Stearns spitzt sich zu. Einer ihrer Fonds, die sich am US-Immobilienmarkt verspekuliert haben, steht vor dem Aus. Es wird nicht der letzte Fonds sein, sagt Folker Hellmeyer. Selbst Pleiten schließt der Chefanalyst der Bremer Landesbank nicht aus. Der Schock könnte aber auch heilsam sein.

mm.de: Der Fall Bear Stearns zeigt, die Krise am US-Hypotheken- und Immobilienmarkt hat jetzt die US-Investmentbanken erreicht. Bleibt Bear Stearns mit seinen zwei in Schieflage geratenen Hedgefonds ein Einzelfall, sozusagen ein Unfall?

Hellmeyer: Bear Stearns ist bereits der zweite Fall. Von der Schweizer Großbank UBS  wird ein ähnlich gelagertes Problem kolportiert, das angeblich intern entschärft wurde. Wir sehen jetzt erst die Spitze des Eisbergs. Und die Probleme, die dahinter stehen, nehmen zu.

mm.de: Was meinen Sie damit?

Hellmeyer: Wir haben nicht nur eine Krise des US-Wohnimmobilienmarktes, sondern ein grundlegendes Problem mit der Kreditvergabepraxis in den USA. Sie war und ist schlicht zu lax. Kreditwürdigkeitsprüfung empfanden viele Banken als Fremdwort, insbesondere bei der Vergabe von Hypothekendarlehen. Darlehen wurden wie durchlaufende Posten behandelt: Man gewährte sie großzügig, um sie wenig später neu zu verpacken und zu verkaufen. Es fehlte an der notwendigen Sorgfalt und Risikoprüfung.

mm.de: Müsste die Kreditvergabepraxis in den USA nicht grundlegend neu geordnet werden, und wer könnte das kontrollieren?

Hellmeyer: Das regelt der Markt selbst. Aus Schaden werden auch Banken klug. Massive Eingriffe der Aufsichtsbehörden in den USA sind hier nicht notwendig. Bear Stearns erkennt aktuell, dass die Aufwendungen markant sind, um die Folgen der Fehlspekulationen der Fonds halbwegs in den Griff zu bekommen. Die Bereinigung der Exzesse in den USA und den globalen Finanzmärkten wird sich in den kommenden Monaten negativ auf die Gewinne der Banken auswirken. In diesem Maße wird die Risikoaversion steigen und im Ergebnis auch zu einer veränderten Kreditvergabepraxis führen.

mm.de: Einem der beiden Fonds, die in verbriefte Hypotheken investiert und sich damit verspekuliert haben, greift Bear Stearns mit 1,6 Milliarden Dollar unter die Arme. Den zweiten in Schieflage geratenen Hedgefonds will man nicht stützen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Hellmeyer: Hedgefonds sind für gewöhnlich eigenständige rechtliche Unternehmenseinheiten, für deren Schieflage und die daraus erwachsenden Folgen eine dahinterstehende Institution oder Bank nicht zwangsläufig geradestehen muss. Nach meiner Interpretation stellt Bear Stearns mit ihrem jetzigen Verhalten implizit die Forderung, dass sich auch andere Finanzinstitute an der Stabilisierung dieses Segments in einem erheblichen Maße beteiligen sollen. Fakt ist, dass sowohl Initiator als auch Investor eines Hedgefonds für ihr Verhalten Verantwortung übernehmen müssen!

"Bear Stearns ist der Anfang eines Prozesses"

mm.de: Banken statten Hedgefonds mit Milliardenkrediten aus und erhalten dafür Wertpapiere des Fonds als Sicherheit, so auch im Fall Bear Stearns. Welche Folgen könnte ein Verkauf dieser Vermögenswerte für die Bewertung anderer Hedgefondskredite nach sich ziehen?

Hellmeyer: Das Problem dieser Sicherheiten, die zum Beispiel aus kreditbesicherten Anleihen bestehen, liegt darin, dass es für sie keinen liquiden Markt gibt. Hinzu kommt, dass eine Bewertung dieser Titel aus einer Zwangslage heraus zu erheblichen Abschlägen führen wird. Das hätte zur Folge, dass auch andere Marktteilnehmer ihre Papiere neu zu bewerten hätten. Der gesamten Branche drohten damit Milliardenverluste. Um den Markt nicht weiter unter Druck zu setzen, stützt Bear Stearns deshalb zunächst einmal einen der beiden Hedgefonds.

mm.de: Müssten vor diesem Hintergrund die Kreditgeber nicht ein ureigenstes Interesse daran haben, einen strauchelnden Hedgefonds zu retten?

Hellmeyer: Ja, der Blick in die Vergangenheit bestätigt, ob LTCM oder Amaranth, dass Lösungen in einem solchen Fall gesucht werden, um Zwangsliquidationen zu verhindern und eine sukzessive Abwicklung unter Wahrung der Interessen zu ermöglichen. Bei einer Häufung von Ausfällen wird das jedoch kaum möglich sein. Wie bereits erwähnt, Bear Stearns wird nicht der letzte Fall sein. Banken und andere finanzierende Institute werden deshalb ihre Kreditvergabepraxis gegenüber Hedgefonds und Private-Equitiy-Unternehmen überprüfen müssen. Hedgefonds stemmen ihre Deals gegenwärtig noch mit bis zu 90 Prozent Fremdkapital. Dieser Anteil dürfte in Zukunft deutlich sinken, weil die Banken vorsichtiger agieren werden. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall, in diesem Zusammenhang auftretende Risiken wurden nicht angemessen bewertet.

mm.de: Sollten womöglich beide Bear-Stearns-Fonds geschlossen werden - welche Konsequenzen hätte das für immobilienlastige US-Hedgefonds und für den amerikanischen Hypothekenmarkt an sich?

Hellmeyer: Die Problematik bei Bear Stearns bildet aus meiner Sicht den Anfang eines länger andauernden Prozesses, der mittelfristig zu einer Normalisierung der Bewertungen in diesem Sektor führen wird. Ich gehe zugleich davon aus, dass sich die US-Immobilienkrise in den kommenden zwölf Monaten massiv verschärfen wird. Schon jetzt befinden sich die Zwangsvollstreckungen in den USA auf einem historisch hohen Niveau.

Damit wird sich auch die Lage für den Bereich der Subprime Loans deutlich verschlechtern. Der größte Teil der Zinsumstellungen aus der subventionierten Anfangsphase dieser kunstvoll gestrickten Hypothekenverträge liegt in den nächsten zwölf Monaten noch vor uns. Dies wird im Ergebnis die privaten Haushalte extrem stark belasten und zu erhöhten Ausfallquoten führen. Wir reden bei den Umstellungen über ein Gesamtvolumen von etwa zwei Billionen US-Dollar.

mm.de: Was bedeutet das für die Hedgefonds?

Hellmeyer: Vor diesem Hintergrund werden die mit minderwertigen Hypotheken unterlegten und weitergereichten Wertpapiere unter starken Verkaufsdruck geraten. Wir werden steigende Ausfallraten sehen. Hedgefonds, die in diesem Segment engagiert sind, dürften verstärkt Probleme bekommen. Wir schließen Pleiten nicht aus.