Dax-Geflüster Dreifacher Dämpfer

Der Dax ist auf Rekordjagd. Die starken Kursschwankungen sowie der eilige Börsengang des Firmenjägers Blackstone sind jedoch Hinweise, dass es langsam ungemütlich wird: Anleger müssen sich im zweiten Halbjahr auf eine Entwicklung einstellen, die als dreifacher Dämpfer wirken kann.

Eine Rekordjagd ist immer aufregend, selbst wenn der Dax  in dieser Woche sein bisheriges Verlaufshoch von 8136 Punkten knapp verpasst hat. Anhänger historischer Vergleiche müsste inzwischen ein mulmiges Gefühl beschreiten: Nachdem der Dax nach vierjähriger Kursrally im März 2000 seinen bis heute gültigen Rekord erreicht hatte, ging es bis Sommer 2001 um 50 Prozent bergab. Bis März 2003 dann noch einmal um 50 Prozent. Unschön, wenn sich so etwas wiederholte.

Doch kein Grund zur Panik. Der Dax weist aktuell ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 14 auf, während man sich im Frühjahr 2000 schon an KGVs von 30 und mehr gewöhnt hatte. Während man damals kaum von Gewinnen, sondern viel lieber von "erwartetem Umsatz" sprach, haben die meisten Dax-Konzerne in den vergangenen drei Jahren atemberaubende Gewinnsteigerungen hingelegt. Die Bewertungen sind gestiegen, doch richtig teuer ist der Dax noch nicht.

Kurzzeitige Rücksetzer wie Ende dieser Woche machen die meisten Anleger nicht wirklich nervös. Sie verweisen darauf, dass sich viele Fondsmanager bis zur Halbjahresbilanz Ende dieses Monats noch mit den Dax-Werten eindecken werden, die besonders gut gelaufen sind. "Window-Dressing" nennt man das: Niemand will sich vorwerfen lassen, er habe die aktuell angesagten Titel nicht im Depot. Für die kommenden Wochen sei der Markt "abgesichert", die Stimmung weiterhin gut. Börsenprofis wie Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman nutzen die Gelegenheit, ihre Firma noch möglichst rasch an die Börse zu bringen.

Gut möglich, dass der Dax in den kommenden Wochen die Rekordmarke knackt, vielleicht sogar deutlich darüber hinaus in Richtung 8200, 8300 Punkte klettert. Und dann?

Dann, meinen viele Marktbeobachter, wird es holprig. "Die Kursschwankungen nehmen zu, und der Weg nach oben wird für den Dax steiniger", sagt Gerhard Schwarz, Leiter Aktienstrategie bei der HypoVereinsbank. Als Hauptbelastung für den Markt sieht er eine Entwicklung, die viele Börsianer inzwischen langweilt und die von vielen euphorisierten Anlegern nicht so recht ernst genommen wird: das gestiegene Zinsniveau.

Zinsen dämpfen dreifach

Zinsen dämpfen dreifach

Steigende Zinsen bedeuten nicht nur, dass Anleihen als Alternative zu Aktien für Anleger wieder interessanter werden. Sie wirken derzeit als dreifacher Dämpfer für den Aktienmarkt.

Sie verteuern Kredite für Unternehmen und Konsumenten. Sie sorgen für eine Abkühlung im heiß gelaufenen weltweiten Übernahmegeschäft. Und sie machen Finanzjongleuren, die mit hohem Risiko im US-Immobilienmarkt spekulieren, einen Strich durch die Rechnung.

Erst gestern haben sich mehrere US-Investmentbanken aus zwei Hedgefonds zurückgezogen, die mit " subprime loans" jongliert haben und wegen des Anstiegs der langfristigen Zinsen schwer in Bedrängnis geraten sind. Schwierigere Finanzierungsbedingungen, die als Wachstumsbremse für Konsum und Unternehmen wirken, haben im Juni außerdem zu einem sinkenden Geschäftsklimaindex in Deutschland geführt.

"Die gestiegenen Zinsen sind ist in den vergangenen Wochen stark in den Hintergrund geraten", sagt Schwarz. "Doch sie sind eine ernsthafte Belastung: Wer annimmt, dass ein steigendes Zinsniveau sowie hohe Ölpreise dem Wachstum nichts anhaben können, denkt ganz klar zu optimistisch." Das Gewinnwachstum der Unternehmen habe sich in den USA und Japan bereits abgeschwächt. Laut Schwarz ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Wachstums- und Gewinndynamik auch in Europa abschwächen wird.

Übernahmeboom ebbt langsam ab

Den Bullen dürfte in Kürze noch ein weiteres Argument abhanden kommen. Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie das Übernahmefieber der Private-Equity-Branche haben sich in den vergangenen Monaten als Kurstreiber erwiesen. 2,4 Billionen Dollar haben die Firmenjäger in diesem Jahr bislang für Übernahmen ausgegeben, so viel wie nie zuvor. Der Appetit der Firmenjäger musste immer wieder als Erklärung dafür herhalten, dass in den Kursen noch "Fantasie" sei. Doch auch in dieser Branche, die sehr stark mit kreditfinanzierten Übernahmen arbeitet, wirken steigende Zinsen als Bremse.

"Die Attraktivität fremdfinanzierter Übernahmen hat sich eingetrübt", bestätigt Schwarz. Im April und Mai habe die M&A-Aktivität weltweit noch auf einem Rekordniveau von jeweils mehr als 600 Milliarden US-Dollar tendiert. Im laufenden Monat Juni sei dagegen eine deutliche Abkühlung auf rund 300 Milliarden Euro zu erwarten. "Dies bedeutet noch kein Ende des M&A-Booms, aber dennoch eine Beruhigung", sagt der Experte der HVB.

Nur wenige Titel bewegen Dax

Schwankungen nehmen zu - wenige Titel bewegen Dax

Die Verschlechterung der realen Finanzierungsbedingungen hat bereits dafür gesorgt, dass kleine und mittlere Unternehmen bei Fondsmanagern und international agierenden institutionellen Investoren nicht mehr so stark gefragt sind wie noch zu Jahresbeginn.

Nun seien sogenannte Large Caps, die über lange Zeit eine schlechtere Kursperformance aufwiesen als kleine und mittlere Werte, wieder stärker gefragt. "Large caps wie Siemens , Daimler , Eon , BASF  und Deutsche Bank  haben seit Januar eine stärkere Kursdynamik entwickelt", sagt Schwarz. "Wir werden uns auf eine höhere Volatilität einstellen müssen - der Dax wird derzeit von weniger Aktien getrieben."

Kostproben für eine Kurs-Achterbahn gab es in den vergangenen Tagen reichlich. Nachdem der Dax die Marke von 8000 Punkten erreicht hatte, rutschte er kurzfristig um rund 5 Prozent ab. In der vergangenen Woche legte der Index dann binnen zwei Handelstagen wieder um mehr als 4 Prozent zu – ein Anstieg mit Seltenheitswert. Nachdem der Dax in dieser Woche dann sein Rekordhoch um 5 Punkte verpasst hatte, ging es am Folgetag zeitweise erneut um 170 Punkte nach unten. Anleger brauchen derzeit starke Nerven.

Blackstone hat es eilig

Der Dax dürfte nach Einschätzung der HVB in den kommenden Wochen nicht nur stärker schwanken, sondern auch an Aufwärtsdynamik verlieren. Das Kursziel bis Jahresende liege bei 8100 Punkten. "Eine Seitwärtsbewegung ist aus unserer Sicht wahrscheinlich", sagt Schwarz. Im vergangenen Herbst sei der Aktienmarkt noch von der Konjunkturdynamik und der gleichzeitigen Hoffnung auf eine Senkung der US-Leitzinsen getrieben worden. Doch die Spekulation auf eine Zinssenkung der Fed sei nun geschwunden: "Die Risiken haben zugenommen", so der Aktienstratege. "Gleichzeitig dürften wir in der zweiten Jahreshälfte eine Abkühlung der Konjunktur sehen."

Dass es der Finanzinvestor Blackstone so eilig damit hat, über einen Börsengang Kasse zu machen, passt ins Bild. Noch laufen die Geschäfte glänzend, doch die Bedingungen könnten schon in den kommenden Monaten schwieriger werden. Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman hätte dann mit dem Börsengang ein glänzendes Timing bewiesen - für Anleger wäre es dagegen ein Signal, am Markt Vorsicht walten zu lassen.

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