Geldanlage Hochseilartistik an der Börse

Drohen dem deutschen Aktienmarkt weitere Kurseinbrüche, oder erholt sich der Dax schnell? Lohnt es sich gar, jetzt in Aktien zu investieren? Oder ist es ratsam, in weniger riskante Alternativen umzuschichten? manager-magazin.de hat führende Finanzexperten nach ihren Anlagestrategien für unsichere Zeiten befragt.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Wird Ihnen mulmig? Überkommt Sie das Gefühl, dass die Börse einen Knacks bekommen hat? Längst ist das bedeutendste Barometer der Frankfurter Börse wieder unter die Schwelle von 8000 Indexpunkten gefallen. Binnen einer knappen Woche verlor der Deutsche Aktienindex (Dax ) glatt 300 Zähler - und darum zucken viele Anleger zurück.

"In immer kürzeren Intervallen fragen Kunden, ob sie ihr Geld nicht besser abseits des Aktienmarktes anlegen sollten. Aus Angst vor Kurszusammenbrüchen, so gewaltig, wie vor sieben Jahren, als die Internetblase platzte", sagt der Geschäftsführer einer Düsseldorfer Fondsboutique zu manager-magazin.de. Und Robeco-Deutschland-Geschäftsführer Frank Alexander de Boer ergänzt: "Es scheint geradezu so, als ob Anleger nicht länger an eine anhaltende Hausse glauben. Trotz der guten Stände der Aktienmärkte weltweit sind sie skeptisch."

Die Vorsicht der Sparer kann angebracht sein. Denn kurz nach der Jahrtausendwende verloren viele Anleger einen erheblichen Teil ihrer Altersvorsorge an der Börse. Das kann sich niemand leisten. Ganz sicher nicht zweimal, und vielleicht ist das genau das Problem.

"Sehr viele Anleger haben sich nach dem Crash Anfang des Jahrtausends geschworen, nie mehr vom schnellen Gewinn an der Börse verführt zu werden. Deshalb haben sie in jeder Ecke der Finanzmärkte nach Spekulationsblasen Ausschau gehalten - und der jüngste Kursanstieg an Deutschlands Aktienmarkt scheint ihnen dafür ein weiteres Beispiel zu sein", sagt Joachim Goldberg zu manager-magazin.de, Geschäftsführer des Frankfurter Kapitalmarktanalysehauses Cognitrend, das den Markt aus psychologischem Blickwinkel unter die Lupe nimmt.

Die meisten Experten raten Aktionären dann auch derzeit, noch nicht im großen Stil auf andere Anlageformen umzusatteln und die Ruhe zu bewahren. "Nimmt man alle Faktoren zusammen, sind die weiteren Aussichten für Aktien in Europa nach wir vor gut", sagt Winfried Hutmann zu manager-magazin.de, Geschäftsführer des Finanzhauses Frankfurt-Trust. Seine Kollegen von der Commerzbank-Tochter Cominvest beispielsweise rechnen damit, dass der Dax in den kommenden zwei Jahren die 10.000-Punkte-Schwelle überschritten haben wird - fast schon zum Schrecken der Anleger. "Viele meiner Kunden reiben sich nur noch verdutzt die Augen", sagt der Fondsboutique-Geschäftsführer.

Wie zur eigenen Beschwichtigung überschütten Börsenkenner die skeptischen Anleger dann derzeit auch mit beruhigenden Finanzdetails. "Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Dividendenpapiere liegt auf Basis der berichteten Gewinne mit rund 14,5 deutlich unter dem entsprechenden Wert für europäische Rententitel, die mit einem Zins-KGV von 21 bewertet sind", führt etwa Frankfurt-Trust-Geschäftsführer Hutmann als Zeichen für die Solidität und Attraktivität der Aktienmärkte an. "Die Bewertungsampel für Aktieninvestments steht weiterhin auf Grün", sagt Hutmann.

Insider kaufen weitere Aktien

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Zudem befände sich nicht nur die Weltwirtschaft in einer ausgesprochen guten Lage, sagen andere Experten; die Ökonomen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung beispielsweise berichteten zuletzt, so gut wie derzeit sei es der Weltwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren nicht gegangen. Auch die Bundesrepublik setzt ihre wirtschaftliche Erholung fort, zeigt der aktuelle Konjunkturindex des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts - und das sollte erst Löhnen und Unternehmensgewinnen und dann den Aktienkursen hierzulande noch einmal Auftrieb geben.

"Man kann sich an allen Fingern abzählen, dass unser Plus beim Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr eine Drei vor dem Komma aufweisen wird", sagt Carsten-Patrick Meier zu manager-magazin.de, der das Konjunkturprognoseteam des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel leitet.

Voller Zuversicht sind dann auch die wahren Insider der deutschen Wirtschaft, die Vorstände und Aufsichtsräte bedeutender deutscher Aktiengesellschaften. Wie das Forschungsinstitut für Asset Management an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zuletzt ermittelt hat, kauften die Firmenlenker zuletzt so viele Aktien der eigenen Unternehmen wie lange nicht mehr. Die statistische Schwelle, ab der die Forscher von einem klaren Kaufindiz für alle anderen Anleger sprechen, war fast erreicht worden - so viel Vertrauen war selten. Und das kurz vor dem möglichen Rekordhoch im Dax.

Nachdenklicher zeigen sich derzeit nur noch wenige Finanzexperten. Markus Zschaber ist einer von denen, und der Portfoliomanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft in Köln hatte schon einmal einen guten Riecher für höchste Börsengefahr. Er warnte seine Kunden vor der Jahrtausendwende eindringlich davor, weiter auf Aktien zu setzen. Seitdem hat sein Wort Gewicht - und wieder sieht er sich an solch einer Schwelle angekommen.

"Wer heute Dax-Aktien kauft, der nimmt die Papiere damit denjenigen ab, die seit 2002 oder 2003 mehrere 100 Prozent Kursgewinne realisiert haben", warnt Zschaber gegenüber manager-magazin.de. Er hat den Aktienanteil in den Depots seiner Kunden deshalb schon um die Hälfte des Möglichen heruntergefahren. Und auch er hat gute Gründe dafür: "Die Korrekturen in den vergangenen vier Wochen, zum Beispiel zeitweise minus 30 Prozent an der Börse in Shanghai, blieben von unserer Welt vollkommen unberücksichtigt", wundert sich Zschaber. "Wie kann man über solche Warnsignale einfach hinwegschauen?"

Wer sich deshalb nach einem sicheren und einigermaßen rentablen Hafen für seine Barschaft umsieht, muss derzeit allerdings lange durch die Anlagekataloge der Finanzhäuser blättern. "Warum sollte ich jetzt beispielsweise auf Anleihen ausweichen, die sind mir immer noch nicht ausreichend verzinst", fragt etwa der Vermögensverwalter Frank Lingohr kühl.

Neue Geldmarktfonds als Alternative

Neue Geldmarktfonds als Alternative

Selbst Anleihenfans, die dem Rat des Informationsdienstes für Bundeswertpapiere in Düsseldorf folgten und deshalb Finanzierungsschätze oder Obligationen der Bundesrepublik Deutschland statt Bundesschatzbriefe kauften, erhalten nach Abzug der Inflationsrate nur wenige Renditepünktchen. Auch Bundesanleihen mit längerer Laufzeit werfen momentan gerade mal 4,5 Prozent Rendite ab. Und die beliebten Sparbriefe der Banken bringen bei drei Jahren Laufzeit derzeit im Schnitt nur 4,3 Prozent Zinsen, haben Finanzdienstleister ermittelt.

Das vielleicht attraktivste Zinsangebot bieten da womöglich sogar Geldmarktfonds, denn die haben eine attraktive Wandlung hinter sich. Neben den klassischen Geldmarktinstrumenten können deren Fondsmanager das Geld ihrer Kunden mittlerweile auch in moderne Finanzinstrumente stecken, wie beispielsweise forderungsbesicherte Wertpapiere, sogenannte Asset Backed Securities; in ihnen sind oftmals Hypotheken- oder Konsumentenkredite gebündelt. Das bringt den Geldmarktfonds im Idealfall einen kleinen Renditekick. Genug, um unterm Strich in etwa so viel abzuwerfen, wie feinste Staatsanleihen mit langer Laufzeit. Doch Geldmarktfonds-Anleger können ihre Anteile börsentäglich zu Geld machen, sind damit nicht über Jahre gebunden und bleiben flexibel.

Darüber hinaus bleiben Geldmarktfonds zumeist von Kursverlusten bei steigenden Zinsen verschont, wohingegen viele Anleihenfonds genau damit zu kämpfen haben. Klassiker unter den Rentenfonds wie der DWS Interrenta , Allianz-Dit Eurobond Total Return  oder Uni Eurorenta  haben nicht zuletzt deshalb seit Jahresanfang zwischen 1,3 und 2,4 Prozent an Wert verloren. Kein gutes Umfeld also für Rentenfonds, solange Experten steigende Zinsen in Euroland für möglich halten.

"Für die Europäische Zentralbank gibt es keinen Grund zum Aufatmen. Die Risiken für eine stärker steigende Inflation bestehen noch immer", sagt Postbank-Experte Brian Mandt. Und Paul Lavelle, Fondsmanager des Fidelity Funds - Euro Bond Fund, ergänzt gegenüber manager-magazin.de: "Aufgrund der hohen Auslastung der Unternehmen könnten die Preise steigen; ebenso würde eine zunehmende Dynamik bei den Lohnsteigerungen den Inflationsdruck erhöhen. Sollten die Teuerungsraten in wichtigen Märkten stärker als erwartet anziehen, könnten die Notenbanken mit weiteren Zinsanhebungen reagieren. Viele Händler befürchten, dass dies weitere Kurskorrekturen bei Anleihen zur Folge hätte."

Selbst Börsenprofis halten sich derzeit zudem bei vielen Unternehmensanleihen vornehm zurück. Das Renditeplus verglichen mit deutlich weniger riskanten Staatsanleihen ist derzeit gering - nicht zuletzt aufgrund der guten Konjunktur. Viele Firmen können ihren Finanzbedarf derzeit sogar aus der eigenen Kasse decken und müssen Anleger deshalb nicht gegen üppige Zinsen um Bares anpumpen. "Unternehmensanleihen sind damit im langfristigen historischen Vergleich weiterhin sehr teuer", sagt Postbank-Spezialist Marco Bargel.

"Für Anleger, die dem Anleihenmarkt deshalb extrem scheu entgegentreten, so wie wir selbst, bleiben wohl nur Beteiligungen im Bereich der kurzen Laufzeiten übrig, die typischerweise weniger zinssensibel reagieren. Ob solche Investments dann allerdings noch mehr Geld abwerfen als der Geldmarkt, muss man schon im Einzelfall prüfen", sagt der Kölner Portfoliomanager Zschaber.

Immobilienfonds wieder gefragt

Immobilienfonds wieder gefragt

Wer sich deshalb eher für Geldmarktfonds interessiert, sollte die Fondsgebühren der Anbieter vergleichen, denn die schlagen gerade bei solchen Zinsanlagen hart auf das Investment durch. Manche Finanzhäuser knappen ihren Kunden nur kleine Beiträge von beispielsweise 0,09 Prozent ab. Fidelity verlangt dagegen 1,0 Prozent Verwaltungsgebühren für den Euro Currency Fund. Ausgabeaufschläge fallen in der Regel nicht an.

Schwer im Kommen sind mittlerweile auch Investments in offenen Immobilienfonds. Nach Angaben des Fondslobbyverbands Investment und Asset Management steckten deutsche Anleger den Immobilienmanagern im Laufe des vergangenen Jahres fünf weitere Milliarden Euro zu, sodass die Bundesbürger mittlerweile gut 78 Milliarden Euro ihres Finanzvermögens so investiert haben. Zuletzt war das nicht die schlechteste Wahl.

Im Laufe der vergangenen zwölf Monate erwirtschaftete der Spitzenreiter unter den Immobilienfonds, der Grundbesitz-Europa-Fonds  der DB Real Estate, ein Plus von gut 14 Prozent. Bekannte Immobilienfonds wie der Kanam Grundinvest  und der SEB Immoinvest  folgten mit Wertsteigerungen von etwa 6 und 5 Prozent.

Mittlerweile reagieren die Fondsmanager sogar auf zu hohe Geldzuflüsse der Anleger. Der Grundbesitz-Invest der Deutschen Bank beispielsweise gab in den vergangenen Monaten zeitweise keine Anteile aus - um seine Altinvestoren zu schützen. Überhastete Investments in irgendwelche Immobilien, nur um das neue Geld auch anzulegen, sollen so ausgeschlossen werden.

Fazit des Kölner Portfoliomanagers Zschaber: "Wer nach individueller Risikoneigung eigentlich die Hälfte seines Depots in Aktienanlagen steckt, sollte in der aktuellen Börsenlage durchaus auf mehr als die Hälfte dieser Quote reduzieren. Sobald Aktien hierzulande 10 bis 15 Prozent billiger zu haben sind als jetzt, ist die Sache wieder eine Überlegung wert. Dann sollten Aktien der Energie-, Finanz-, Konsum-, Telekommunikations- und Versicherungsunternehmen besonders gute Chancen auf Kurssteigerungen bieten."

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