Öl Still ruht der See

Es ist still geworden um das Öl. Dabei kostet das Barrel mit knapp über 70 Dollar noch immer vergleichsweise viel. Die Ruhe vor dem Sturm - oder nicht? Die Fachleute sind sich nicht ganz einig.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Schöne Zeiten für Heizer - die Preise für Heizöl stabilisieren sich behutsam. Das zumindest ermittelt das Onlineportal Tecson. Und auch der Preis für das Basismaterial Rohöl fließt gemächlich um die 70-Dollar-Marke statt wie vor einem knappen Jahr auf über 80 Dollar zu sprudeln.

Doch das Idyll trügt, die schöne Zeit dürfte nicht ewig währen. Denn allgemein zeigt sich der Juni als billiger Monat für Heizöleinkäufer. Tatsächlich bewegt sich der Preis des Öls weiterhin auf und ab - nur dass derzeit kaum einer davon Notiz nimmt. Die Preistreiber aber sind weiterhin vorhanden. "Das sind die geopolitische Situation, also Fragen wie Nigeria oder der Iran, die Angebotsmenge an Standorten wie in der Prudhoe-Bucht oder auch das Wetter", erklärt Frédéric Vanparijs von ING. Dennoch wird die allgemeine Ignoranz des Ölpreises erst einmal bestehen bleiben.

"Aktuell gibt es keine neuen Schlagzeilen. Deswegen haben die Investoren begonnen, den Ölpreis zu ignorieren", erklärt Robin Batchelor, der für Blackrock die Fonds World Energy  und New Energy  verwaltet. Von der Aufregung, wie sie noch im August 2006 den Markt prägte, ist der Ölsektor also weit entfernt, dem stimmt auch Jonathan Blake zu, Fondsmanager des Baring Global Resources : "Auf historischem Niveau sind die Öllager vergleichsweise voll, die für Gas vergleichsweise leer. Aber das sind Nachrichten, die schon seit Monaten bekannt sind."

Für den Ölpreis selbst ist das keine schlechte Entwicklung. Denn sie beruhigt den Markt. "Es wird ein Korridor zwischen 50 und 70 Dollar pro Barrel bleiben, vielleicht mehr am Ende des oberen Bandes", so sieht Vanparijs, der als Senior Investment Manager für globale Aktien bei ING auch den Invest Energy  betreut, die nahe Zukunft. "Aber kurzfristige Ausreißer bleiben auf jeden Fall möglich." Dem stimmt man auch bei Barings zu. "Ich sehe den Ölpreis in einem Korridor zwischen 55 und 70 Dollar - in der Mitte bei 62 Dollar", erklärt Fondsmanager Blake.

Nur Konkurrent Batchelor erwartet etwas mehr: "Die Ölrally wird andauern, weil die Nachfrage- und Angebotssituation die Preisentwicklung stützt". Schwierig dürfte die Entwicklung allerdings werden, wenn der Preis eine bestimmte Marke überspringt und sich damit schlagartig in Erinnerung bringt.

Diese Marke könnte schon bei 75 Dollar liegen, schätzt Vanparijs. "Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich die Nachfrage erst bei 85 bis 90 Dollar verlangsamt." Langfristig ist das für viele Experten wohl eine realistische Größenordnung. Einig ist man sich bei der langfristigen Voraussage der Ölpreise aber keinesfalls.

"Der Preis wird steigen"

"Der Preis wird steigen"

"Der Preis wird langfristig steigen", so sagt zum Beispiel Blake. "Aber nicht, weil die Ressourcen begrenzt sind, sondern weil es immer teurer wird, sie zu finden und zu fördern. Nehmen wir einmal die kanadischen Ölsande. Da steckt eine erhebliche Menge Öl drin. Aber die zunehmende Knappheit an Expertise und die Wahrscheinlichkeit höherer Steuern in der Zukunft hat die Kosten der Produktion für solche Quellen nach oben getrieben. In der Konsequenz bedeutet das: Wir brauchen einen erheblichen Anstieg des Ölpreises, damit die Investitionen in solche Projekte adäquate Renditen erwirtschaften."

Man kann es auch einfacher sagen: "Das einfache Zeug haben wir bereits hochgepumpt. Aber es gibt noch eine ganze Menge Reserven. Eines Tages werden uns auch die ausgehen, aber nicht so bald, wahrscheinlich nicht in diesem Jahrhundert", sagt Vanparijs.

"Setzt man voraus, dass die Sicherung des Ölangebots über den langen Horizont klappt, die man braucht um die höhere Nachfrage zum Beispiel aus China, Indien und dem mittleren Osten zu befriedigen, erwarte ich den Ölpreis gut unterstützt über die lange Frist", so Batchelor.

Es kann aber auch ganz anders kommen. Denn vor allem die globale Nachfrage nach Öl prägt dessen Preis. Solange also die Nachfrage stabil bleibt, bleiben auch die Preise hoch. "Wenn aber eine Rezession kommt, dann fallen die Preise leicht unter 40 Dollar. Und das trotz der gestiegenen Kosten. Da klingt das Argument der Endlichkeit der Ölvorräte dann hohl", so Vanparijs.

Auf lange Sicht wird sich daher in seinen Augen nicht viel am Ölpreis tun. "Es gibt Analysten, die sehen das Barrel bei 55 bis 60 Dollar." Ganz so weit will er aber nicht gehen. "Die Produktionskosten steigen und werden es auch weiterhin tun. Und irgendwann stützen sie dann auch den Preis von 70 Dollar."

Steigende oder stagnierende Preise - das Öl bleibt also teuer. Das ist gut für jene Anleger, die in dem Segment bereits investiert haben. Und die Realwirtschaft? Die scheint sich erfolgreich an das aktuelle Niveau angepasst zu haben. "Die Energiepreise haben sich in den vergangenen zwei Jahren zwischen 55 und 70 Dollar eingependelt", sagt Blake. "Zwar scheint sich die traditionell enge Verbindung von Ölpreis und weltwirtschaftlichem Wachstum abzuschwächen, aber das Öl wird dennoch prägend sein für den allgemeinen Ausblick". Beruhigend ist das für Kapitalanleger. Wer allerdings nur Heizöl für den nächsten Winter bunkern will, den dürfte das nicht beruhigen.