China-Aktien Gelassenheit im großen Spiel

Die Fondsgesellschaft Threadneedle dämpft die Sorgen über den Kursbeinbruch in China. Nach Ansicht der Expertin Gigi Chan wird die Kursblase an den Börsen im Reich der Mitte zwar platzen. Damit würden aber lediglich "Schundaktien" vom Kurszettel verschwinden. Der Investment- und Konsumfreude der Chinesen täte dies keinen Abbruch.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Vielleicht muss man ja Chinese sein, um als Kleinanleger mit hohen Kursverlusten in seinem Depot gelassen genug umgehen zu können. Der Aktienkauf sei für die meisten der Chinesen eine andere Art Lotteriespiel, sagt Threadneedle-Fondsmanagerin Gigi Chan und versucht damit ein wenig die Sorge hierzulande über den Kurssturz im einstigen Mao-Land zu nehmen.

Um die Mentalität ihrer Landsleute zu verdeutlichen, erzählt die in London lebende Chinesin von einem Gespräch mit ihrer Großmutter, die in Hongkong lebt. Als in Hongkong die kleinen Leute seinerzeit das Börsenfieber erfasst habe, so die Großmutter, hätten sie wie heute aus Angst vor einem Überfall ihr Geld in unauffälligen Plastiktüten gepackt und seien zu den offiziellen Stellen gepilgert. Dort hätten sie dann mit dem zuvor unter ihrem Kopfkissen deponierten Geld Aktien gekauft. Damals hätte es auch einen Kurseinbruch gegeben - und wie heute hätten die Chinesen das Ganze mit großer Gelassenheit hingenommen. Es sei eben ein Spiel wie die Lotterie.

Hoher Einsatz - hohes Risiko. Der Shanghai-Composite-Index hat den Chinesen zuletzt die Risiken an der Börse aufgezeigt. Innerhalb kurzer Zeit rutschte das Börsenbarometer um mehr als 15 Prozent ab, nachdem der Index allein seit Jahresbeginn ein Kursplus von mehr als 50 Prozent verbucht hatte. Der Shanghai-Composite bildet die Kursentwicklung der an der Börse Shanghai notierten chinesischen Aktien ab, in die die Chinesen investieren können.

Die chinesische Regierung hat den Kurseinbruch ausgelöst. Zunächst hatte sie die Spekulationsfreude ihrer Untanten angeheizt. Chan gibt dafür ein Beispiel. Sie blendet ein Foto ein, auf dem die Polizei über eine Straße ein Banner gespannt hat. Darauf fordert sie die Bürger auf, lieber Aktien zu kaufen als zu stehlen. "So sieht Anleger-Bildung in China aus", scherzt die Fondsmanagerin von Threadneedle.

Mit ebenso unorthodoxen Methoden hat die Regierung dann der Spielfreude der Chinesen einen Dämpfer verpasst. Sie hat die Stempelsteuer auf Aktientransaktionen auf 0,3 Prozent verdreifacht und ist Spekulationen auf weitere, verschärfende Maßnahmen nicht entgegen getreten. "Die chinesische Regierung in Peking wird ähnlich wie am Immobilienmarkt vorgehen und die Überhitzung rausnehmen", erläutert Chan. Wann die Regierung das nächste Mal eingreift, könne sie wirklich nicht sagen. Fall nötig, werde der Staat aber handeln, ist die Fondsmanagerin überzeugt.

"Diese Blase wird platzen"

Wie Unternehmen mit der Wahrheit spielen

Für die in London lebende Hongkong-Chinesin, die in Oxford Politik, Philosophie und Ökonomie studierte, steht fest, dass die Kurse der so genannten A-Aktien spekulativ überhöht sind. "Ja, es besteht in diesen Aktien eine Bubble", sagt sie. Die A-Aktien werden in der chinesischen Währung an den Börsen Shanghai und Shenzhen notiert und in ihnen können nahezu nur Chinesen handeln. Und diese Blase werde platzen. Das aber werde weder der Investment- noch der Konsumfreude der spielfreudigen Chinesen einen Abbruch tun, sagt Chan.

Die Fondsmanagerein ist überzeugt, dass das Platzen der Bubble nur für den "Rubbish" auf dem Börsenzettel ein Problem darstelle. Solche "Schundaktien" sind für die Fondsmanagerin Anteilsscheine jener Unternehmen, die kein solides Geschäftsfundament hätten. Oder bei denen Gewinne nur in den Präsentationen der Manager vorkommen würden. Es sei schon verrückt, was sie bei ihren Unternehmensbesuchen zu sehen bekäme, sagt Chan. Aber dieses Phänomen habe man ja auch bei der Dot.Com-Bubble erlebt.

Von solchen Unternehmen gibt es in China anscheinend reichlich. Nicht, dass die Manager bewusst lügen würden, versichert die Fondsmanagerin. Aber die Informationen der Gesellschaften müssten schon sehr genau in einer Art "Detektivarbeit" durch Gespräche mit Konkurrenten und Kunden überprüft werden. Schließlich dürfe man als Investor nicht vergessen, dass China trotz des sich verbessernden Verständnisses für internationale Standards ein Emerging Market sei.

Chan gibt ein Beispiel. Ein Manager habe ihr im Gespräch versichert, dass seine Firma Marktführer ist. Bei genauerer Analyse habe sich herausgestellt, dass die Aussage stimme - aber nur für ein einziges Produkt aus dem Portfolio. "Die chinesischen Manager lernen sehr schnell", sagt sie am Ende des kleinen Exkurses über die chinesische Unternehmenskultur. Leider hätten auch sehr viele von ihnen sehr rasch gelernt, was insbesondere die ausländischen Investoren hören wollten, fügt die Fondsmanagerin lächelnd hinzu.