Ökozertifikate Heiß laufende Klima-Anlagen

Nach Stern-Report, UN-Klimabericht und G8-Gipfel hat die Deutsche Börse die Zeichen der Zeit erkannt. Sie hat einen neuen Index namens ÖkoDax aufgelegt, der die deutsche Erneuerbare-Energie-Branche abbildet. Das ist ein Startschuss für die Zertifikateindustrie, um mit dem Thema Klimawandel weitere Anleger zu locken.

Hamburg - Der Finanzmarkt kennt kein Gut und Böse. Investoren legen ihr Kapital zu dem einzigen Zweck an, es zu vermehren. Deshalb setzen sich nur diejenigen Investments durch, die die höchste Rendite versprechen. Soweit die Theorie. In der Realität haben auch etliche kulturelle, politische und moralische Faktoren Einfluss auf Entscheidungen der Anleger.

In Zeiten der Angst vor dem Klimawandel können viele ruhiger schlafen, wenn ihr Geld beispielsweise für den Ausbau erneuerbarer Energien eingesetzt wird. Am besten aber ist es, wenn hohe Rendite und gutes Gewissen Hand in Hand gehen. In dieser Hinsicht erweist sich die Diskussion um den Klimawandel als Glücksgriff für die Fondsbranche. Als Anlagethema lässt sich die Angst vor der Katastrophe hervorragend vermarkten - umso mehr, als die zahlreich aufgelegten Fonds auf eine überdurchschnittliche Performance verweisen können.

Dabei gibt es ein breites Spektrum verschiedener Anlagemöglichkeiten. Manche Fonds setzen auf Unternehmen, die sie für Gewinner des Klimawandels halten - unabhängig davon, ob sie an Lösungen des Problems arbeiten oder über knapper werdende Ressourcen wie Öl oder Kraftwerke verfügen. Andere prämieren ökologische Vorreiter aus jeder Branche. Ein authentisches Produkt aus der Umweltszene ist der auf den Natur-Aktien-Index aufgelegte Fonds Green Effects  von Securvita.

Eine Konzentration auf erneuerbare Energien im Portfolio dagegen ist bislang eher die Ausnahme - abgesehen von geschlossenen Windkraftfonds, die inzwischen out sind, nachdem viele Anleger damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Der Markt ist noch jung, gleichzeitig ist aber schon der Kampf um die besten Plätze für Windräder ausgebrochen. Gerade Einzelinvestments sind da sehr riskant.

Dabei ist die Story hier noch am überzeugendsten, in ökologischer wie ökonomischer Hinsicht. Investitionen in erneuerbare Energien werden weithin als einer der zentralen notwendigen Schritte, um dem Klimawandel zu begegnen, anerkannt.

Und selbst wenn die Warnungen vor der Klimakatastrophe nicht zutreffen sollten, spricht der ökonomische Zwang für einen Ausbau der erneuerbaren Energiequellen. Die Vorräte an Kohle, Öl, Gas oder Uran sind begrenzt. Das endgültige Aus für die fossilen Energieträger werden heute lebende Generationen wohl nicht mehr erleben. Aber zunehmende Knappheit führt schon heute zu steigenden Preisen und brutalen Kämpfen um die Quellen.

Modethema Klimaschutz

Modethema Klimaschutz

Die Zeichen für die Branche stehen also langfristig auf Wachstum. Das hat auch die Börse längst erkannt, wie etwa an den um ein Vielfaches gestiegenen Aktienkursen von Solarfirmen wie Solarworld  oder Q-Cells  abzulesen ist. Auch die etablierten Energiekonzerne wollen in dem Geschäft nicht mehr abseits stehen. Zuletzt machte das der französische Atomstromkonzern Areva  deutlich, der sich mit der indischen Windkraftfirma Suzlon  ein Bietergefecht um die Hamburger Repower  lieferte, das dort ebenfalls die Kurse in die Höhe trieb.

Allerdings enthalten die Preise vor allem für Solaraktien bereits heute ein Versprechen auf enorm steigende Gewinne in der Zukunft. Außerdem schwanken die Aktienkurse sehr stark. Vor diesem Hintergrund ist ein Investment in erneuerbare Energien für Aktienanleger mit Vorsicht zu genießen, zumal sich das Risiko bei der geringen Anzahl börsennotierter Unternehmen mit messbarem Erfolg kaum streuen lässt.

Das wird nun etwas einfacher, da die Deutsche Börse  als neues Mitglied der Dax-Familie den ÖkoDax  kreiert hat. Der Index enthält die zehn liquidesten Aktien von deutschen Unternehmen, die aus Sonne, Wind oder Biomasse Energie erzeugen. Die Hälfte davon sind dank des Booms der vergangenen Jahre Solarfirmen. Jede Aktie bekommt im Index das gleiche Gewicht von 10 Prozent.

Der neue Index wurde in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank  eingeführt, die sogleich ein neues Zertifikat  darauf begab. Das Papier war in den ersten Handelstagen erwartungsgemäß ein Renner. Ein wichtiges Verkaufsargument ist der Blick in die Vergangenheit. Seit dem Basisdatum 21. März 2003 hat der Wert des Index sich mehr als versiebenfacht. Der Dax  legte in derselben Zeit zwar auch eine erstaunliche Performance hin, lief aber nur halb so schnell.

"Deutschland ist führend im Bereich der Technologie für erneuerbare Energien - daher auch die Nachfrage nach einem prominentem Auswahlindex", begründet ein Sprecher der Börse den Schritt. Aktionärsschützer dagegen kritisieren den ÖkoDax als zu einseitig. "Öko ist mehr als erneuerbare Energien", sagt beispielsweise der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz.

"Wem Ökologie auch bei der Geldanlage wichtig ist, der findet bestimmt geeignetere Anlagen als ein Zertifikat auf den ÖkoDax." Nach Meinung von Kurz versucht die Börse vor allem, am derzeit modischen Thema Klimaschutz mitzuverdienen. "Die Börse springt auf einen Zug auf, der allerdings schon relativ weit gefahren ist", so der DSW-Sprecher.

Zertifikateboom ohne Ende

Zertifikateboom ohne Ende

Der Trend zu Erneuerbare-Energien-Zertifikaten ist allerdings klar. Wer über Deutschland hinaus investieren will, kann sich auf den Dax Global Alternative Energy Index stützen, auf den die Deutsche Bank ebenfalls bereits ein Zertifikat  begeben hat. Von HSBC Trinkaus & Burkhardt gibt es bereits seit längerem ein ähnliches Papier, das Alternative Energien-Strategie-Zertifikat .

Die Société Générale  lässt bis zum 22. Juni gleich mehrere Zertifikate zum Thema Erneuerbare Energien zeichnen. Die Bioenergie-, Solar-, Wasser- und Alternativenergiepapiere sind Wetten darauf, dass der jeweilige Index besser läuft als der Aktienmarkt allgemein. Als Vergleichswerte hat die Bank den MSCI World und den EuroStoxx 50  gewählt. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass die Anleger auch in der Baisse noch verdienen - vorausgesetzt, die Kursschwäche trifft die alternativen Titel weniger heftig als den Gesamtmarkt.

Allerdings ist auch das Risiko groß, dass die erneuerbaren Energien selbst bei einer guten Geschäftsentwicklung diese Outperformance einmal nicht erreichen. Und dann verdienen die Zeichner nichts. Umweltbewegte dürften zudem mindestens verstört sein, in der selben Broschüre auch Zertifikate auf Aktien der Wasserindustrie und Uran, den wichtigsten Rohstoff für Kernkraftwerke, zu finden.

Der Trend ist wohl auch Ausdruck davon, dass die Zertifikatebranche in Deutschland wie kein zweites Anlagesegment wächst. Rund 200.000 unterschiedliche Titel sind hierzulande inzwischen auf dem Markt. Die Lust der Anleger auf die Schuldverschreibungen beginnt erst allmählich abzunehmen. Die Themen scheinen den Emittenten aber nie auszugehen.

Anleger könnten auf geringere Kosten im Vergleich zu Fonds hoffen, müssen dazu aber schon eingehend die Prospekte studieren. Beispielsweise ist wichtig, ob Dividenden einbehalten werden, oder versteckte Managementgebühren lauern. Außerdem gibt es noch das zumindest theoretische Risiko, dass die Bank, die das Zertifikat begeben hat, Pleite geht. Schließlich handelt es sich um Schuldverschreibungen. Im Extremfall kann es zum Totalausfall kommen.

Ein weiteres Argument könnte für ökologisch motivierte Anleger schwerer wiegen: Da sie nicht etwa Anteile der Energiefirmen, sondern Schuldtitel der Bank erwerben, ist der Beitrag zum Klimaschutz nicht mehr so offensichtlich.

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