Finanzmärkte "Kein Anlass zur Panik"

Der Schweizer Hedgefondsmanager Felix Zulauf erwartet im zweiten Halbjahr eine kräftige Korrektur an den Börsen. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt der renommierte Anlagestratege, warum er dennoch weiterhin zum Kauf von Aktien rät.
Von Jonas Hetzer

mm.de: Herr Zulauf, Ende Februar sackten die Kurse an den Weltbörsen um fast 10 Prozent ab. Inzwischen stehen die Märkte wieder auf den höchsten Ständen seit Jahren und es herrscht Euphorie. Spielen die Anleger verrückt?

Zulauf: Nein, aber nach vier Jahren Börsenhausse und in einem überhitzten Markt ist es völlig normal, dass nach starken Anstiegen Angst vor Kursverlusten plötzlich auftreten kann, aber auch schnell durch erneuten Optimismus aufgrund der Faktenlage wieder abgelöst wird. Ausschläge von bis zu 10 Prozent sind historisch etwas völlig Normales an den Börsen.

mm.de: Ein Kursrutsch wie im Frühjahr könnte sich demnach schon bald wiederholen?

Zulauf: Zu Beginn des Jahres ging ich von zwei Korrekturen im Laufe des Jahres aus, einer milden und einer stärkeren. Die mildere liegt jetzt hinter uns. Mit laufend neuen Höchstkursen und steigenden Zinsen wird sich wohl im zweiten Halbjahr einmal eine stärkere Korrektur einstellen, die durchaus 15 bis 20 Prozent betragen könnte.

mm.de: Also raus aus Aktien?

Zulauf: Nein, es besteht kein Anlass zur Panik. Es wird lediglich eine weitere Korrektur sein, nicht der Beginn eines Börsenkrachs wie im Jahr 2000. Wer noch nicht in Aktien investiert ist, sollte Tage, an denen die Kurse fallen, zum Einstieg nutzen. Denn bis zum Ende dieses Jahrzehnts werden die Kurse wahrscheinlich noch deutlich zulegen.

mm.de: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Zulauf: Wir befinden uns seit dem Jahr 2003 in einem klassischen Börsenzyklus. Nach Aktienbaisse und Rezession zogen die Kurse zunächst stark an, weil sich durch massive Restrukturierungen und einen anziehenden Welthandel die fundamentale Basis enorm verbesserte. Das führte in der nächsten Phase zu einem rasanten Gewinnwachstum der Unternehmen, was die Börsen weiter antrieb. Nun befinden wir uns an der Schwelle zur Phase drei des Zyklus, in der die Spekulanten zur treibenden Kraft werden.

"Aktien sind immer noch günstig"

mm.de: Das klingt nach Zockerei.

Zulauf: Hört sich so an, ist es aber nicht. Die fundamentalen Rahmenbedingungen stimmen ja noch: Die stabile Weltkonjunktur und das weiterhin niedrige Zinsniveau stützen die Kurse.

Viele Unternehmen sind zurzeit im Schnitt nur mit dem rund 14-Fachen ihrer Gewinne bewertet, das entspricht einer Gewinnrendite von gut 7 Prozent. Unternehmensanleihen hingegen rentieren mit etwa 5 Prozent.

Aktien sind also immer noch günstig. Ich glaube, dass diese Bewertungsdiskrepanz über die Zeit eliminiert werden wird - zugunsten von Aktien. Und zwar auch deshalb, weil durch Aktienrückkäufe der Konzerne, das Kauffieber der Private-Equity-Investoren und die weiter rollende Fusions- und Übernahmewelle das Angebot an Aktien knapper wird. Das stützt die Kurse.

mm.de: Und die Spekulanten ...

Zulauf: ... pumpen immer größere Summen in die Märkte. Kurzfristig dürften die Finanzakrobaten dadurch Überhitzungserscheinungen verursachen. Schon bei Gewinnmitnahmen einiger weniger Investoren kann es dann zu einer Verkaufswelle kommen. Aber, wie gesagt, das werden nur temporäre Rückschläge sein. Solange die fundamentalen Rahmendaten stimmen und die vorher angeführten Bewertungsdifferenzen bestehen, bleibt der positive Grundtrend intakt.

mm.de: Welche Märkte sind am attraktivsten?

Zulauf: Die höchsten Kurszuwächse halte ich in den aufstrebenden Ländern in allen drei Kontinenten Asien, Lateinamerika und Europa für wahrscheinlich. Zu Jahresanfang sagte ich, dass es bei einzelnen Märkten noch bis zu 50 Prozent bis zur Spitze sein könnten. Gemessen an den damaligen Fakten, gilt dies immer noch.

"Kein Ende des Rohstoffbooms"

mm.de: Was treibt dort die Aktienkurse?

Zulauf: Die Börsen der Schwellenländer sind im Vergleich zu den westlichen Industrieländern niedriger bewertet, obschon die Bilanzen ebenso gut sind, und die Gewinne stärker steigen. Das Wachstumspotenzial ist eindeutig höher. Und die makroökonomischen Daten, wie Verschuldungsgrad, Außenbilanzen, Staatsfinanzen et cetera sind eindeutig gesünder.

Außerdem verfügen insbesondere Asien und Lateinamerika über eine sehr viel wachstumsträchtigere Demografie. Ich erwarte deshalb am Ende dieses Zyklus eine Höherbewertung dieser Märkte gegenüber denjenigen der Industrieländer.

mm.de: Ist der Aufstieg der Schwellenländer ein Problem für die Industrieländer?

Zulauf: Im Gegenteil. Der Westen profitiert vom Boom. Chinas Exporte drücken die Preise und zwingen die Konzerne in Europa und Amerika, ihre Produktivität zu steigern. Das führt dazu, dass die Inflation nicht in dem Maße steigt wie in früheren Boomphasen. Die Zentralbanken werden die Zinsen daher lange allenfalls moderat erhöhen, was wiederum günstig für die globale Konjunktur und die Aktienmärkte ist. Außerdem können wir den aufstrebenden Volkswirtschaften vieles liefern, wie beispielsweise unsere hervorragenden Produkte der Maschinenindustrie. Unsere Exporte in diese Regionen haben in den letzten Jahren deutlich zugelegt.

mm.de: Sie raten neben Aktieninvestments auch zu einem Engagement in Rohstoffen - trotz der teilweise heftigen Preissteigerungen der vergangenen Jahre.

Zulauf: Ich sehe noch kein Ende des Booms. Denn China hat einen nahezu unstillbaren Hunger nach Rohstoffen, von Öl über Metalle bis zum Getreide. Solange China auf seinem Wachstumspfad bleibt, wird die Nachfrage schneller steigen als das Angebot. Es wird weiterhin unterschätzt, dass es bei vielen Rohstoffen außerordentlich schwierig ist, die Produktion entscheidend zu steigern. Die Folgen sind längerfristig weiter steigende Preise.

mm.de: Wo sehen Sie das meiste Potenzial?

Zulauf: Die Basismetalle sind nach den starken Anstiegen der letzten Jahre etwas überhitzt, während die Rohstoffe im Energiesektor jetzt doch länger und zum Teil ausgeprägt korrigiert haben. Der Ölpreis bewegt sich beispielsweise schon seit Monaten in einer Bandbreite zwischen 50 und 75 Dollar pro Fass. Im Laufe des nächsten Jahres rechne ich damit, dass diese Spanne nach oben durchbrochen wird. Vor Ende dieses Jahrzehnts halte ich nach wie vor einen Ölpreis von 100 Dollar für wahrscheinlich. Bei Erdgas dürfte das Potenzial auf dem heute gedrückten Niveau noch größer sein.