Dax-Geflüster Daimler, Eon, Conti und andere Fantasien

Die Daimler-Aktie startet durch, weil man sich Chrysler vom Hals geschafft hat. Die Eon-Aktie notiert auf Rekordhoch, obwohl die Übernahme von Endesa geplatzt ist. Gleichzeitig sehen Analysten "Übernahmefantasien" als den derzeit wichtigsten Kurstreiber für den Dax an: Für Anleger sind das Zeichen, langsam die Bremse zu ziehen.

Es wird wieder Zeit, sich Sorgen zu machen. Nicht über den Zustand der börsennotierten Unternehmen, die verdienen meist prächtig und freuen sich über die brummende Konjunktur. Doch fragt man Analysten und Investmentbanker, warum die Börse so gut läuft, fühlt man sich immer häufiger an das Jahr 2000 erinnert. Ein starkes Warnsignal, dass die Stimmung bald kippen wird.

Zum Beispiel die Daimler-Euphorie. Die US-Investmentbank Morgan Stanley gab diese Woche das Kursziel von 75 Euro und ein "Potenzial" bis 100 Euro aus, denn runde Zahlen klingen einfach besser. Und, nebenbei, die Sparte Mercedes gebe es zum aktuellen Kurs "geschenkt", weil ja das Truckgeschäft so stark und Daimler wieder flüssig sei.

Schön, wenn es an der Börse wieder etwas zu verschenken gibt. Die angestaubten Anlegermagazine aus dem Frühjahr 2000 sind voll davon, dass bei AOL/Time Warner zum Beispiel die Sparte Time Warner "geschenkt" sei, weil sich die Bewertung allein durch das brummende AOL-Geschäft rechtfertige.

Dass die Daimler-Aktie  seit dem Chrysler-Mehrheitsverkauf an Cerberus binnen weniger Tage bereits kräftig gestiegen ist und mit rund 67 Euro auf dem höchsten Niveau seit mehr als sieben Jahren notiert, stört die Banker bei Morgan Stanley nicht. Auch nicht, dass die Trennung Daimler kurzfristig Milliarden kostet. Luft sei dennoch bis 100 Euro, denn die Trucks sind stark.

Gefährliche Beliebigkeit

Oder die Eon-Aktie. Monatelang kletterte der Kurs, weil der Konzern durch die Übernahme der spanischen Endesa zur Nummer eins im europäischen Energiegeschäft mit mehr als 50 Millionen Kunden werden wollte. Zu viel Cash ist ein Problem, es will in die globale Expansion investiert sein, hieß es. Dann platzte die Übernahme. Eon , mit legalen und illegalen Mitteln von der spanischen Acciona  und der italienischen Enel  ausgetrickst, blieb nur noch ein Beteiligungspaket für rund zehn Milliarden Euro, Endesa light.

Und der Eon-Kurs? Ist nach dem Platzen des Traums wieder auf Rekordniveau geklettert. Halb so wild, sagt Konzernchef Bernotat. Mal ehrlich, 42 Milliarden Euro für Endesa wären auch sehr teuer gewesen, attestieren Analysten.

Das alles klingt nach Beliebigkeit. Gelingt eine Übernahme: Kurs rauf. Platzt eine Übernahme: Kurs rauf. Kehrt ein Konzern die Scherben einer katastrophalen Übernahme zusammen: Kurs rauf. Der Anleger, der die schlichte Frage klären will, ob Übernahmen denn nun nützen oder schaden, wird täglich eines Besseren belehrt.

Milliardenpoker auf Pump

Übernahmen treiben Kurse – und Nicht-Übernahmen auch

Die Lehren aus DaimlerChrysler  und Eon  könnten lauten: Konzerne, die sich stärker auf sich selbst besinnen und keine allzu großen Wagnisse durch weltweite Expansion eingehen, sind wieder gefragt. Übernahmen sind ein Risiko, und Dax-Unternehmen, die nicht dem Übernahmewahn verfallen, sind ein Kauf.

Gleichzeitig ist das "Übernahmefieber" derzeit das von Analysten meistgenannte Argument, wenn es darum geht, den hartnäckigen Börsenaufschwung zu erklären. "Warum laufen Aktien noch immer so gut? Hauptverantwortlich sind die Beschleunigung des Übernahmekarussells, das inzwischen alle Branchen erfasst hat, die hohe Liquidität sowie technische Faktoren", sagt zum Beispiel Eric Tazé Bernard von Invesco. Die Kurse steigen noch immer, weil das Übernahmefieber hoch bleibt.

Milliardenpoker auf Pump

Nach Berechnungen von Thomson Financial sind für dieses Jahr bereits Übernahmen im Wert von 1,7 Billionen Euro angekündigt. Das Preisniveau nähere sich dem Euphorie-Jahr 2000, und auch der Wert aller Übernahmen dürfte in diesem Jahr das Rekordjahr 2000 toppen. Im Jahr 2000 waren heillos überteuerte Aktien die Währung, und im Jahr 2007 werden die immer teureren Übernahmen zum Großteil auf Pump finanziert.

Banken vergeben großzügige Kredite ohne entsprechende Risikoprämie, und Finanzinvestoren hoffen auf schnelles Geld durch rasche Rekapitalisierung: Dies kann nur so lang gut gehen, wie sich noch Kreditgeber und Käufer finden.

Für Schwung sorgt vor allem die Hoffnung, dass das Spiel noch möglichst lang funktioniert.

"Werden Übernahmen zum bestimmenden Thema, ist dies ein Anzeichen, dass sich der Aufschwung in einer Spätphase befindet", sagt Ascan Iredi, Händler bei der Postbank . Unternehmen, die ihr Wachstumstempo nicht mehr aus eigener Kraft halten können, kaufen sich kurzfristig Umsatz, Kunden und Marktanteile hinzu – ob sich das investierte Geld langfristig rechnet, ist eine andere Frage.

Daimler ist sexy - und Conti sowieso

Daimler ist sexy - und Conti sowieso

Im Dax zumindest scheinen nun ausgerechnet wieder die Aktien eine Kaufgelegenheit zu sein, die – wie Daimler – nicht mehr zu den weltweiten Einkäufern, sondern stattdessen zu den Übernahmezielen zählen.

Nach Einschätzung von Karen Olney, Analystin bei Merrill Lynch, sind Metro  und Continental  im Dax zwei heiße Übernahmekandidaten: Bei beiden Unternehmen seien die Einzelteile, würde man das Unternehmen kaufen und zerschlagen, deutlich mehr wert als der aktuelle Börsenwert.

Dabei sein ist alles

Vielleicht steigt Continental, weil das Unternehmen bald übernommen werden könnte. Vielleicht steigt Continental auch, weil der Konzern kurz vor der Übernahme der Siemens-Sparte VDO steht und damit deutlich schwerer wird. Vielleicht steigen Aktien wie Continental, Daimler oder Eon aber auch schlicht aus dem Grund, weil eben die Marktstimmung noch gut ist und die Herde - noch - mehrheitlich aus Käufern besteht. Solange die Kurse steigen, will man dabei sein. Warum die Kurse steigen, ist zweitrangig. So lässt sich auch, wie 1999 und 2000, eine Weile mit Beliebigkeiten leben.

Natürlich kann die Daimler-Aktie noch weiter steigen. Dass die Trennung von Chrysler ein, wenn auch teurer, Befreiungsschlag war und dem über Jahre gelähmten Wert neue Fantasie einhaucht, mag durchaus sein. Schließlich gehören Luxus-Pkw und Trucks, auf die sich Daimler jetzt wieder konzentrieren kann, zu den margenstärksten Segmenten in der Automobilindustrie.

Doch es muss ja nicht gleich ein Kursziel von 100 Euro sein. Solche Ziele sind, wenn die Marktstimmung erst einmal dreht, schnell vergessen. "Vor wenigen Monaten kostete die Aktie 40 Euro und galt als riskant. Jetzt kostet sie 67 Euro und gilt als Chance", sagt Hans-Peter Schupp, Fondsmanager bei Mainfirst. Anleger, die in der aktuellen Spätphase noch aufsteigen, müssen äußerst wachsam sein.

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