Börse Die große Flut

Viele Milliarden Dollar umströmen den Globus - Pensionsfonds, Versicherungen und Hegdefonds suchen nach Anlagechancen. Diese Flutwelle gefährdet die Sicherheit der Finanzplätze, mahnen Experten. Noch allerdings scheint alles im Lot. Noch.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Wer schon einmal einen Eimer voller Wasser im Kreis geschleudert hat, kennt die Wucht, die das Nass entwickeln kann. Kontrollierbar bleibt die Bewegung dennoch. Nun das gleiche Spiel mit einer gefüllten Kinderbadewanne. Die Arme zittern, das Wasser rauscht - und je nach Kondition ist die Wanne früher oder später leer und man selbst tropfnass.

Eine ganz ähnliche Gefahr sehen Finanzexperten nun für die Kapitalmärkte der Welt heraufziehen. Denn ähnlich wie das Wasser in der Badewanne drohen die Finanzmärkte überzuschwappen. Doch während das Spiel mit der Wanne schlimmstenfalls zu nassen Hosen führt, könnte das im Falle der Kapitalmärkte dazu führen, dass ganze Depots baden gehen.

Die Begründung liegt auf der Hand, findet Chip Mason. "Es ist international sehr viel Geld unterwegs. Und wenn alle zur gleichen Zeit den Ausgang suchen, dann haben wir ein Problem." Mason dürfte es wissen, tummelt er sich doch schon seit mehr als 30 Jahren am Kapitalmarkt und hat die Finanzfirma Legg Mason gegründet, die inzwischen fast eine Billion Dollar weltweit verwaltet. Wie viel Geld indes aktuell tatsächlich durch die Finanzkanäle strömt, darüber mag keiner spekulieren. "Da eine Zahl zu nennen, hieße zu raten. Das liegt schon daran, dass das Geld aus vielen Quellen stammt. Es kommt von Hedge- und Pensionsfonds, aber zum Beispiel auch von den Banken, die das Geld der Sparbücher lukrativ anlegen wollen", erklärt Michael Fraikin, der bei Invesco den klingenden Titel Head of Client Portfolio Management trägt, also Kundengelder verwaltet.

Tatsache ist - die Menge steigt. Mervin King, Chef der Bank of England, stellte bereits 2006 fest, dass zwischen 2004 und 2005 die Geldmenge so schnell gewachsen ist wie zuletzt 1980.

Was heißt das nun für die Kapitalmärkte? Lorenzo Bini Smaghi ist Direktor bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und nennt diesen Aspekt "relevant für die nationalen Finanzmärkte." Und sein Amtskollege Jürgen Stark ergänzt: "Die Kombination aus einem Überfluss an Liquidität, niedrigen Zinsen und geringer Volatilität haben dafür gesorgt, dass die Geldleihe zunahm und die Risikofreude einiger Marktteilnehmer gestiegen ist."

Probleme auch für Deutschland

Probleme auch für Deutschland

Insoweit ist das noch kein Problem. Und einige Experten wie Mason winken ab; "ob eine Massenflucht wirklich eintritt - wer weiß das schon." Doch im vergangenen Februar ließ sich beobachten, was aufkeimende Nervosität bewirken kann. Als in China zum Beispiel im Februar 2007 die Aktien 9 Prozent an Wert verloren, folgten die Weltbörsen. Der Dax  zum Beispiel fiel in gleicher Höhe zurück. Anleger weltweit hatten offenbar verschreckt auf den chinesischen Rutsch reagiert und sich von Aktien getrennt. Das kann wieder passieren - und durchaus kräftiger. "Die Gefahr eines einheitlichen Einbruchs der Aktienmärkte ist auf jeden Fall gestiegen", sagt Fraikin.

Denn institutionelle Investoren, die das Gros der Gelder bewegen, haben jeweils gewisse Risikolimits. "Plötzliche Ausschläge der Volatilität kann Investoren an die Grenzen ihres Risikobudgets führen", erklärt Stark von der EZB. Steigt also das Risiko eines solchen Fonds, einer solchen Versicherung, weil die Aktienmärkte zu taumeln beginnen, dann müssen die Verwalter reagieren und das Risiko wieder senken - durch Aktienverkäufe. Das wird dann ein Problem, wenn es als Massenphänomen auftritt. Und die Chancen dafür stehen nicht einmal schlecht.

Denn das billige Geld der Vergangenheit verleitete die Großinvestoren zur Kreditaufnahme, so dass sich "Pockets" gebildet haben, so der EZB-Sprech. Taschen oder Hohlräume, die im Falle eines Kursrutsches riskant sein könnten. "Billiges Geld ist ein Grund für die große Menge; Kredite waren in der jüngsten Vergangenheit einfach und günstig zu bekommen. Aber zum Beispiel auch die Tatsache, dass Länder ihre Devisenreserven nun anlegen wollen, die vor Jahren noch gar keine Reserven hatten", so Fraikin. Billiges Geld, ein immer noch attraktiver Aktienmarkt und steigende Unruhe, wie lange die Hausse noch andauert - das sind die Zutaten für eine Flutwelle an den Finanzmärkten. Die Zentralbanker jedenfalls sind wachsam.

Doch eine einfache Kontrolle ist leicht gefordert, aber schwer umgesetzt. Denn wo gilt es anzusetzen? Hedgefonds zum Beispiel gelten als die bösen Buben der Finanzmärkte, werden gerne für alle möglichen Kursbewegungen verantwortlich gemacht. In Fraikins Augen sind sie gar nicht das Problem. "Private Equity birgt da viel mehr Sprengstoff. Diese Fonds greifen viel stärker in die Unternehmen ein und treiben, weil sie long only sind, die Bewertungen nach oben. Das wäre ein Thema für den G8-Gipfel, dort mehr Transparenz zu schaffen."

Lorenzo Bini Smaghi von der EZB stimmt zu. "Trotz der zunehmenden Integration der Finanzmärkte gibt es nur wenige Informationen über das Verhalten der Schlüsselspieler auf globaler Ebene. Das gilt nicht nur zum Beispiel für Hedgefonds, sondern auch für die monetären Führungsgremien aus den Emerging Markets, die ihre offiziellen Reservebeteiligungen nicht enthüllen."

Wo ist der Hafen?

Wo ist der Hafen?

Den Kleinsparer dürften solche Forderungen aktuell aber nichts nützen. Ihnen bleibt nur, weiter und noch konsequenter als bislang auf Diversifikation zu setzen. Und selbst die muss nicht schützen. Denn die einzelnen Aktienklassen entwickeln sich immer mehr im Gleichklang. "Das Verhalten der Anleger gleicht sich über die Grenzen hinweg an. Die Diversifikation ist also gleichzeitig wichtiger geworden und schwieriger, weil die Korrelationen sich annähren. Man sollte sich also nicht zu sehr darauf verlassen, dass was man auf Basis historischer Daten als Diversifikation ausrechnet, noch funktioniert", sagt Fraikin.

Einen Tipp hat er dennoch. "Ich halte Blue Chips für eine echte Alternative. Die sind nicht so empfindlich gegenüber Schwankungen und im Mittel niedrig bewertet. Außerdem habe ich als Kleinanleger nicht die Nachteile, die ich bei vielen anderen Anlagen habe, was Kosten, Transparenz und Regulierung anbelangt". Blue Chips als sicherer Hafen im Meer der steigenden Liquidität - ein schönes Bild. Solange die Wellen nicht zu hoch schlagen.

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