Geldanlage Richtig verzockt

Deutschlands Sparer werden zittrig. Nie zuvor haben sie so viel Geld auf einen Schlag aus ihren Aktieninvestments abgezogen, wie in den ersten Monaten dieses Jahres - und damit den stärksten Kursaufschwung seit vielen Monaten verpasst. Jetzt spekulieren Börsenkenner, dass sich die falsche Wahl versehentlich doch rechnen könnte.
Von Karsten Stumm

Frankfurt am Main - Die Anleger in der Bundesrepublik sind sensibel geworden. Sobald die Kurse an der Börse kräftiger nachgeben, trennen sich viele Sparer schnell von ihren Aktienfonds. Und das massenhaft.

Nach Angaben des Fondslobby-Verbandes Investment und Asset-Management (BVI) verkauften deutsche Aktienfondssparer allein im ersten Quartal dieses Jahres Fondsanteile im Wert von 5,05 Milliarden Euro. Nur einmal in der Geschichte der Republik fiel die Aktienskepsis noch drastischer aus.

2006 verzeichneten deutsche Fondsanbieter einen Nettomittelabfluss aus Aktienfonds in Höhe von 5,6 Milliarden Euro - allerdings auf das gesamte Jahr verteilt. Und nicht binnen dreier Monate, wie nahezu zuletzt. Damit setzt sich zudem der Trend aus dem Schlussquartal des Vorjahres fort. Damals machten die Anleger Aktienfondsanteile im Wert von 3,44 Milliarden Euro zu Geld. Binnen eines halben Jahres addiert sich das Minus hierzulande so auf mehr als neun Milliarden Euro.

Den Großteil dieser Summe machten die Sparer zu Geld, als die Börse in Schanghai Ende Februar dieses Jahres kräftige Kursverluste hinnehmen musste und kurz darauf die Konjunkturdaten Amerikas überraschend schwach ausgefallen waren. Der deutsche Aktienleitindex Dax  geriet anschließend ebenfalls in den Abwärtssog, Frankfurts bedeutendstes Kursbarometer verlor zwischenzeitlich rund 760 seiner damals etwa 7000 Indexpunkte; mittlerweile allerdings ist das Minus mehr als wettgemacht und der Dax rangiert so hoch, wie seit gut sechs Jahren nicht mehr. Entsprechend hoch ist der entgangene Gewinn der aktienscheuen Anleger.

Allein in dem halben Jahr, in dem deutsche Anleger rund neun Milliarden Euro aus ihren Aktienanlagen abzogen, legte der Dax schließlich um etwa 17 Prozent zu.

Genau dieser Kursaufschwung sorgte zuletzt auch dafür, dass die Bilanz der Fondsgesellschaften auf den ersten Blick weniger schlecht ausfällt als es die Milliarden Euro hohen Mittelabflüsse vermuten lassen. Der Wert der Aktienfondsbestände, den deutsche Sparer bei ihnen halten, ist aufgrund der aktuellen Börsenhausse sogar auf 231,7 Milliarden Euro gestiegen. Das sind rund 650 Millionen Euro mehr als am Ende des Vorjahres - trotz der Milliarden schweren Aktienfondsverkäufe der hiesigen Investoren.

Keine Gipfelstürmer

Keine Gipfelstürmer

Nach BVI-Angaben haben Deutschlands Anleger ihre Aktienfondsanteile allerdings ausgerechnet in Geldmarktfonds investiert. Die gelten zwar als sichere Finanzparkplätze, auf denen man sein Erspartes beispielsweise vor kräftigen Aktienmarktrückschlägen in Sicherheit bringen kann. Dafür müssen sich die Investoren allerdings mit vergleichsweise geringen Renditen begnügen.

Die Investoren hierzulande nahmen das Übel zuletzt in Kauf und steckten diesen Fonds weitere 1,4 Milliarden Euro zu, nach knapp sechs Milliarden im Februar. Und genau darüber reiben sich Experten verwundert die Augen.

Denn viele Sparer nutzen diese beliebten Geldparkplätze offenbar nicht, um wissentlich für die womöglich befürchtete große Trendwende an den Börsen gewappnet zu sein und möglichst wenig Geld an den spekulativen Aktenmärkten investiert zu behalten. Profis glauben, dass viele deutsche Privatanleger einfach zu früh damit rechneten, dass die Aktienmarktwende sie bereits erreicht habe. Nunmehr zaudern sie, noch einmal kleinere Beträge in den laufenden Aufwärtstrend zu investieren. Und das, obwohl der neue Aufschwung schon seit fast zwei Monaten läuft und bisher kein Ende nehmen will.

"Viele Anleger haben in den vergangenen Monaten immer wieder zu früh auf den Kurseinbruch spekuliert und mussten dann nachkaufen. Das ist auch jetzt noch so, und dass schützt bisher vor dem Abschwung", sagt Gianni Hirschmüller zu manager-magazin.de. Er ist Geschäftsführer des Frankfurter Finanzdienstleisters Cognitrend, der die Entwicklung auf dem Wertpapiermarkt aus psychologischem Blickwinkel zu beurteilen versucht.

Vielleicht aber zahlt sich die Fehlspekulation doch noch aus. Dann nämlich, wenn der aktuelle gute Börsentrend plötzlich und scharf abbrechen sollte. Erste Vermögensverwalter wie der Kölner Börsenprofi Markus Zschaber bereiten ihre Kunden jedenfalls auf genau solch einen Aktienmarkt-Rücksetzer vor. "Besser ein paar Renditepunkte in der Aufwärtsphase verpassen, als plötzlich mit herben Verlusten dastehen", sagt Zschaber zu manager-magazin.de.

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