Geldanlage "Wirklich besorgniserregend"

Die Wirtschaft brummt, die Börse auch - und die Anleger hierzulande hat das große Kribbeln gepackt. Die beiden Münchener Vermögensverwalter Svea Kuschel und Tom Friess berichten manager-magazin.de, warum Sparer die Fassung verlieren, Frauen besonders wenig verdienen und selbst erfahrene Senioren jetzt ins Riskante abdriften.
Von Arne Gottschalck und Karsten Stumm

mm.de: Frau Kuschel, Herr Friess, die deutsche Konjunktur läuft jetzt auf Hochtouren und der Dax  steigt. Neigen Anleger nun plötzlich dazu, unabhängig vom eigenen Risikoprofil in riskantere, aktienlastigere Anlagestrategien zu wechseln?

Kuschel: Es ist wirklich besorgniserregend, denn viele Anlageentscheidungen haben weder etwas mit der Risikobereitschaft noch mit der Anlagedauer zu tun. Auch Geld, das mit Sicherheit in nächster Zeit benötigt wird, landet in Anlagen, die als langfristig angesehen werden müssen. Besonders Frauen zögern oft zu lange und steigen erst ein, wenn sie von allen Seiten hören, dass eine Anlage seit langem enorm gestiegen ist. So ist es auch jetzt.

Friess: Es ist tatsächlich so, dass viele Anleger sehr emotionsgesteuert handeln - vor allem, wenn der Nachbar vorgibt, mit einer bestimmten Geldanlage viel verdient zu haben. Dann wollen viele Leute genau so etwas auch haben.

mm.de: Und das stößt sich dann prompt mit der eigenen langfristigen Zukunftsplanung?

Friess: Genau, schließlich sollte man sich nur so positionieren, wie es seine eigene Risikobereitschaft und -fähigkeit zulässt und fundamentale Aspekte konsequent berücksichtigt werden. Stattdessen steigen solche Anleger erfahrungsgemäß deutlich zu spät ein und zu spät aus. Und das kostet oft richtig Geld.

mm.de: Experten beobachten oft, dass Sparer bewusster mit ihrer Geldanlage umgehen, bis sie 50 Jahre alt geworden sind. Dann scheinen sie das Gelernte wieder zu vergessen. Sind es jetzt also wieder vor allem die älteren Sparer, die zwischen Anlageklassen und Strategien hin und herspringen?

Friess: Richtig ist, dass auch Ältere gerne mal verzögert, aber dennoch auf Trends aufspringen. Sie sind in der Umsetzung aber vorsichtiger und hinterfragen die Situation deutlich mehr. Zudem neigen die älteren Herrschaften weniger zur Gier, wie das bei Jüngeren oft der Fall ist.

Wer will das bezahlen?

Wer will das bezahlen?

Kuschel: Dazu kommt, dass der Wechsel von einer Anlageklasse in eine andere kaum eine Frage des Alters ist. Leider wird aber immer so getan, als ob für ältere Sparer nur noch festverzinsliche Papiere in Frage kommen. Warum soll sich jemand, der heute 65 ist, nicht auch mit Aktienanlagen beschäftigen? Die Leute haben noch 20 Lebensjahre oder mehr vor sich. Vorausgesetzt, die Mischung der Basisabsicherung stimmt.

mm.de: Ob alte oder junge deutsche Sparer: Nur 5 Prozent der deutschen Kapitalanleger wissen offenbar, wie hoch die Provisionen ihrer Banken und Finanzdienstleister für ihre Geldanlage ausfallen. Sind die Deutschen ausgerechnet in Investmentfragen nicht preisbewusst - und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Kuschel: Qualität hat ihren Preis, das trifft auch auf den Bereich der Beratung zu. Es wird aber auch viel kassiert, wenn gar keine gute Beratung stattfindet – so zum Beispiel die Empfehlung eines Sparbuches. Das kostet eben etliche Punkte an Rendite.

Friess: Diese Frage beschäftigt mich auch schon lange. Ich denke, dass die Intransparenz im deutschen Markt vor allem auf die Strategie und Kommunikation der Finanzdienstleister wie beispielsweise Banken oder Versicherungen zurückzuführen ist. Man wollte und will sich nicht in die Karten schauen lassen. Das beste Versicherungsverkäufer-Argumente scheint immer noch der "Schutz vor Risiken" zu sein und für Banker der Hinweis, "die Rendite ist alles". Und damit kann richtig viel Geld verdient werden.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.