Sportzertifikate Der Kick für Zocker

Fußball und Börse? Das scheint nicht besonders gut zusammenzupassen. Bundesliga-Zertifikate sind der jüngste Versuch, beides zu verbinden. Doch auch für die neue Anlageform endet die erste Saison durchwachsen. Ihre Zukunft liegt zwischen Straftatbestand und Milliardenmarkt.

Hamburg - Im Fußball ist fast jeder Experte. Dank der Berliner Effektengesellschaft  lässt sich dieses Expertenwissen jetzt an der Börse zu viel Geld machen - vorausgesetzt, es stimmt. Wer sich beispielsweise zwei Spieltage vor Saisonende völlig sicher ist, dass Werder Bremen es von Tabellenplatz 3 doch noch zum Meistertitel schafft, kann seinen Einsatz mit dem Werder-Meisterzertifikat  verdreifachen. Falls die Wette nicht aufgeht, verfällt das Papier allerdings wertlos.

Auf ihrer Plattform Tradegate  bietet die Effektengesellschaft seit Anfang März die Zertifikate auf das Abschneiden aller Bundesligavereine an. Mit geringerem Risiko, aber auch nur minimaler Gewinnchance, kann man auf einen möglichst hohen Tabellenplatz statt gleich auf den Meistertitel setzen. Ähnliche Zertifikate gibt es auch auf die Champions League oder die Formel 1. Emittiert hat die Papiere die in Wien ansässige Tochtergesellschaft Extra Sportwetten.

Der Sitz in Österreich war wohl auch mit Blick auf die dortige liberalere Haltung gegenüber privaten Wettanbietern gewählt. Schließlich wird in Deutschland gerade ein verbissener Kampf um das staatliche Wettmonopol geführt. Gerade Sportwetten stehen im Zentrum des Konflikts. Da nahm es kaum wunder, dass schon einen Monat nach der Ausgabe der neuen Zertifikate die Staatsanwaltschaft auf den Plan trat.

"Verdacht auf illegales Glücksspiel", lautet der Vorwurf. Die Deutsche Börse  setzte die Papiere prompt vom Frankfurter Handel aus. Seitdem sind sie nur noch an der Berliner Börse und über Tradegate zu haben. "Sportwetten gehören nicht an die Börse", befand auch Dieter Lendle, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Instituts, das die Interessen der Branchenführer vertritt. Der Begriff "Zertifikat", um dessen Image sich das Institut bemüht, werde "in die Nähe der Zockerei gerückt" - ein Vorwurf, der bei Holger Timm nicht recht verfängt.

"Wir reden hier von einem Zockermarkt", sagt der Vorstandschef von Tradegate rundheraus. Schließlich seien alle Zertifikate Wetten auf ein bestimmtes Ereignis. Die einen setzen eben auf den Dollarkurs , den Absturz der Altana-Aktie  oder die französische Präsidentenwahl, die anderen auf den Ausgang der Bundesliga. Die Sportzertifikate unterschieden sich von den rund 160.000 anderen strukturierten Produkten auf dem deutschen Markt, "die zum Teil kein Schwein versteht", eher positiv: Ihre Funktionsweise sei für die meisten Marktteilnehmer leicht zu durchschauen.

Im Vergleich zu klassischen Sportwetten sei der Börsenhandel mit Zertifikaten sicherer, sagt Timm: "Sie können täglich handeln und Verluste begrenzen, der Handel ist überwacht, die Risiken sind klar erkennbar." Trotzdem mache Tradegate dem staatlichen Wettanbieter Oddset keine Konkurrenz. Das Angebot richte sich an Börsenprofis. Kleinstwetten von Fußballfans würden schon von den Gebühren der Broker verhindert.

Geld verbrennen mit Fußballfonds

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Timm sieht sich auf der sicheren Seite. Für die Zukunft sagt er einen "Riesenmarkt" voraus. Wenn erst ein liquider Handel entstehe, könnten sich Bundesliga-Vereine gegen den finanziellen Absturz beim eigenen Abstieg versichern. "Das ist die einzige Branche, die sich nicht gegen Marktrisiken absichern kann", sagt er. Sogar Oddset könnte sich an solchen Hedge-Geschäften versuchen. Ganz zu schweigen von der allgemein ungebremsten Nachfrage nach Anlagederivaten. "Offenkundig ist da ein Riesenbedarf", sagt Timm.

Dennoch lässt er durchblicken, dass der Rechtsstreit ihn nicht kaltlässt. "Das war ein Testlauf", spielt er den Start seiner Produktinnovation herunter. Gemessen daran, dass es keine Werbung in Deutschland gab, sei das Angebot "gut angenommen" worden. Nun herrsche aber Verunsicherung. Bevor, "vielleicht im Juni", die nächsten Zertifikate auf die Fußball-Europameisterschaft 2008 und später auf die nächste Bundesliga-Saison aufgelegt werden, müsse erst "eine gewisse Rechtssicherheit" entstehen.

Bisherige Versuche, das Fußballgeschäft mit privater Geldanlage zu verbinden, gingen meist schief. Auf dem Höhepunkt der New Economy sammelten mehrere Ex-Fußballprofis Geld ein, um Transferrechte junger Spieler zu erwerben und den Gewinn aus dem Verkauf der Sportler an die Anleger auszuschütten. 2001 startete unter großem Echo der "1. Fußballfonds" der Mannheimer Firma Sport Concept.

Im Anlageausschuss saßen ehemalige Nationalspieler, die entscheiden sollten, welche jungen Talente Erfolg versprachen. Doch weder die Vereine hatten Interesse, die Transferrechte abzutreten, noch die Investoren, das waghalsige Geschäft mitzutragen. Die angepeilte Anlaufsumme von fünf Millionen Euro kam nicht zusammen, der Fonds war an keinem Transfer beteiligt, nach gut zwei Jahren konnten die Anleger das Investment abschreiben.

Dabei gibt es durchaus Beispiele, dass das Konzept aufgehen kann - wenn die Vereine mitspielen. Der erste derartige geschlossene Fonds um die Boca Juniors aus Buenos Aires erwirtschaftete von 1997 bis zur Fälligkeit 2001 immerhin ein Plus von 32 Prozent, während der Börsenindex Merval gleichzeitig in der Argentinienkrise um 55 Prozent einbrach.

Der portugiesische Emittent Duarte d'Orey erlebte einen Geldregen, als der FC Porto 2004 die Champions League gewann und mehrere Sportler, die sein Fonds gemeinsam mit dem Verein vermarktete, für hohe Ablösen nach England oder Spanien wechselten. Seitdem ist es aber um den Fonds wieder ebenso still geworden wie um d'Oreys damalige Expansionspläne nach Frankreich und Holland.

Die Verluste der Borussia-Fans

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Aktien von Fußballvereinen haben auch nicht die hohen Erwartungen erfüllt, die vor allem von Seiten der Vereine einst in sie gesteckt wurden. Besitzer von Borussia-Dortmund-Aktien , die seit dem Start im Jahr 2000 gut 80 Prozent an Wert eingebüßt haben, können davon ein Lied singen. Dem Beispiel folgte denn auch kein anderer deutscher Verein. Die 27 im Branchenindex von Dow Jones  enthaltenen europäischen Fußballvereine bringen es zusammen auf den Marktwert von gut 750 Millionen Euro und spielen damit in einer Liga mit mittleren SDax-Unternehmen.

Das liegt auch daran, dass einige große englische Vereine wie Chelsea oder Manchester United, deren Aktienkurse steil nach oben zeigten, inzwischen an Privatinvestoren verkauft wurden und vom Kurszettel verschwanden. Inzwischen retten kleinere Namen wie Börsenpionier Tottenham Hotspur  die Bilanz der Branche. Das größte Plus verzeichnete in den vergangenen zwölf Monaten der FC Kopenhagen, der sich allerdings als Unterhaltungskonzern rund um das Stadion Parken  präsentiert. Ein ähnliches Konzept verfolgt der französische Meister Olympique Lyon , der sich erst im Februar an die Börse gewagt hat. Hier ging das Kalkül bislang jedoch nicht auf.

Weil die Titel wenig gehandelt werden und stark schwanken, können Fußballaktien kurzfristig durchaus hohe Gewinne bringen, selbst Pennystocks wie Lazio Rom . Als Altersvorsorge sind sie jedoch denkbar ungeeignet. Ein einzelnes Tor oder die Entscheidung eines Sportgerichts wie im Fall des Zwangsabstiegs von Juventus Turin  kann im Extremfall die Vermögensplanung zunichte machen.

Glück spielt im Fußball eben eine große Rolle. Das macht den Sport ja so spannend. Und es gibt auch eine Fußballbörse ohne Ausfallrisiko: die Ball Street auf manager-magazin.de. Dort geht es allerdings nur um virtuelle Gewinne.

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