Steueroasen Warum in die Ferne schweifen?

Mit null Steuern empfehlen sich Kleinstaaten in Übersee deutschen Steuerflüchtlingen. Doch wer sein Vermögen in Übersee verstecken will, geht ein hohes Risiko ein. Die kostengünstigere Variante ist für die meisten die Fahrt in verschwiegene Nachbarländer.

Braunschweig - Es heißt, dass Kapital weltweit immer in die steuergünstigste Anlagegegend strömt. Die Bundesregierung will mit der geplanten Unternehmensteuerreform ebenso wie mit der vergangenen Reform der Einkommensteuer Punkte in diesem Wettbewerb machen. Doch die Gewinner dieses Wettlaufs stehen schon fest.

Mehrere über den Globus verteilte Kleinstaaten wie die karibischen Cayman-Inseln oder Vanuatu im Pazifik haben die Sätze für Einkommen- und Erbschaftsteuer, Vermögen- und Körperschaftsteuer längst auf 0 Prozent festgelegt. Auch der Pyrenäenstaat Andorra verzichtet weitgehend auf direkte Steuern. Mehrere andere Länder verlangen keine Abgaben von speziellen Gesellschaften wie Trusts oder Holdings, die Ausländern gehören.

Trotzdem scheuen die meisten vermögenden Deutschen den Weg in die entfernten Steuerparadiese. Wesentlich beliebter ist das "Ausflaggen" in Nachbarländer wie die Schweiz, wo zwar Steuern fällig werden, diese aber deutlich unter den deutschen Sätzen liegen.

"Es ist ja nicht so, dass die Leute keine Steuern zahlen wollen", meint der Münchener Autor Hans-Lothar Merten, Verfasser der Jahrbücher "Steueroasen" und "Kapitalanlage in Steueroasen". Nur die Höhe sei das Problem. Außerdem gebe es ganz profane Gründe für diese Zurückhaltung: "Sie müssen Ihren Freundeskreis aufgeben." Denn die deutschen Finanzämter lassen natürlich nicht freiwillig Millionäre und deren Millionen davonziehen. Das Außensteuergesetz stellt hohe Hürden auf, um der Steuerpflicht zu entgehen. Hier gilt das Welteinkommensprinzip, das heißt, deutsche Steuerbürger müssen Abgaben auf alle Einkünfte leisten, die sie beziehen, egal woher.

"Wer Erbschaftsteuer sparen will, muss seinen ersten Wohnsitz zwingend in einer Steueroase wählen", sagt Merten. Auch die Einkommensteuer lasse sich nur mit einer radikalen Trennung vom Heimatland umgehen. "Schon ein Gästezimmer oder eine untervermietete Wohnung in der alten Heimat wird steuerlich zum Verhängnis", warnt Merten. Das habe Tennisstar Boris Becker bei seinem ersten Versuch, in die Schweiz zu übersiedeln, zu spüren bekommen. "Er hatte bei seiner Schwester in Deutschland noch ein Zimmer. Das hat ihn Millionen gekostet."

Etwas leichter sei es, Steuern auf Unternehmenseinkünfte zu sparen. Hierzu bieten sich beispielsweise Trusts in Steueroasen an, doch auch da muss nachgewiesen werden, dass das Geschäft nicht in Deutschland stattfindet.

Wenn das Paradies zur Falle wird

Wenn das Paradies zur Falle wird

Das Steuerparadies kann sich leicht als Steuerfalle entpuppen. Wer wegzieht und eine wesentliche Beteiligung an einer Kapitalgesellschaft hält, muss die stillen Reserven aufdecken und versteuern. Ein Wegzug wirkt steuerlich genauso wie ein Verkauf.

Eine Flucht vor der Erbschaftsteuer ergibt auch nur dann Sinn, wenn die Erben in die Steueroase mitziehen. Molkereibesitzer Theo Müller ging zwar in die Schweiz mit der Ankündigung, zurückkehren zu wollen, sobald die deutsche Erbschaftsteuer nicht mehr die Existenz seines Unternehmens gefährde. Doch sein eigener Wohnsitz in der Schweiz würde das nicht verhindern, solange ein Teil der Erben in Deutschland bleibt.

Die verbreitete, allerdings klar illegale, Praxis der Steuerflüchtigen ist, ihre Vermögenswerte und Einkünfte vor dem Fiskus zu verbergen. Das Kalkül geht oft auf, doch Merten warnt: "Gierige Erben, sitzen gelassene Ehefrauen oder verschmähte Freundinnen" würden leicht den Fiskus auf die Spur bringen.

Trotzdem schätzt Merten das im Ausland deponierte Vermögen Deutscher auf 1,2 Billionen Euro, davon 700 bis 800 Milliarden Euro Schwarzgeld. Wegen wachsender Kontrollen seien die Schwarzgeldströme geringer geworden, legale Transfers würden den Ausfall aber mehr als ausgleichen.

Den meisten genügt es, nur ihr Geld außer Landes zu bringen. Wer auf Nummer sicher gehen will, wandert jedoch gleich aus. In der Regel seien das Unternehmer im Pensionsalter, die keinen Nachfolger haben und ihren Betrieb hier aufgeben - und über die kritische Masse Kapital verfügen, für die sich der Aufwand lohnt: "Für eine Million müssen Sie nicht in die Karibik", sagt Merten.

Noch höher sind die Transaktionskosten für die Steuerflucht in die Südsee, wohin ein Flug schon 30 Stunden dauert. "Das machen nur Aussteiger", sagt Merten. Doch auch für die seien Nullsteuern in Vanuatu auf Dauer keine Lebensperspektive. "Nach ein paar Jahren gehen ihnen auch Strand und Palmen auf den Wecker."

Zu den steuerlichen Fallstricken kommt das politische Risiko hinzu. Die Südseerepublik Nauru geriet nach einem Staatsbankrott unter australische Verwaltung. Auf australischen Druck schloss die Regierung im Oktober 2004 mit einem Schlag alle 400 Offshore-Banken, die an einer einzigen Briefkastenadresse gemeldet waren. Etablierte Finanzzentren wie die britischen Kanalinseln oder Kronkolonien in der Karibik sind zwar stabiler, doch auch sie sind auf das Wohlwollen der Europäer angewiesen und verhandeln ständig über das Ausmaß der Kooperation. Völlig anonym zu bleiben, wird schwieriger.

"Steuerkrieg pur" in der Schweiz

"Steuerkrieg pur" in der Schweiz

Da stellt sich schon die Frage, ob sich der Weg um den Erdball auf Dauer lohnt - zumal Vermögende auch ganz in der Nähe und völlig legal den Steuersatz drücken können, wenn auch nicht auf null. "Nach der EU-Niederlassungsfreiheit kann jeder Europäer dort eine Gesellschaft gründen, wo er die größten Vorteile hat", sagt der Hamburger Steuerberater Jürgen Bittger. Besonders günstig sind derzeit Holdings auf Malta oder Zypern, die maximal mit 10 Prozent besteuert werden.

"Um Anonymität und Diskretion zu bekommen, muss man nicht in die Südsee", bestätigt Hans-Lothar Merten. "Gute Adressen findet man schon in der unmittelbaren Nachbarschaft - in Liechtenstein, Luxemburg, Österreich und natürlich in der Schweiz." Die Vorteile der etablierten Finanzplätze seien offensichtlich - die deutsche Sprache, ein kurzer Weg zum im Ausland geparkten Vermögen und die Möglichkeit, persönlichen Kontakt zum Vermögensverwalter zu pflegen. Anders als deutschen Bankiers könne man in der Schweiz ansässigen Beratern auch steuerliche und rechtliche Fragen anvertrauen. Hierzulande wären dagegen zusätzliche Gänge zu Steuerberater und Anwalt nötig.

Ein weiterer Vorteil ist, dass es möglich ist, von den Vorteilen der exotischen Steueroasen zu profitieren, ohne das dortige Risiko auf sich zu nehmen. So ist es möglich, sein Depot in Drittstaaten zu führen, die nicht zur EU gehören und anders als die Schweiz auch kein Abkommen zur Quellensteuer mit der EU geschlossen haben - Dubai, Hongkong oder Singapur sind entsprechende Adressen.

Dazu ist nicht einmal nötig, einen Vermögensverwalter vor Ort zu beschaffen. Auch Schweizer oder Liechtensteiner Banken können das Geld in ihre eigenen Niederlassungen in den asiatischen Steuerparadiesen transferieren, ohne dass der deutsche Fiskus zugreifen kann. "Hier hat die EU-Kommission geschlafen", meint Merten.

Hinzu kommt, dass auch in den Alpenländern Steuersparmodelle ähnlich den karibischen Offshore-Gesellschaften möglich sind, die eine Spur zum deutschen Steuerbürger verwischen. Über österreichische oder Liechtensteiner Stiftungen oder Schweizer Aktiengesellschaften lässt sich das Vermögen anonymisieren. Eine schweizerische Aktiengesellschaft kann beispielsweise eine Stiftung in Panama als Gesellschafterin haben. Für Außenstehende ist dann nicht nachzuvollziehen, wer hinter dem Unternehmen steht.

Auch ohne solche Versteckmanöver lockt die Schweiz Steuervermeider an. Die für Finanzpolitik zuständigen Kantone liefern sich einen Wettbewerb um die niedrigsten Steuern für ausländische Firmen. "Das ist Steuerkrieg pur", sagt Merten. Nachdem der Kanton Zug mit einem Steuersatz von 12 Prozent vor einigen Jahren Furore machte, zogen die Halbkantone Ob- und Nidwalden mit 9 und 8 Prozent nach. Nur der Dauerdruck der EU sollte deutsche Steuerflüchtige besorgen. Bis das Bankgeheimnis auch in den Nachbarländern fällt, glaubt Merten, sei es "nur eine Frage der Zeit". Dann wäre aber wenigstens der Weg kurz, um das Vermögen in Sicherheit zu bringen.