China "Bloß keine sexy Flimmertitel"

Chinas Einfluss auf die Weltwirtschaft wächst stetig. Was das für die deutschen Anleger sowie für die Balance eines Portfolios bedeutet, erklärt die Comgest-Fondsmanagerin Yoon Lai Choo im Gespräch mit manager-magazin.de.
Von Arne Gottschalck

mm.de: China hat im Februar die Welt bewegt - erst brachen dort die Kurse ein, dann folgte der Rest der Welt. Woran lag das?

Choo: Da kamen verschiedene Faktoren zusammen. Vor allem psychologische Aspekte. Die Regierung, die das starke Wachstum etwas einbremsen will, kündigte an, eine Kapitalgewinnsteuer und eine Taskforce gegen Korruption einführen zu wollen. Das hat etliche Anleger aus dem Markt getrieben. Und die Welt hat es offenbar als Weckruf betrachtet. Als Weckruf aus dem Traum, dass es an den Börsen immer schön bergauf geht.

mm.de: Funktioniert das auch in die andere Richtung?

Choo: Die Volatilität der Aktien der Emerging Markets legt das zumindest nahe.

mm.de: Im Februar fiel auf, dass die Aktienmärkte weltweit in die Knie sackten und die herkömmliche Diversifikation nicht schützte. Teilen Sie die Einschätzung?

Choo: Ja, das hat uns der Februar eindrucksvoll gezeigt. Es gibt offenbar keinen sicheren Hafen mehr. Indien und China haben sich zum Beispiel zu echten Zugmaschinen entwickelt, ohne die wenig geht. Portfolios über Streuung abzufedern, wird also schwieriger.

mm.de: Werden die Märkte eigentlich auch effizienter?

Choo: Ich denke schon, zumindest werden sie liquider. Vietnam zum Beispiel war vor einem halben Jahr noch vergleichsweise schwer investierbar, nun ist das anders.

Die Inflation wird unterschätzt

mm.de: Gibt es gemeinsame Risiken für die Region Australien/Asien?

Choo: Ich halte die Inflation für ein großes und vor allem ein unterschätztes Problem. Sehen Sie, die Welt ist vernetzter als es viele wahrhaben wollen. Inflation ist im Kern ja die Frage, ob ein Gut im nächsten Jahr noch genauso viel kostet wie heute. Inzwischen lässt diese Frage die meisten kalt. Steigt die US-Inflation, dann denken viele, na und, dann zieht die US-Zentralbank die Zügel an. Was aber, wenn sie so sehr steigt, dass die Bank da nicht hinterherkommt, oder sie nichts macht? Die meisten Investoren haben damit keine Erfahrung, denn niemand von uns hat im inflationären Umfeld gelebt.

mm.de: Wo knirscht es noch?

Choo: Die Riesensumme Geld, die um den Globus fließt, ist ein Problem. Vielfach ist das nur heißes Geld, das schnelle Profite will. Und das Wachstum ist mit gut 11 Prozent extrem hoch. Selbst wenn diese Zahlen nicht genau stimmen - es ist halt eine Blasensituation. Und in China kommen die großen Zahlen hinzu. Was zum Beispiel, wenn diese über eine Milliarde Menschen anfangen, zu konsumieren und nicht mehr zu sparen?

mm.de: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass so etwas wie im Februar noch einmal passiert?

Choo: Es wird passieren. Nur weiß eben keiner, wann. Wir haben uns jedenfalls entsprechend konservativ aufgestellt.

mm.de: Was heißt das?

Choo: Wir haben langweilige Unternehmen in unseren Asien-Fonds, bloß keine sexy Flimmertitel. Das sind zum Beispiel solche Unternehmen wie Shenzen Expressway, ein Autobahn- und Schnellstraßenbetreiber und andere Anbieter von Infrastruktur. Diese profitieren von den großen bestehenden Defiziten. Solche Firmen können heute höhere Preise durchsetzen als noch vor fünf Jahren. Shenhua Energy ist da ein anderes Beispiel. Das Unternehmen fördert nicht nur Kohle, sondern bringt die Energie auch zum Kunden. Und das ist der Flaschenhals in China.

Oder nehmen Sie China Mobile. Diese Telekommunikationsfirma hat wirklich nichts Glamouröses, aber einen Marktanteil von über 80 Prozent. Ob die Zahlen wirklich stimmen, weiß ich nicht - in China sollte man mit so etwas immer etwas vorsichtig sein - aber auch in den ländlichen Regionen ist das Unternehmen dominant.

Plagiate gehören in China dazu

mm.de: Ein Konkurrent aus Lateinamerika, America Movil, machte jüngst von sich reden, weil er einen italienischen Mobilfunker übernehmen wollte. Werden wir das auch von chinesischen Firmen sehen?

Choo: Bestimmt. Ich glaube, China Mobile hat das sogar schon versucht. Und das wird mehr werden.

mm.de: Stolpern Sie eigentlich oft über chinesische Plagiate westlicher Produkte, wie die USA sie zuletzt anmahnten?

Choo: Das gehört in China dazu. Die Menschen vor Ort können sich bestimmte Güter einfach nicht leisten. Daher werden sie kurzerhand kopiert. Das ist ein Problem. Übrigens machen westliche Konzerne da auch mit und stellen billige Eigenkopien her. Ich habe neulich eine CD gekauft von den Eagles. 20 Renminbi hat sie gekostet, das ist schon sehr günstig. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das ein echtes Produkt war oder eine Kopie. Das ist ein Hongkong-spezifisches Problem; auf dem Festland tritt das weniger auf.

mm.de: Lassen wir einmal die Eagles beiseite und sprechen über den Klimaschutz und die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung. Besonders für China ist das ein Thema. Wird das ausreichend erkannt?

Choo: Ich denke schon. Aber als Fondsmanager kann man versuchen, daraus Kapital zu schlagen, wenn auch nur im bescheidenen Umfang. Zum Beispiel Aktien von Wasseraufbereitungsfirmen oder von den Herstellern von Solaranlagen kaufen. Leider sind die inzwischen etwas teuer.

mm.de: In vielen Fonds aus Asien wie dem Ihren findet man australische Aktien - eine Rohstoffbeimischung?

Choo: Grundsätzlich schon. Rohstoffe und Banken machen 80 Prozent der dortigen Wirtschaft aus. In den vergangenen zwei Jahren hat sich das gelohnt. Unglücklicherweise waren wir in den anderen 20 Prozent investiert.

mm.de: Was halten Sie eigentlich von der Abkürzung BRIC?

Choo: Ein tolles Marketingkonzept. Immer ein Scheibchen mehr, erst BRIC, nun Next 11, mal sehen, was noch kommt. Ich finde einen klassischen Emerging-Market-Fund wie den Comgest Panda  ehrlicher.

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