Luftfahrtbranche Sie fliegen wieder

Aktien europäischer Fluggesellschaften galten lange als schlechte Investments. Grippewellen und Angst vor Terroranschlägen ließen Menschen weniger Flugreisen unternehmen. Doch jetzt sorgt die gute Konjunktur für ein glanzvolles Comeback der Luftfahrtfirmen. Und die Aussicht auf Übernahmen treibt ihre Aktienkurse zusätzlich.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Die Lage besserte sich nur langsam. Jahr für Jahr ein kleines Stückchen, merkbar wohl nur für Luftfahrtexperten. Vielleicht übersahen viele Anleger deshalb die Trendwende bei den großen europäischen Fluggesellschaften, die seit dem Krisenjahr 2001 bedächtig, aber stetig Tempo aufgenommen haben.

"Aktien bedeutender Luftfahrtlinien nehmen bei uns längst wieder Raum im Depot ein", sagt beispielsweise Martin Sachsenmaier zu manager-magazin.de, Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft Frankfurt Trust. Fast zeitgleich empfehlen die Analysten des Münchener Geldhauses Merck & Finck die Anteilscheine der Lufthansa  zum Kauf und die Deutsche-Bank-Wertpapierexperten zählen Air-Berlin-Aktien  plötzlich zu ihren Topempfehlungen. Die lange verschmähten Luftfahrttitel gelten offenbar wieder als Hoffnungsträger der Finanzprofis. Vielleicht nicht zu Unrecht:

Ausgerechnet jene Branche, die nach dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center vor knapp sechs Jahren und der Grippewelle Sars nur wenig später mit Überkapazitäten zu kämpfen hatte, scheint in eine kräftige Wachstumsphase geraten zu sein. "So kräftig, dass es derzeit nicht einmal Verdrängungswettbewerb gibt", sagt Fondsmanager Sachsenmaier. Nach einer Prognose der Luftfahrtvereinigung Iata wird die Branche in diesem Jahr von einem Passagierschub profitieren - dank der guten Konjunktur in vielen Staaten der Erde. Weltweit sei mit einem Gesamtgewinn von rund 3,8 Milliarden Dollar zu rechnen, hieß es. Allein solche Aussichten machen die Anteilscheine der Gesellschaften begehrt. Doch jetzt spekulieren die ersten Investoren auf zusätzliche Gewinnchancen mit ihren Luftfahrtaktien.

Vergleichsweise finanzstarke und erfolgreiche Fluglinien wie etwa Air France/KLM, Ryanair  oder die Lufthansa suchen offenbar nach europäischen Wettbewerbern, die es allein nicht mehr schaffen und einen starken Partner zum langfristigen Überleben brauchen. Sollten sie bei ihrer Suche Erfolg haben, sind erstmals seit Jahrzehnten Fluglinienübernahmen im größeren Stil möglich - und das treibt schon jetzt die Aktienkurse mancher europäischer Fluggesellschaften.

Spaniens nationale Luftfahrtlinie Iberia bescherte ihren Aktionären in den vergangenen zwölf Monaten ein Kursplus von stolzen 45 Prozent, und es geht offenbar weiter nach oben. Denn hartnäckig hält sich das Gerücht, Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber sei in das Poker um Iberia eingetreten.

Aufschwung lockt Finanzinvestoren

Aufschwung lockt Finanzinvestoren

Nach Expertenmeinung wäre das nicht das schlechteste Geschäft, würde die Lufthansa doch ein aussichtsreiches Unternehmen kaufen und keinen Sanierungskandidaten; Iberia hat immerhin seit 13 Jahren stets operative Gewinne erwirtschaftet. Der Aktienkurs der Lufthansa hat deshalb bisher auch nicht unter den Börsengerüchten gelitten. Nach einer kleinen Bedenkphase notieren die Titel wieder in der Nähe ihres Jahreshochs und somit fast 50 Prozent höher als vor Jahresfrist.

Damit aber sind die Übernahmespekulationen noch längst nicht zu Ende. Russlands Aeroflot will offenbar gemeinsam mit der Mailänder Bank Unicredit  für die italienische Staatslinie Alitalia  bieten. Zum Kauf stehen derzeit zudem noch die irische Aer Lingus und die griechische Olympic. In dieser Phase drängen mit der Texas Pacific Group jetzt selbst Finanzinvestoren auf den europäischen Fluglinienmarkt. Der Milliarden Dollar schwere Beteiligungsfonds hält schon Anteile an dem irischen Billigflieger Ryanair.

Das Investment in Luftfahrtaktien ist allerdings trotz der scheinbar weithin guten Aussichten eher ein Geschäft für Wertpapierspezialisten. Die Regeln der Luftfahrtbranche sind speziell, vielfach prägen staatliche Absprachen und Gesetze die Geschäftsaussichten der Fluggesellschaften. Lange Zeit beispielsweise durften die Fluglinien in Europa von ausländischen Flughäfen nur in die eigene Heimat fliegen. Deshalb konnte sich jedes Land seine eigene nationale Fluggesellschaft erhalten, denn echten Wettbewerb gab es nicht.

Mittlerweile hat die Europäische Kommission dafür gesorgt, dass grenzenlose Freiheit am europäischen Himmel herrscht - und somit genau diesen Wettbewerb unter den Luftfahrtgesellschaften provoziert. Vor allem die sogenannten Billigflieger haben den etablierten nationalen Fluglinien seit dem Jahr 2000 mehr und mehr Paroli geboten, deren Maschinen nicht selten von kleineren ausländischen Flughäfen zu anderen kleinen Flughäfen im Ausland unterwegs sind. In den vergangenen sechs Jahren jagten sie den ehemaligen Staatslinien so etwa 20 Prozent Marktanteil ab.

Doch der jüngste Coup der EU-Beamten wird nach Expertenmeinung eben keine solche Breitenwirkung haben, sondern die Gewinnprognosen und damit auch die Aktienkurschancen der Fluglinien ganz individuell ändern. Den Brüsseler Spezialisten gelang es zwar, auch die Schranken für die Flugrouten in die USA einzureißen. Doch bei Flügen in andere Gebiete der Welt bleibt für die hiesigen Airlines alles reglementiert, wie es bisher war.

Investments für Spezialisten

Investments für Spezialisten

"So wird beispielsweise die spanische Luftfahrtgesellschaft ihre Start- und Landerechte in Lateinamerika nur behalten, wenn sie zu wenigstens 51 Prozent weiterhin im spanischen Staatsbesitz bleibt", sagt Chris Avery, Analyst bei der amerikanischen Investmentbank J. P. Morgan. Doch genau an diesem Teil des Iberia-Streckennetzes dürfte eigentlich die Lufthansa interessiert sein, würde es doch das Routennetz der deutschen Paradelinie gut ergänzen.

Avery warnt deshalb davor, ungeprüft auf steigende Luftfahrtaktienkurse durch Großfusionen oder Übernahmen zu spekulieren. Nicht zuletzt, weil zu allem Überfluss auch für die Anteile der Deutschen Lufthansa besondere Besitzbeschränkungen gelten - und die Lufthansa neben Air France/KLM und Ryanair zu den heißesten möglichen Aufkäufern gilt. "Ausländische Aktionäre dürfen höchstens die Hälfte der Lufthansa-Aktien halten, doch diese Grenze ist bereits jetzt fast erreicht; ausländische Investoren halten derzeit bereits 45,75 Prozent der Lufthansa-Titel. Wird aber die Höchstgrenze von 50 Prozent überschritten, muss das Lufthansa-Management reagieren", bestätigt Frankfurt-Trust-Fondsmanager Sachsenmaier.

Lufthansa-Chef Mayrhuber könnte dazu zwar Aktien zurückkaufen lassen, was tendenziell den Aktienkurs des Unternehmens in die Höhe treiben würde. Aber er hätte auch die Möglichkeit, ein Kaufverbot für ausländische Aktionäre auszusprechen oder neue Lufthansa-Aktien ausgeben zu lassen. Beides würde den Kurs der Fluggesesllschaft eher drücken - obwohl die wirtschaftlichen Bedingungen für das Unternehmen scheinbar so gut sind wie seit Jahren nicht mehr.

Wer dennoch an dem wirtschaftlichen Aufschwung der dominierenden europäischen Fluggesellschaften verdienen möchte, sollte vielleicht ein Fonds- oder Zertifikateinvestment ins Kalkül nehmen und dem riskanteren Kauf einzelner Titel vorziehen. Der Erwerb einiger Anteile an einem breit aufgestellten Investmentfonds, dessen Manager das Geld ihrer Kunden in Europas Standardwerte investieren, wäre dazu eine Möglichkeit. Und das zumeist nach ausgiebigen individuellen Gewinn- und Verlustschätzungen. Dann laufen Investoren auch weniger schnell Gefahr, gewinnträchtige Trendwenden in der Luftfahrtbranche womöglich erneut zu übersehen.

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