Geldanlage Moderne Vorjahrsmode

Im vergangenen Jahr konnten sich Anleger kaum retten vor immer neuen Rohstoffinvestments. Jetzt scheinen sie außer Mode gekommen zu sein. Dabei soll bald ein neuer Rohstoffboom kommen, glauben Börsenprofis.
Von Karsten Stumm

Frankfurt am Main - Lange war es still um das vermeintliche Topinvestment des vergangenen Jahres. Dabei hätten Rohstoff-Anlagen doch in jedes Depot gehört, glaubte man den Geldanlageexperten in den vergangenen Monaten. Und jetzt? Nicht mal die Fondsgesellschaften machen derzeit viel Reklame für ihre Rohstofffonds. Verkauft wird stattdessen, worauf das Etikett "Klima"- oder "Öko"-Fonds irgendwie passen mag. Vielleicht zu unrecht.

Rohstofffonds haben ihren Besitzern in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt einen Wertzuwachs in Höhe von 25,6 Prozent gebracht, errechneten Experten des Bad Homburger Unternehmens Feri. Das ist allerhand, vergleicht man das Ergebnis mit der Entwicklung des deutschen Aktienmarktes. Wer im vergangenen Jahr den gleichen Betrag statt in Rohstofffonds in einen durchschnittlich guten Dax-Fonds steckte, hat unter dem Strich ein Plus in Höhe von 17,5 Prozent eingestrichen. Und 2006 war verglichen mit den vorherigen Jahren dieses Jahrzehntes ein gutes Aktienjahr.

Der Grund für die ungewöhnlich gute Entwicklung der Rohstoffinvestments ist die gut laufende Konjunktur. Nicht nur Chinas Wirtschaft bollert; dort legten die Unternehmen im vergangenen Jahr um 10 Prozent zu. Selbst die lange Zeit schwache Wirtschaftsentwicklung hierzulande ist offenbar passé.

Die Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung trauen den Firmen hierzulande mittlerweile ein Plus von 2,8 Prozent in 2007 zu. Selbst die Bundesregierung hat vorsichtig angekündigt, die eigene Konjunkturprognose auf einen Wert von mehr als 2 Prozent anzuheben. "Ich werde Ende April die Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 1,7 Prozent deutlich nach oben korrigieren. Dann wird eine Zwei vor dem Komma stehen", sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) der "Bild am Sonntag". Im vergangenen Jahr wuchs die deutsche Wirtschaft um 2,7 Prozent.

Fast noch besser dabei: Im kommenden Jahr soll es weiter bergauf gehen, die Arbeitslosigkeit hierzulande könnte sich auf die 3-Millionen-Marke zubewegen. Und gerade gut laufende Industriestaaten wie die Bundesrepublik oder Wachstumsgiganten wie China brauchen viele Rohstoffe, um aus denen jene Waren zu produzieren, die sie anschließend für viel Geld überall hin in die Welt verkaufen.

Rohstoffzyklus neu angefacht

Rohstoffzyklus neu angefacht

Darüber hinaus sorgt aber auch jeder einzelne Bundesbürger mit seinem vergleichsweise luxuriösen Lebensstil dafür, dass die Rohstofflieferanten noch immer kaum mit ihren Lieferungen nachkommen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kaufte schon zur Jahrtausendwende jeder Deutsche so viele Waren binnen eines einzelnen Jahres, dass für deren Produktion 506 Kilogramm Stahl, 18 Kilo Aluminium, 16 Kilo Kupfer und 5 Kilo Blei benötigt worden sind.

Von solchen Verhältnissen sind viele Schwellenländer zwar noch weit entfernt. Doch sie holen auf, und zwar schnell: Nach Berechnungen der Weltbank wird das Pro-Kopf-Einkommen und damit die Konsummöglichkeit der Staaten mit heute noch vergleichsweise niedrigem Durchschnittseinkommen bis zur Mitte des Jahrtausend doppelt so schnell steigen, wie das der Bewohner in den etablierten OECD-Wirtschaftsnationen.

"Bei steigenden Einkommen wird erfahrungsgemäß aber auch Getreidekost durch Fleischwaren ersetzt, doch das dafür nötige Vieh muss selbst gefüttert werden. Das wiederum spricht für eine rasch steigende Nachfrage nach Getreide oder Soja", sagen die Volkswirte der Allianz Global Investors.

Mehr noch. Das Grünzeug wird offenbar auch zur Energiequelle. In Brasilien sind mittlerweile bereits drei Millionen Autofahrer mit Gefährten unterwegs, die ein Zuckerdesttillat als Treibstoff nutzen können und nicht mehr auf Benzin angewiesen sind. Die ersten Fondsgesellschaften haben darauf bereits reagiert.

"Vor dem Hintergrund der Diskussionen über die globale Erwärmung wird die Nachfrage nach Soft Commodities wie Sojabohnen, Weizen, Zucker und Hafer zum Einsatz als Biotreibstoff exponentiell zugenommen", sagt Nudgem Richyal, Manager des Baring Latin America Fonds. "Hierdurch ist eine Nachfragequelle entstanden, die in diesem Ausmaß in vergangenen Rohstoffzyklen nicht vorhanden war und nun zusätzlich für eine positive Unterstützung der Rohstoffpreise sorgt."

Börsenaufseher warnen vor Crash

Börsenaufseher warnen vor Crash

Damit wird die Anlageklasse der Rohstoffinvestments auch für Anleger interessant, die an dem bisherigen Aufschwung der begehrten Produktionswaren noch nicht oder eher nebenbei verdient haben. Für Sparer beispielsweise, die Rohstoffinvestments vor allem aus taktischen Gründen in ihr Depot genommen haben. Denn die Preise von Gold, Öl oder Kupfer stiegen in der Vergangenheit nicht selten auch dann, wenn die Aktien- oder Anleihenkurse an der Börse kräftig sanken. Rohstoffinvestments können in solchen Börsenlagen deshalb wie ein Depotstabilisator wirken.

Nun aber glauben Börsenkenner offenbar, dass sie in den kommenden Monaten erneut auch noch als echte Renditebringer überraschen werden. "Nach bisherigen Maßstäben wären wir bereits in einem späteren Stadium des Rohstoffzyklus angekommen, doch diese Gesetzmäßigkeiten gelten nicht mehr", glaubt beispielsweise David Field, Rohstofffonds-Manager der französischen Gesellschaft Carmignac.

Einzig besorgt über die Entwicklung des Rohstoffsektors scheint derzeit nur die britische Börsenaufsicht zu sein. Sie warnt Investoren vor einem folgenschweren Debakel. Zu wenige Investmentgesellschaften hätten mittlerweile noch genügend gut ausgebildetes Personal, das sich mit den teils komplizierten Rohstoffinvestments gut auskenne. Speziell der Terminhandel mit all seinen bunten Rohstoffderivaten ist nach Meinung der Londoner Börsenaufseher vielen Profis ebenso unverständlich wie den meisten Privatanlegern.

Die Warnung der Briten kommt vielleicht zur rechten Zeit: Immerhin brach im vergangenen August der US-Hedgefonds Amaranth Advisors zusammen, der im August nach Fehlspekulationen mit Gasderivaten mehr als sechs Milliarden Dollar verloren hatte. Und nach Meinung von Börsenprofis beträgt der Wert aller derzeit gehandelter Rohstoffderivate schon jetzt 6,4 Billionen Dollar - und damit das Fünffache dessen, was auf diese Investmentart noch vor zwei Jahren entfiel.

Haken und Ösen der Indexinvestments

Haken und Ösen der Indexinvestments

Wer glaubt, dass die Finanzhäuser das Problem in den Griff bekommen und an dem angekündigten neuen Rohstoffschub mit Index-Produkte verdienen möchte, sollte zuvor allerdings einen Blick auf Zusammensetzung der jeweiligen Rohstoffindex-Fonds werfen. Denn deren Entwicklung wird vor allem von dem Verhältnis bestimmt, in dem die Preisentwicklung unterschiedlicher Rohstoffarten auf den Index wirkt.

So spiegelt der Dow-Jones-AIG-Index beispielsweise vor allem das Fortkommen vieler Firmen wider, die an Öl- oder anderen klassischen Energierohstoffen verdienen. Und da diese Unternehmen in den vergangenen Monaten besonders kräftig an Wert zugelegt haben, entwickelte sich auch der Dow-Jones-AIG-Index entsprechend gut. Doch ausgerechnet die Agrarrohstoffpreise haben im Gegenzug auf dieses Börsenbarometer weit weniger Einfluss.

Wer also auf den neuen Trend zu Soja und Zuckerrohr spekulieren möchte, ist wahrscheinlich weit besser mit Anlagevehikeln bedient, die den Reuters-CRB-Index oder ähnlich konstruierte Börsenbarometer zum Vorbild haben - und das, obwohl der Reuters-Index in den vergangenen Monaten weit schlechter abgeschnitten hat als der Dow-Jones-AIG-Index.

Ganz nebenbei liegen Anleger mit solch einer Geldanlage dann doch wieder im Trend. Denn ihr Rohstoffinvestment gleicht nicht nur der abgelegten Mode aus dem vergangenen Jahr, sondern trifft zugleich den aktuellen Zeitgeist: Rohstoffinvestments können auch Klima-Investments sein, wenn die Rohstoffe als CO2-freundliche Energiealternative genutzt werden. Ob sich das auch für die Sparer in barer Münze auszahlt, werden Fonds- und Zertifikatesparer spätestens im nächsten Jahr wissen. Also rechtzeitig, bevor die dann neue Investmentmode kommt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.