Investments Die Todsünden der Geldanlage

Bei der Geldanlage spielt die Psychologie den Anlegern so manchen Streich. Welche die fünf Todsünden an den Kapitalmärkten sind und wie sie sich vermeiden lassen, erklärt Markus Glaser von der Universität Mannheim gegenüber manager-magazin.de.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Glaser, die Börsen steigen, und steigen dennoch an vielen Anlegern vorbei. Was sind die größten Fehler, die man an der Börse machen kann?

Glaser: Anleger glauben, dass sie in der Lage sind, Aktien zu identifizieren, die sich in Zukunft überdurchschnittlich entwickeln werden. Da Aktienkursverläufe aber häufig schwieriger zu prognostizieren sind als viele Anleger glauben, schneidet der durchschnittliche Anleger nach Transaktionskosten oftmals schlechter ab als ein Aktienindex. Das ist der erste Fehler.

mm.de: Aber die wenigsten Anleger haben Aktien im Depot.

Glaser: Das ist der zweite Fehler. Die meisten Anleger haben zu wenige verschiedene Aktien im Depot. Ein Aktiendepot mit beispielsweise nur drei verschiedenen Werten ist sehr riskant, da sich jedes Wertpapier aus aktienspezifischen Gründen völlig anders entwickeln kann als man glaubt. Das gleiche Bild auf der internationalen Ebene, auch dort wird zu wenig diversifiziert. Meist haben Anleger nur wenige deutsche Aktien im Depot. Durch internationale Diversifikation lässt sich das Risiko des Portfolios bei gleicher erwarteter Rendite deutlich senken.

mm.de: Die Fehler zwei und drei also. Was läuft sonst noch falsch in deutschen Depots?

Glaser: Die meisten Anleger beschränken sich auf wenige Industriebereiche. Aber so eine Konzentration, zum Beispiel nur auf Internet- oder Telekommunikationswerte, ist sehr riskant und sollte vermieden werden.

Außerdem orientieren sich viele bei Ihrer Verkaufsentscheidung an vergangenen Kursen, zum Beispiel am Kaufkurs. Das ist falsch: Am Aktienmarkt sollte allein die erwartete Entwicklung einer Aktie für die Verkaufsentscheidung ausschlaggebend sein. Und das Ergebnis ist, dass der durchschnittliche Privatanleger den Markt nicht schlägt. Er wäre also mit einem passiven Indexprodukt besser beraten gewesen.

"Auch Fondsmanager sind Menschen"

mm.de: Heißt das auch, dass solche Anleger automatisch Verluste machen?

Glaser: Schlechter sein als ein Index, heißt nicht automatisch, dass man keine positive Rendite erwirtschaftet. Erzielt der Dax ein Plus von 15 Prozent, mein Portfolio aber nur 10 Prozent, so hätte ich mich durch ein Indexprodukt besser stellen können. Anleger, die überhaupt nicht am Aktienmarkt investieren, wären aber noch schlecht dran gewesen. Deshalb ist das Wort "Anlegerfehler" vielleicht auch etwas hart.

mm.de: Und - worüber stolpern die Anleger am meisten?

Glaser: Grundsätzlich trägt natürlich der Privatanleger selbst die Verantwortung für seine Fehler. Häufig ist er sich seiner Sache zu sicher, überschätzt seine Prognosegenauigkeit beziehungsweise seine Fähigkeiten. Dann kommt es zu den oben genannten Fehlern. Eine Reihenfolge an Fehlern würde ich nicht aufstellen.

Vielfach sind sie nur verschiedene Spielarten ein und derselben Sache beziehungsweise zwei Seiten einer Medaille. Ein Beispiel: Ein Anleger ist sich seiner Sache zu sicher, dann handelt er viel und setzt auf wenige Aktien. Das hat dann automatisch zur Folge, dass sein Portfolio sehr riskant zusammengestellt ist. Ein hohes Risiko wird zwar am Aktienmarkt mit einer höheren erwarteten Rendite belohnt, aber hohes Risiko heißt nun mal auch, dass es zu hohen negativen Ausschlägen kommen kann.

Dazu kommt, dass die Nettorendite durch die Transaktionsgebühren bei viel Handel deutlich kleiner ist als die Bruttorendite.

mm.de: Stehen Privatanleger damit eigentlich allein da?

Glaser: Institutionelle Anleger, also Fondsmanager oder Händler, machen deutlich weniger Fehler als Privatanleger, zeigen aber zum Teil ähnliche Verhaltensweisen. Auch Fondsmanager sind Menschen! Aber Wissenschaftler haben hier noch keine Einigkeit erzielt. Bestehende Studien zeigen zum Teil widersprüchliche Ergebnisse, allerdings gibt es deutlich weniger Studien zum Verhalten von Profis als zum Verhalten von Privatanlegern. Das liegt daran, dass es für eine Universität deutlich leichter ist, anonymisierte Kundendaten von Banken zu erhalten als anonymisierte Handelsdaten von Fondsmanagern.

"Immer nüchtern herangehen"

mm.de: Wie lassen sich solche Fehler vermeiden - oder ist die menschliche Psyche so übermächtig?

Glaser: Grundsätzlich lassen sich viele Handlungsempfehlungen direkt aus den oben genannten Fehlern ableiten: Nicht überschätzen, Transaktionskosten minimieren, möglichst breit streuen. Die Kapitalmarkttheorie, die wir seit Jahrzehnten an allen Universitäten der Welt lehren, ist eindeutig: Teile dein Vermögen in zwei Teile. Lege einen Teil sicher an, den anderen riskant, aber möglichst breit gestreut, am besten in das "Marktportfolio". Wie hoch die relativen Anteile von sicherer Anlage und riskantem Marktportfolio sind, sagt einzig und allein die persönliche Risikobereitschaft.

Es zeigt sich, dass Anleger, die ihr Geld komplett auf ein Sparbuch legen beziehungsweise komplett am Aktienmarkt anlegen, sich vermutlich suboptimal verhalten. Im ersten Fall wird zu wenig, im zweiten Fall zu viel am Aktienmarkt angelegt. Außerdem sollte man noch den Anlagehorizont mit beachten und was man mit dem angelegten Geld machen will. Ein älterer Mensch, der Geld für Enkel anlegt, kann also mehr in riskante Anlagen investieren als ein anderer, der jederzeit auf sein Geld angewiesen ist.

mm.de: Auf welchen Ebenen passieren diese Fehler eigentlich - auf der Einzeltitelauswahl oder auch auf Ebene der Asset-Allocation?

Glaser: Diversifiziere so breit wie möglich, dass sollte natürlich über alle Asset-Klassen gelten. Das zeigt folgendes fiktive Beispiel:

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der am Rhein arbeitet, bei der BASF. Er hat sein gesamtes Vermögen in BASF-Aktien investiert, besitzt ein Haus in Ludwigshafen und sein Arbeitseinkommen erhält er ebenfalls von der BASF. Sollte es der BASF in 20 Jahren mal nicht so gut gehen, könnte folgender Extremfall auftreten: Im schlimmsten Fall verliert er seinen Job, der Aktienkurs bricht ein, und das Haus verliert an Wert. Alles in allem also eine sehr riskante Aufteilung des Vermögens in verschiedene Asset-Klassen: Aktienmarkt, Immobilienmarkt, Humankapital. Das Beispiel ist übrigens keine reine Fiktion. Es gibt solche Fälle tatsächlich in den USA.

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