Dax-Geflüster Schwanken lernen

Der Dax hat sich von seinem Einbruch rasch erholt, wie im Vorjahr. Doch mit einer Rückkehr zum gradlinigen Aufwärtstrend kann dieses Börsenjahr nicht dienen: Das Drehbuch hat sich geändert. Für Anleger, die noch Geld zur Hand haben, ist das eine gute Nachricht.

Im Rückblick sieht es immer so schön einfach aus. Der Deutsche Aktienindex Dax  gab im Mai 2006 deutlich nach, ein paar Schlaumeier kauften zu, und ein paar Wochen später ging es wieder schnurgerade Richtung neue Höhen. Auch in diesem Jahr haben Anleger eine scharfe Korrektur bereits (fast) wieder überstanden - doch eine Wiederholung des Drehbuchs aus 2006 steht in diesem Jahr nicht an.

Denn mit dem Kursrutsch im März 2007 hat sich die Volatilität zurückgemeldet, und sie wird bleiben. Anleger müssen sich auf diesen neuen Lebensabschnittspartner einstellen: Das alte Modell stetig steigender Kurse hat vorerst ausgedient.

Grund ist das Ende des "synchronisierten Aufwärtstrends", wie Victor Moftakhar, Leiter Aktien bei Deka Investment, es nennt. Jahrelang legten die Gewinne der Unternehmen deutlich zu, begleitet von sanften Zinserhöhungen der US-Notenbank. Die brummende Konjunktur hat diese Erhöhungen bestens verkraftet; die Inflation war im Zaum, und Börsianer sonnten sich im "Blue Sky"-Szenario. Kursschwankungen? Änderung der Großwetterlage? Ach wo.

Fed, steh uns bei

Nun ändert sich das Szenario, und die Fed hat bereits gekräht. Die älteren Leser werden sich an den Song der Gruppe Pink Floyd erinnern: Damals, als es noch Platten gab, gehörte "Goodbye Blue Sky" zu den wichtigsten Zeilen des Albums "The Wall". Abschied von der besten aller Börsenwelten müssen Anleger schon deshalb nehmen, weil die Notenbank einen Richtungswechsel mehr als deutlich gemacht hat: Sie wird früher oder später mit Zinssenkungen auf die Abkühlung der US-Konjunktur reagieren.

Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht, denn die Wall Street lässt sich nur zu gern von der Notenbank aus der Patsche helfen. Leichtfertig vergebene Kredite: Notenbank hilf. Platzen der Immobilienblase: Notenbank hilf. US-Konsument in Bedrängnis: Notenbank, steh uns bei. Die Entscheidung von Fed-Chairman Ben Bernanke, den Passus "Straffung der Geldpolitik" (und damit einen Hinweis auf weiter steigende Zinsen) in der jüngsten Erklärung nicht mehr aufzunehmen, hat denn auch vorerst zu einer Erleichterungsrally im Dow Jones  und an der Nasdaq  geführt.

Vorerst.

Wenn die Notenbank gefangen ist

Wenn die Fed gefangen ist

Die Notenbank ist mit uns – aber allein, dass Anleger auf ein Umsteuern der Fed angewiesen sind, deutet auf die gründlich veränderte Großwetterlage hin. Ökonomen nennen so etwas Änderung der "Makroseite": "Noch sind die meisten Unternehmen in sehr guter Verfassung, ihre Gewinnentwicklung ist solide", sagt Deka-Stratege Moftakhar. "Doch wenn sich die Konjunkturseite stark verschlechtern sollte, muss neu gerechnet werden."

"Wir werten den jüngsten Kurseinbruch als heilsamen Weckruf, dass das weltwirtschaftliche Umfeld durchaus einige Risken birgt", betont Martin Gilles, Leiter Aktienmarktstrategie bei WestLB Research. Die optimistischen Erwartungen an das Gewinnwachstum der Unternehmen ließen sich "nur dann aufrechterhalten, wenn auch die zugrunde liegenden Makroerwartungen nicht erschüttert werden." Der Umschwung kann dabei viele Formen annehmen.

Umschwung 1: Die Krise am US-Immobilienmarkt greift auf den privaten Konsum über, die US-Konjunktur kühlt stark ab und droht sogar in eine Rezession zu rutschen, die Notenbank steuert mit Zinssenkungen dagegen und hat möglicherweise damit Erfolg. Schwankungen an den Märkten wären die Folge, doch ein Happy End nicht ausgeschlossen.

Steigende Preise als größtes Risiko

Umschwung 2: Politische Spannungen etwa mit dem Iran lassen den Ölpreis noch weiter in die Höhe schießen, die US-Konjunktur kühlt ab, die Inflation zieht aber – auch aufgrund extrem hoher Rohstoffpreise – wieder an. Die Notenbank würde wegen der steigenden Inflation daran gehindert, durch Zinssenkungen die Wirtschaft zu stützen. Oder sie würde gar zu Zinserhöhungen gezwungen, die dann die Konjunktur vollends abwürgen. "Ein solches Stagflationsszenario wäre für die Börse äußerst unangenehm", sagt Moftakhar.

Dirk Schumacher, Chefvolkswirt Deutschland bei Goldman Sachs, ergänzt: Das größte Risiko für die Aktienmärkte gehe in diesem Jahr von einer steigenden Inflation aus.

Warten ist besser als Zinsschritt

Warten kann Freude machen

Umschwung 3: Die US-Konjunktur bleibt trotz der aktuell diskutierten Risikofaktoren in einem soliden Zustand – sie kühlt zwar langsam ab, doch die Unternehmen verdienen weiterhin gut, und die Inflation bleibt aufgrund des aktuellen Zinsniveaus im Zaum.

Die Fed hätte Handlungsfreiheit und könnte sich mit dem nächsten Zinsschritt noch viele Monate Zeit lassen: "Dies ist nach unserer Einschätzung das günstigste, aber auch das wahrscheinlichste Szenario" sagt Moftakhar. "Besser noch lange auf die nächste Zinssenkung zu warten, als sie schon im Sommer zu sehen."

Dax und Dow dürften auch dann in den kommenden Monaten stärker schwanken, sobald wieder Risiken wie Verschuldung, Konsumrückgang oder riskante Wetten großer Hedgefonds in den Vordergrund rücken. Dennoch geht Deka Investments davon aus, dass der Dax trotz dieser Schwankungen noch in diesem Jahr die Marke von 7500 Zählern erreicht.

Lohndruck schützt vor Inflation

Die Globalisierung und der weltweite Lohndruck sollten nach Einschätzung der Deka-Strategen die Inflation dämpfen. Damit bliebe der Notenbank genug Spielraum, um bei Bedarf die US-Konjunktur zu stützen. Und dann dürfte auch der Dax – nach einigen Abtauchversuchen – sich langfristig wieder fangen. "Globales Thema dürfte in den kommenden Monaten nicht nur die Rückkehr der Volatilität sein, sondern auch eine Neubewertung von Risikoprämien in den riskanten Assetklassen" ergänzt WestLB-Stratege Gilles.

Anleger können dem Abschied vom blauen Himmel auch positive Seiten abgewinnen. Es ist zumindest wieder mehr los, es gibt wieder mehr zu bereden. Kursschwankungen können über die kommenden Monate auch ein angenehmer Begleiter sein – wenn man davon ausgeht, dass die Börse nach oben wie nach unten gern übertreibt, und eine Serie von schwachen Tagen vielleicht auch mal zum Einkauf nutzt.

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