US-Immobilien "Erst ein Drittel der Krise bewältigt"

Die Krise am Immobilien- und Hypothekenmarkt in den USA wird sich verschärfen. Am Ende könnte sie die größte Industrienation sogar in eine Rezession stürzen, sagt Folker Hellmeyer. Im Interview warnt der Chefanalyst der Bremer Landesbank zugleich vor den Risiken der internationalen Kapitalverflechtung.

mm.de: Herr Hellmeyer, die Sorgen um den US-amerikanischen Immobilienmarkt wachsen. In diesem Kontext wird stets auf überzogene Immobilienpreise und faule Hypothekenkredite verwiesen. Wovon geht die größere Gefahr aus?

Hellmeyer: Die Gefahr geht primär von den faulen Krediten und nur sekundär von überzogenen Immobilienpreisen aus. Ein überzogenes Preisniveau auf diesem Markt kann lange Bestand haben. Faule Kredite zwingen Banken, ihre Bilanzen vergleichsweise schnell anzupassen. Diese Anpassungen erhöhen die Risikoaversion und entfalten damit markante Folgen für den Finanzmarkt.

mm.de: Wie hoch ist das Risiko, dass die Krise zahlreicher US-Hypothekenbanken für Kunden mit schlechter Bonität auf den gesamten amerikanischen Bankensektor überspringt?

Hellmeyer: Das Risiko ist gegeben, weil es viele Finanzmarktteilnehmer gibt, die in diesen Subprime-Sektor recht blauäugig dem Zeitgeist der jüngeren Vergangenheit folgend Kredite vergeben haben oder Kreditrisiken im Rahmen von derivaten Geschäften eingegangen sind. Gleichwohl ist bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eine Infizierung des gesamten US-Bankensystems nicht erkennbar. Die Schäden für das Bankensystem sind bislang überschaubar. Die Betonung liegt hier auf dem Wort "bislang".

mm.de: Welche Folgen erwarten Sie für die US-Konjunktur, sollte sich die Entwicklung auf dem US-Immobilien- und Hypothekenmarkt verschlechtern?

Hellmeyer: Wir gehen davon aus, dass sich die Krise des amerikanischen Immobilienmarkts und der US-Hypothekenbanken verschärfen wird. Nach unseren Einschätzungen ist etwa erst ein Drittel der Krise bewältigt. Am Ende dieses Prozesses dürfte das die US-Wirtschaft, die zu über 70 Prozent vom privaten Verbrauch bestimmt ist, nahe an eine Rezession führen, womöglich sogar in eine Rezession fallen lassen.

Mit Blick auf die US-Wirtschaft dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass in den vergangenen Jahren die Subventionierung des privaten Verbrauchs durch Beleihung nicht realisierter Buchgewinne aus dem Immobilienbereich unterfüttert worden ist. Diese Subvention des privaten Verbrauches steht nun zur Disposition, kann sich in ihrer Wirkung sogar umkehren. Insofern sind die Folgen für die US-Konjunktur nachhaltig, auch wenn der gesamte Immobilienbereich samt Baubranche lediglich einen Anteil von rund 15 Prozent an der US-Wirtschaftsleistung hat.

"Das gleicht einem pawlowschen Reflex"

mm.de: Die Aktien von US-Hypothekenfinanzierern stehen unter starkem Verkaufsdruck. In Deutschland fallen parallel Bankenwerte und Aktien von Immobilienfinanzierern deutlich - eine nachvollziehbare Reaktion?

Hellmeyer: Die Reaktion der Märkte hierzulande ist in meinen Augen übertrieben. Das gleicht einem pawlowschen Reflex. Rational ist das Ganze jedenfalls nicht nachvollziehbar. Denn im europäischen Rahmen haben wir im Gegensatz zu den USA keinen Subprime-Sektor. Von daher ist die Konstellation nicht vergleichbar. Zudem ist die Situation des deutschen Immobilienmarkts nicht ansatzweise überhitzt.

mm.de: Ist angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtung der Banken die Ansteckungsgefahr für Europa nicht ungleich größer als früher?

Hellmeyer: Grundsätzlich gilt, dass die Verflechtung im internationalen Geschäft - gerade im derivativen Sektor - das Risiko von Dominoeffekten in der Finanzbranche erhöht. Von daher ist die Frage zu bejahen. So weit die Theorie, nun kommen wir zur Praxis. Bezüglich der global operierenden Topbanken ist die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen minimal. Die Erfahrungen aus der EWS-Krise im Jahr 1992, Savings & Loans in den USA und der Bankenkrise in Japan belegen, dass die Gesetze des freien Markts im Finanzsektor nur bedingt gültig sind. Im Zweifelsfall werden die Verluste wie bisher sozialisiert. Fakt ist, dass für die Finanzinstitutionen, die sich in diesem Marktsegment getummelt haben, nachhaltige bilanzielle Ernüchterung folgen wird. Eine Krise für den europäischen Bankensektor kann ich in diesem Zusammenhang derzeit jedoch nicht erkennen.

mm.de: Ein Beispiel für Verflechtung ist sicherlich das florierende Geschäft mit Hypothekenkrediten, überhaupt mit faulen Krediten. Sie werden aufgekauft, gebündelt, zerlegt und weiterverkauft - etwa an Hedgefonds oder Pensionsfonds. Lassen sich mögliche Risiken dann überhaupt noch überblicken und kontrollieren?

Hellmeyer: Bei diesem Thema sind die Zentralbanken der führenden Industrienationen mittlerweile sehr dünnhäutig geworden. In der Tat sind die Risiken in diesem Bereich kaum überschaubar und damit auch nur unzureichend quantifizierbar. Was nicht ausreichend quantifizierbar ist, ist nicht vollständig kontrollierbar. Ergo bleibt es bei hohen Risiken für die Stabilität des globalen Finanzsystems resultierend aus dem Zeitungeist mangelnder Risikoaversion und Kasinomentalität infolge verfehlter Zentralbankpolitik, insbesondere der US-Zentralbank aber auch der Bank of Japan.

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