Börsenastrologen Die mit den Sternen rechnen

Es ist ein alter Anlegertraum: schon vorher zu wissen, wann die Kurse nach oben oder unten drehen. Die Kristallkugel für den Börsenerfolg hat noch niemand gefunden, doch es gibt himmlischen Beistand. Börsenastrologen vertrauen auf die Planeten.

Hamburg - Der Freiburger Astrologe Karsten Kröncke veröffentlicht auf seiner Homepage tägliche Horoskope für den Dax  - und vergleicht, entwaffnend ehrlich, das tatsächliche Ergebnis mit seiner Prognose. Dabei finden sich ungefähr genauso viele richtige Vorhersagen wie falsche - bezogen auf die Tendenz. Eine genaue Indexzahl wagt Kröncke noch nicht vorherzusagen.

Kröncke selbst beziffert seine Trefferquote auf 58 Prozent. Mit dem Ergebnis sei er "verhältnismäßig zufrieden" - schließlich müsse er sich im Vergleich mit anderen Anbietern von Prognosen sehen. Allerdings reiche ein Börsenhoroskop für Anlageentscheidungen nicht aus, räumt Kröncke ein.

Das Horoskop beruht, wie bei einem Menschen auch, auf dem "Geburtsdatum". Am 1. Juli 1988 um 11:39:42 Uhr wurde der Dax zum ersten Mal berechnet. Zwar ist dieses Datum eine genauso willkürliche Entscheidung der Deutschen Börse  wie die Indexbasis 1000, und der Dax ändert mit jeder Neuzusammensetzung seine Identität. Dennoch folgt aus astrologischer Sicht daraus, dass der Dax das Sternzeichen Krebs und den Aszendenten Jungfrau hat. "Als Krebs ist er ein soziales Wesen und der Aszendent bedeutet, dass er abhängig von Umweltkräften ist", sagt Kröncke. "In diesem Fall wissen wir es ja, es ist die New Yorker Börse." Außerdem habe der Dax Merkur und Venus im zehnten Haus, das bringe Ansehen der internationalen Investoren.

Die New Yorker Börse  - Sternzeichen Stier - soll noch besser mit den Sternen stehen. Nicht von ungefähr, meinen Astrologen, ist der Bulle das Symboltier für einen Boom an der Börse. Angeblich sind unter den Aktien, die unter dem Sternzeichen Stier an der Börse notiert wurden, besonders viele, deren Kurse sich überdurchschnittlich gut entwickeln.

Aus den Sternen hat Kröncke gelesen, dass die Zeit vom 15. bis zum 19. Februar eine gute Phase zum Kaufen sein sollte. Wer diesem Tipp gefolgt ist, hat jedoch wahrscheinlich ein schlechtes Geschäft gemacht, denn der Dax stand kurz vor seinem 7000-Punkte-Hoch. Als etwas erfolgreicher präsentiert sich Uwe Kraus, der schon mal im Fernsehen das Börsenjahr vorhersagen darf. Er habe vor der Kurskorrektur Ende Februar "überall Stop-Loss-Marken ausgegeben".

Kraus stützt sich auf Konstellationen der Planeten - und die haben ihm den Wendepunkt der Märkte vorab verraten. "Was den Markt vorher hoch getrieben hat, war die Konstellation Uranus-Venus", sagt Kraus. "Ein Klassiker." Dann aber haben sich Saturn und Neptun nach vorn geschoben, außerdem kündigte eine totale Mondfinsternis den Kurseinbruch an. "Das war ebenfalls typisch", sagt Kraus. Man dürfe sich zwar nicht nur auf die Signale der Planeten verlassen, aber "sobald Charttechnik und Astrologie sich bestätigen, ist das ein Signal".

Warren Buffett und die Sterne

Warren Buffett und die Sterne

Die Börsenastrologen sehen sich ungern in der Esoterik-Ecke. Kraus sieht die Astrologie als Hilfswissenschaft an, die nützliche Hinweise liefert. Auf die Frage, warum das so sei, antwortet er allerdings, "das ist einfach so". Die Astrologie habe sich über Jahrhunderte hinweg mit zuverlässigen Vorhersagen bewährt.

Den Sterndeutern ist bewusst, dass sie nicht den seriösesten Ruf haben. Deshalb suchen sie nach prominenten Kronzeugen. Der Bankgründer John Pierpont Morgan etwa soll Anfang des 20. Jahrhunderts den Rat der Astrologin Evangeline Adams gesucht haben. Ihm wird das Zitat zugeschrieben, "Millionäre gebrauchen keine Astrologie. Milliardäre schon." Angeblich legte Verleger Axel Springer bei der Gründung der "Bild"-Zeitung Wert auf ein astrologisch vorteilhaftes Gründungsdatum.

Häufig werden in Astro-Börsenbriefen erfolgreiche Anleger wie Warren Buffett zitiert. Buffett soll für den Börsenerfolg geboren sein. Außerdem, schreibt der Wiener Astrologe Manfred Zimmel in seinem jüngsten Börsenbrief, bekenne Buffett sich selbst durch die Blume zur Astrologie. Das verwendete Zitat ist allerdings reichlich verquast. Umso begieriger greift Zimmel eine Äußerung eines Devisenhändlers der Bank of Japan auf, der auf der Website der Zentralbank "sogar Astrologie" zu seinem Instrumentarium zählt.

Welchen Einfluss die Astrologie auf die Börse hat, verbirgt sich hinter einem Nebelschleier. Manche Astrologen munkeln von einflussreichen Kunden, beispielsweise Fondsmanagern, die Milliardenportfolios verwalten. Die hielten sich aber bedeckt, um den Eindruck zu vermeiden, dass sie das Geld der Kunden den Sternen anvertrauen. "Etwa 100" Anleger lassen sich jährlich von ihm beraten, sagt Kraus. Die astrologische Analyse der "Börsengewinner" kostet bei ihm zwischen 100 und 500 Euro. Kröncke sieht seine Börsenanalyse nur als "Feierabendforschung" an. Sein Geld verdient er mit Horoskopen für Unternehmensnachfolger oder optimale Verhandlungstage. In den USA ist der Markt deutlicher ausgeprägt. Das Unternehmen AIR Software von Alphee Lavoie verkauft sogar astrologische Programme für Börsenhändler.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Dax von den Mondphasen beeindrucken lässt", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Genau das behaupten aber Ökonomen der Universität Michigan in einer Studie. Sie haben Börsendaten aus 48 Ländern mit den Mondphasen verglichen. Demnach steigen die Kurse rund um Neumondnächte, während sie bei Vollmond fallen. Allerdings sehen die Forscher darin nur einen Beleg dafür, dass Anleger nicht völlig rational handeln.

Kurz erinnert an ein Experiment, in dem ein Schimpanse per Wurf von Dartpfeilen bessere Aktientipps abgab als ein Analyst. "Es gibt einfach keine sichere Methode, die Kurse der Zukunft vorherzusagen", sagt Kurz. Anleger sollten sich von dem "Irrglauben" befreien, genau die Wendepunkte an der Börse treffen und so zum niedrigsten Kurs kaufen, zum höchsten Kurs verkaufen zu können. Wer es trotzdem versuchen wolle, könne genauso gut an die astrologischen Vorhersagen glauben oder es lassen.

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