Dax-Geflüster Vier Gründe für ein Dax-Comeback

Im Mai 2006 fiel der Dax um rund 12 Prozent und vollzog dann ein wundervolles Comeback. Gibt es auch diesmal nur eine kurzfristige Schwäche? Vieles spricht für eine rasche Erholung des Dax - der Zeitpunkt liegt diesmal sogar günstiger als im Vorjahr.

400 Punkte Verlust in drei Handelstagen, das ist stattlich. Mehr als fünf Prozentpunkte hat der Deutsche Aktienindex Dax  zwischen Dienstag und Donnerstag abgegeben. Der US-Index Dow Jones  erlitt am "schwarzen Dienstag" gar den größten Tagesverlust seit dem 11. September 2001. Grund für Anleger, sich Sorgen zu machen?

Nein, wiegelt die Mehrheit der Analysten ab. Die entscheidende Frage scheint für sie lediglich zu sein, ob ein ähnlich scharfer Rücksetzer blüht wie einst im Mai 2006. Damals fiel der Dax binnen vier Wochen um 12 Prozent, danach ging es schnurgerade wieder aufwärts. Wenn es also tatsächlich nur um eine neue, kurzfristige Delle geht, könnte man bald wieder von Einstiegskursen sprechen.

Kaum jemand redet von einem Kursrutsch mit ungewissem Ausgang. Fast alle sprechen statt dessen von einer "Korrektur": Bereits das Wort suggeriert, dass alles in geordneten Bahnen bleibt und sich niemand ernsthaft Sorgen machen muss. Wir korrigieren ein bisschen, wollen ja nicht schlingern, und alles bleibt unter Kontrolle.

Langweilig, dieser Korrektur-Konsens. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank und sonst um eigene Gedanken nicht verlegen, setzte deshalb noch einen drauf und machte eine gedankliche Anleihe beim Dichterfürsten Thomas Bernhard: Er erwarte eine "Korrektur der Korrektur", so Walter. Sprich: Warte nur, bald geht es bergauf.

Vier Gründe für ein Dax-Comeback

Vier Gründe für ein Dax-Comeback

Tatsächlich gibt es einige Argumente, warum sich der deutsche Aktienmarkt im Laufe der nächsten Monate wieder erholen sollte. "Mir fallen spontan vier Gründe ein", sagt Gianluca Giardina, Fondsmanager des German Growth Trust  der Fondsgesellschaft Barings.

Erstens: Wenn Aktienkurse langfristig den Unternehmensgewinnen folgen, müsse man sich um deutsche Aktien derzeit keine großen Sorgen machen. "Die meisten Dax-Unternehmen haben ein beinhartes Sparprogramm hinter sich und ernten jetzt die Früchte - viele fahren so viel Gewinn ein wie nie zuvor", sagt Giardina.

Die Dax-Konzerne Allianz  und BASF  zum Beispiel meldeten erst in der vergangenen Woche Rekordgewinne und hoben ihre Dividendenzahlungen jeweils um mehr als 30 Prozent an. Beide Titel waren nach ihren glänzenden Zahlen stark gefragt - jetzt, wo die Bewertungen wieder günstiger werden, will sie aber kaum jemand haben. Dass beide Unternehmen überdurchschnittlich von der Globalisierung profitieren und weltweit wachsen, daran hat sich während der vergangenen acht Tage jedoch nichts geändert.

Zweitens: Im Gegensatz zu Mai 2006 liegt der Zeitpunkt des Kursrutsches diesmal günstiger - denn die Dividendensaison im Dax steht noch bevor. Die Dax-Konzerne werden in diesem Jahr mehr als 21 Milliarden Euro an ihre Aktionäre ausschütten, so viel Geld wie nie zuvor.

11 Dax-Werte, darunter etwa DaimlerChrysler , Deutsche Post , Eon , RWE , BASF  und Deutsche Bank , kommen derzeit auf eine Dividendenrendite von mehr als 3 Prozent. "Einige Investoren dürften die Gelegenheit nutzen, sich noch im März rechtzeitig vor dem Zahltag einige ausschüttungsstarke Werte zu sichern", meint der Baring-Fondsmanager.

Warum Heuschrecken helfen

Warum Heuschrecken helfen

Weiterhin setzt Giardina auf die viel beschworene Erholung der deutschen Binnenkonjunktur. Die erwartete anziehende Nachfrage im Inland dürfte vor allem den Werten aus der zweiten Reihe, die stärker auf den Heimatmarkt ausgerichtet sind, einen Schub geben. "Deutschland hat im vergangenen Jahr positiv überrascht und hat weiterhin Potenzial. Die Erfolgsgeschichte ist noch nicht zu Ende", ist sich der Fondsmanager sicher.

Als viertes Argument führt er den steigenden Appetit internationaler Finanzinvestoren auf deutsche Unternehmen an. "Es ist sehr viel Geld im Markt", sagt Giardina. Continental  und Infineon  zum Beispiel waren bereits ins Visier der Firmenjäger geraten, und nun hat angeblich der US-Investor Silver Lake ein Auge auf den deutschen Softwarehersteller SAP geworfen. Bei jedem Kursrücksetzer kommen derlei Übernahmefantasien wieder hoch, da ein solcher Milliardendeal dann wieder eher finanzierbar erscheint. Das Beispiel SAP  zeigt: Solche Phantasien stützen die Kurse.

Bereits investierte Anleger sollten die Nerven behalten und sich nicht jetzt noch aus dem Markt schütteln lassen, rät auch Markus Temme von der Fondsgesellschaft Union Investment. "Der Abschwung ist psychologisch getrieben, die fundamentalen Daten sind weiterhin in Ordnung", sagt Temme.

Auch wenn das Aufwärtspotenzial am deutschen Aktienmarkt geringer sei als noch im Jahr 2005, sollte es doch unter stärkeren Kursschwankungen "tendenziell weiter nach oben gehen". Auch die Analysten von Postbank  und Commerzbank  gehen davon aus, dass der Dax  noch in diesem Jahr die Marke von 7000 Punkten wiedersieht.

Störende Kleinigkeiten

Störende Kleinigkeiten

Also jetzt schon kaufen? Der Versuch, durch Markettiming den Tiefpunkt eines Abschwungs zu erwischen, geht in der Regel schief, bestätigt Giardina. Nervenschonender sei es, eine allgemeine Beruhigung der Märkte abzuwarten: Besser ein paar Prozent Performance verpassen, als mit einem erneuten Abschwung sogleich mit herunterzurauschen.

Es wäre ja auch ein bisschen zu einfach, schon jetzt nachzukaufen mit der festen Überzeugung, dass sie bereits in der nächsten Woche kommt, die Korrektur der Korrektur. Vielleicht kommt sie ja, aber wer weiß, ob es die letzte Korrektur ist.

Ein paar Kleinigkeiten wie starke Devisenschwankungen, weitere Kurseinbrüche in Asien oder eine allzu starke Abkühlung der US-Konjunktur könnten dafür sorgen, dass auch sie noch kommt, die Korrektur der Korrektur der Korrektur. Der Markt ist eigentlich zu jedem Zeitpunkt reif für eine Korrektur. Das hält die Börse am Leben, und Anleger, Analysten und Kommentatoren auf Trab.

Vielleicht hat Norbert Walter nur andeuten wollen, was schon der unerreichte Thomas Bernhard schrieb: "Korrektur der Korrektur der Korrektur der Korrektur, so Roithamer. (...) Fortwährend korrigieren wir und korrigieren uns selbst mit der größten Rücksichtslosigkeit, weil wir in jedem Augenblick erkennen, dass wir alles falsch gemacht (geschrieben, gedacht, getan) haben, falsch gehandelt haben, wie wir falsch gehandelt haben, dass alles bis zu diesem Zeitpunkt eine Fälschung ist, deshalb korrigieren wir diese Fälschung und die Korrektur dieser Fälschung korrigieren wir."

Lektüre beruhigt in diesen Börsentagen. Hektik und der Versuch, schlauer als der Markt zu sein, kommen meist teuer.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.