Börse Dax 7000 - und jetzt?

Der Dax hat die Marke von 7000 Punkten geknackt. Lohnt sich der Einstieg noch oder steht der nächste Kursrutsch, ähnlich wie im Mai 2006, kurz bevor? manager-magazin.de hat Fondsmanager und Analysten befragt.

Hamburg - Immer wieder geht ein Raunen durch das Land, wenn ein Index eine glatte Grenze durchbricht. Kürzlich rückte der Nebenwerteindex MDax  in die Schlagzeilen, als er die Marke von 10.000 Zählern durchbrach. Nun hat auch der Dax  nach mehr als sechs Jahren wieder die Grenze von 7000 Punkten überwunden. Im Gegensatz zum MDax muss der Deutsche Aktienindex aber noch rund 15 Prozent zulegen, um sein im März 2000 erreichtes Hoch von 8064 Zählern wiederzusehen.

"Es ist nichts Besonderes an der Zahl 7000", meint William Davis, Chef für europäische Aktien bei der britischen Fondsgesellschaft Threadneedle. Gegen Ende des Jahres könnte der Deutsche Aktienindex  durchaus noch höher notieren - schließlich seien deutsche Aktien aufs Ganze betrachtet im Vergleich zu den niedrigen Anleiherenditen nicht teuer. Der Dax dürfte nach Einschätzung von Davis erst dann unter Druck geraten, wenn die Inflation anzieht, so Davis.

Anleger sollten dennoch wachsam sein. "Exogene Schocks" wie politische Krisen im Nahen Osten könnten die Märkte kurzfristig belasten, fügt Davis hinzu. Ob man bei einem Kursniveau von 7000 Punkten noch einsteigen kann, wie der Anlagehorizont aussehen sollte und wie sich bereits investierte Anleger jetzt verhalten sollten, dazu hat manager-magazin.de zahlreiche Aktienmarktprofis befragt.

"Sell in May and go away"

mm.de: Herr Fraikin, ist der Dax mit gut 7000 Punkten inzwischen zu teuer geworden?

Fraikin: Überhaupt nicht, ich halte die Aktien im Schnitt noch immer für günstig. Sehen Sie, der Dax ist ja ein Performanceindex, das heißt, er enthält auch die Dividendenausschüttungen. Die machten in der Vergangenheit 15 bis 20 Prozent der Wertentwicklung des Index aus.

Wenn Sie diesen Teil also vom Dax-Stand abziehen, steht der im Vergleich zu anderen Indizes gar nicht so hoch. Außerdem verdienen die Unternehmen sehr gut, deutlich besser als 2000.

mm.de: Ist es klug, jetzt noch einzusteigen?

Fraikin: Man kann jetzt noch einsteigen. Ich denke, dass die Aktien im Dax noch so um 9 bis 10 Prozent an Wert zulegen könnten bis zum Ende des Jahres.

mm.de: Und - steht uns ein Einbruch wie im Mai 2006 bevor? Nicht umsonst heißt es ja "sell in May and go away"?

Fraikin: Das kann durchaus wieder so kommen. Aber es heißt auch "but remember to come back in September". Im Ernst: Eine Korrektur wird wohl auch im Verlauf des Jahres kommen. Es kommt aber auf die Anlegerstimmung an. Erst bei allgemeiner Euphorie dürfte die Börse kippen. Noch sind die meisten zu skeptisch.

"Einsteiger brauchen gute Nerven"

mm.de: Ist der Dax zu hoch bewertet?

Heller: Nein. Im vergangenen Jahr ist der Dax zwar um 22 Prozent gestiegen, die Gewinne haben aber Schritt gehalten. Das heißt, der Dax ist nicht teurer geworden.

mm.de: Werden die Gewinne so weiter steigen wie erwartet?

Heller: Eine Garantie gibt es im Leben für nichts, speziell nicht an der Börse, aber die Konjunkturdynamik ist ungebrochen. Wir können mit einem Weltwirtschaftswachstum von über 4 Prozent rechnen. Das ist jetzt das fünfte Jahr in Folge, die längste Wachstumsphase seit den 70er Jahren.

mm.de: Ist es für Anleger zu spät, noch an der Rally teilzunehmen?

Heller: Das hängt vom Nervenkorsett der Anleger ab. Ich kann Leuten, die bis jetzt abstinent geblieben sind und denen es jetzt in den Fingern juckt, weil sie Gewinne versäumt haben, nur raten, das nicht mit Gewalt nachholen zu wollen und umso riskanter anzulegen. Ich würde dafür plädieren, eher einen Exchange Traded Fund wie den Div-Dax zu kaufen, in dem die 15 dividendenstärksten Dax-Werte enthalten sind. Damit kauft der Anleger eine etwas stabilere Form des Dax.

mm.de: Wo liegt ein guter Einstiegskurs?

Heller: Wenn man jetzt auch noch mit Timing anfängt, liegt man ganz daneben, weil viele, die nicht dabei sind, auf einen Rückschlag warten. Deswegen kommt der Rückschlag nicht. Der kommt dann vielleicht im Mai, dafür umso heftiger.

mm.de: Wo steht der Dax am Jahresende?

Heller: Ich kann mir vorstellen, dass wir das Jahr mit 7600, 7700 Punkten beenden. Zwischendurch kann der Dax sogar etwas höher steigen. Von den Zinsen kommt Entlastung.

mm.de: Gibt es auch Risiken, die dieses Szenario gefährden?

Heller: Ich sehe drei Gefahrenherde. Der eine ist, dass die Hedgefonds völlig unkontrolliert ein völlig intransparentes Spiel treiben. Da bestehen gewaltige Kreditrisiken. Wenn in irgendeinem Bereich etwas geschieht, schlägt das auf zwei, drei andere Beteiligte durch.

Der nächste Risikofaktor sind die Carry-Trades im Yen und im Schweizer Franken, die wiederum von den Hedgefonds betrieben werden. Wenn der Yen steigt, müssen diejenigen, die sich im Yen verschuldet haben, verkaufen. Das könnte auch Riesenlöcher bei den Aktien reißen.

Die dritte Gefahr ist, dass es mit dem Iran eskaliert und der Ölpreis auf 80 oder 90 Dollar pro Fass hochschießt. Ich glaube nicht, dass die Iraner das auf die Spitze treiben. Aber die Drohgebärden von Seiten Amerikas nehmen zu.

mm.de: Wie passt das zu ihrer insgesamt optimistischen Einschätzung?

Heller: Ich glaube nicht, dass es zu Zusammenbrüchen kommt, weil jedes Mal, wenn es zu solchen Flächenbränden kommen könnte, die Notenbanken einschreiten und die Märkte mit Liquidität fluten. Zwischendurch kann es aber durchaus mal 20, 30 Prozent Minus geben. Deshalb müssen diejenigen, die einsteigen, auf ihre Nerven achten und eher konservativ anlegen. Ich habe gute Nerven.

"Am Ende bei 6000 oder 8000"

mm.de: Ist der Dax mit einem Niveau von 7000 Punkten für Einsteiger bereits zu teuer geworden?

Leber: Der Dax ist bei 7000 nicht mehr billig, aber auch noch nicht zu teuer. Die Firmen im Dax werden in den nächsten Jahren ein gesundes Wachstum zeigen, doch haben die Anleger keinen Rückenwind mehr durch die Aufholung einer jahrelangen offensichtlichen Unterbewertung.

Anleger, die fünf oder mehr Jahre investieren möchten, sowie Anleger mit einem Sparplan sind beim heutigen Kursniveau gut bedient. Anleger mit einem kürzeren Anlagehorizont könnten zwischenzeitlich durch stark schwankende Kurse enttäuscht werden.

mm.de: Rechnen Sie mit stärkerer Volatilität in den kommenden Monaten?

Leber: Ich rechne mit deutlichen Kursschwankungen dieses, spätestens aber nächstes Jahr. Darum kann der Dax bis am Jahresende bei 6000 oder bei 8000 landen. Am wahrscheinlichsten ist es, dass der Index nach einigen kräftigen Ausschlägen das Jahr da beendet, wo es begonnen hat.

mm.de: Was sind Ihrer Ansicht nach derzeit die beiden größten Risikofaktoren für die Finanzmärkte?

Leber: Mir fallen leicht zehn Risikofaktoren ein. Die Abschwächung der US-Konjunktur durch das Abflauen des Immobilienbooms ist für mich der größte Risikofaktor. An zweiter Stelle stehen die Kriegsgefahren im Nahen Osten, insbesondere im Iran.

"Korrektur gefährdet den Trend nicht"

mm.de: Die 7000 Punkte sind erreicht. Manche Pessimisten warnen vor einem dramatischen Kursverfall wie zwischen 2000 und 2001. Zu Recht?

Hellmeyer: Ich halte solche Szenarien für Unsinn. Der Markt heute ist sehr viel ausgeglichener positioniert, die Gewinnbewertung der Unternehmen ist eine andere, die Liquidität im Markt ist sehr hoch und das Bewusstsein für Europa hat sich gewandelt. Die Gesamtkonstellation ist also eine ganz andere. Sie spricht deutlich für eine fortgesetzt positive Entwicklung der Aktienmärkte, die zudem im Hinblick auf die Bewertung sehr attraktiv gegenüber den Anleihemärkten sind.

mm.de: Sie erwarten demnach keine Korrektur?

Hellmeyer: Doch, wir werden sehr wahrscheinlich eine Korrektur sehen, die allerdings den Trend nicht gefährdet. Sie wird voraussichtlich sehr scharf und sehr schnell sein, aber ebenso schnell wieder vorüber sein, ähnlich dem Muster vergangenen Jahres.

mm.de: Empfiehlt sich jetzt noch der Einstieg?

Hellmeyer: Nein. Denn wir haben bereits eine lange Aufwärtsbewegung hinter uns, und die Korrektur wird kommen. Einstiegskurse sehen wir wieder bei einem Dax-Niveau von etwa 6500 Punkten. Wer bereits investiert ist, kann kurzfristig den Bullen weiter reiten. Aber bei einer Bewegung deutlich über die 7000 Punkte hinaus empfehlen sich Gewinnmitnahmen.

mm.de: Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die größten Risikofaktoren für die Finanzmärkte?

Hellmeyer: Das größte Risiko sehen wir in einem womöglich abrupten Abbau der Yen-Carry-Trades und damit verbundenen Dominoeffekten an allen Anlagemärkten. Der jüngste G7-Gipfel hat dem Thema allerdings vorerst die Sprengkraft genommen. Zum zweiten könnte ein sich verschärfender Protektionismus zwischen China und den USA der weltweiten Wachstumsstory und damit auch den Anlagemärkten stark schaden.

"Zu gute Wirtschaftsdaten sind riskant"

mm.de: Ist der Dax mit einem Niveau von 7000 Punkten für Einsteiger zu teuer geworden?

Vorndran: Nein, gemäß unseren Analysen gehört der Dax noch immer zu den günstigeren Aktienmärkten weltweit. Zusammen mit Frankreich und Italien ist Deutschland am attraktivsten, was die Bewertung angeht. Auch gegenüber Anleihen erachten wir deutsche Aktien noch immer als attraktiv. Man darf nicht vergessen, dass auch die Gewinne in den letzten Jahren deutlich zugelegt haben, das heißt, die Aufwärtsbewegung fußt auf einem soliden Fundament und stellt keine spekulative Blase dar. Dennoch ist der Markt inzwischen etwas anfälliger geworden, weshalb wir unsere Aktienübergewichtung leicht reduziert haben.

mm.de: Welches Potenzial geben Sie dem Dax bis Jahresende?

Vorndran: Für das Gesamtjahr erwarten wir, dass der Dax-Index in der Spitze noch zulegen kann, das heißt, 7300 Punkte sind möglich. Ob wir den Jahreshöchststand aber zu Jahresende sehen werden, ist alles andere als sicher.

Es wäre für uns nicht verwunderlich, wenn wir im zweiten Quartal einmal einen temporären Rückschlag hinnehmen müssten. Das wäre dann aber eine Gelegenheit, um wieder zu einer vollen Aktienquote zurückzukehren. Höhere Schwankungen müssen langfristig aber nicht mit schwächeren Kursen einhergehen. Das zeigen die Erfahrungen von 1995 bis 2000.

mm.de: Was sind Ihrer Ansicht nach derzeit die beiden größten Risikofaktoren für die Finanzmärkte?

Vorndran: Wir sind seit vielen Monaten deutlich optimistischer als der Markt, was die Entwicklung der Weltwirtschaft anbetrifft. Während viele noch von einer Rezession in den USA sprachen, setzten wir auf eine sehr milde Wirtschaftsabschwächung in den Vereinigten Staaten. Die Meinung des Markts hat sich nun deutlich unserer positiven Einschätzung angenähert. Riskant wäre es deshalb unserer Meinung nach, wenn wir nun zu gute Wirtschaftsdaten aus Europa, Japan und den USA erhalten würden. Die Konsequenz wäre ein Wiedereinsetzen der Inflationsängste (höhere Arbeitskosten und teurere Rohstoffe) und damit verbunden aufkeimende Zinsängste. Anziehende Zinsen am kurzen und am langen Ende der Zinskurven könnten den Aktienmärkten zusetzen.

von Arvid Kaiser, Arne Gottschalck, Kai Lange und Lutz Reiche

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