Dax-Geflüster In der Widerstandszone

Nach schwungvollem Jahresstart droht dem Dax eine Kurskorrektur. Pessimistische Anleger erinnern sich an den Einbruch im Mai 2006. Charttechniker sprechen von einer Widerstandszone, Analysten halten einen Rückgang um 10 Prozent für möglich.

Hamburg - Der plötzliche Einbruch verschreckte die Anleger. Nach dreijähriger Hausse fiel der Dax  zwischen Mai und Juni 2006 in ein tiefes Sommerloch. Zins- und Inflationsängste herrschten damals am Markt, der hohe Ölpreis drohte zusätzlich auf die Unternehmensgewinne zu drücken. Von deutlich über 6100 Punkten sackte der deutsche Leitindex auf weniger als 5250 ab. Ein Ausrutscher - oder Geschichte, die sich bald wiederholen könnte?

Die Schwächephase endete bald. Seit Mitte Juni hat der Dax wieder um mehr als 27 Prozent zugelegt - deutlich stärker als der US-Leitindex Dow Jones , der sich um lediglich 15 Prozent steigerte.

Der Ölpreis liegt inzwischen nicht mehr bei rund 80 Dollar, sondern kostet rund 60 Dollar pro Barrel. Der Dax ist nicht mehr weit von 7000 Zählern entfernt, ein Ende des Börsenbooms scheint derzeit nicht in Sicht. Noch nicht.

"Wir sehen keinen besonderen Anlass, sich Sorgen zu machen", sagt Gerhard Schwarz, Aktienstratege der HypoVereinsbank (HVB). Eine gute Konjunktur trotz Mehrwertsteuererhöhung, eine niedrige Inflationsrate und mittelfristig stabile Zinsen böten - momentan zumindest - ein günstiges Umfeld. Außerdem erwartet Schwarz in der laufenden Dividendensaison noch "einige positive Überraschungen".

Doch was passiert, wenn alle Jahresabschlüsse bekannt und sämtliche Dividenden ausbezahlt sind? Dann könnten Anleger dem Aktienmarkt gelangweilt den Rücken kehren. Besonders euphorisch zeigen sich Investoren in Deutschland jedenfalls nicht - obwohl der Dax im vergangenen Jahr um 22 Prozent zugelegt hat. "Die Leute sind noch nicht einmal neutral gestimmt", sagt Wieland Staud, Geschäftsführer der Staud Research, "keiner glaubt an den Aufschwung am Aktienmarkt."

Das ist kein schlechtes Zeichen, weil Pessimismus für die Stabilität des Aufschwungs spricht - von Hype oder Überhitzung keine Spur. Andererseits brauchen Anleger, die auf weitere Kursgewinne setzen, umso spannenderen Stoff für ihre Phantasien: Gerüchte über geplante Engagements von Private-Equity-Investoren beispielsweise, wie sie sich zuletzt um Konzerne wie Metro , Tui  oder die Deutschen Post  rankten, oder eine Änderung der Besteuerung von Kursgewinnen.

"Es schreit nach einer Korrektur"

Dax in der "Widerstandszone"

Allerdings kamen aus den Dax-Konzernen zuletzt nicht nur positive Signale: Der guten Performance von BMW  und Siemens  stand die Gewinnwarnung der Deutschen Telekom  gegenüber. Auch SAP  wusste die Anleger nicht zu überzeugen.

Anzeichen für eine zweite Sommerrally, wie sie im vergangenen Jahr nach dem Ende der Talfahrt einsetzte, sehen Experten momentan nicht. "Im dritten Quartal dürfte das Klima etwas rauer werden", prognostiziert Schwarz. Dann würden auch die Notenbanken erneut überlegen müssen, die Zinsen zu erhöhen. "Eine Phase der Seitwärtsbewegung oder sogar Korrektur ist denkbar", so der HVB-Stratege. Schwarz hält einen Rückgang von 10 Prozent für möglich.

Grund für Pessimismus sieht Frank Schallenberger, Anlagestratege der Landesbank Baden-Württemberg derzeit nicht. Weiterhin bestünden Übernahmephantasien am Markt.

Gleichzeitig betont er: "1400 Punkte Zuwachs in sechs Monaten - das schreit nach einer Korrektur." Allerdings glaubt er nicht, dass der Leitindex dann die 6500er-Marke unterschreitet.

Charttechniker Staud spricht von einer "Widerstandszone", in der sich der Dax  momentan bewege. Es sei sehr wahrscheinlich, dass im Bereich zwischen 6830 und 7470 Punkten eine "ausgedehnte Konsolidierung" einsetzen werde. Diese werde vermutlich sogar länger anhalten als im Frühsommer 2006 - "und prozentual auch mehr Wertverluste produzieren".

Dennoch sieht Staud keine Anzeichen für eine generelle Trendwende am Aktienmarkt, die Aufwärtsbewegung sei etabliert. Fazit: Selbst wenn sich die Talfahrt aus dem vergangenen Jahr wiederholen sollte - auf längere Sicht dürfte der Dax weiter wachsen. Tim Albrecht, Fondsmanager für deutsche Aktien bei der Investmentgesellschaft DWS, erklärt: "Auch eine 10-prozentige Korrektur würde am mittel- bis langfristigen Aufwärtstrend des Dax nichts ändern."

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