Dax-Geflüster Rekordgewinne versickern

Rekordgewinne und eine Rekordausschüttung: Die Deutsche Bank erhöht ihre Dividende um 60 Prozent und setzt Zeichen für andere Dax-Unternehmen. Über den anschwellenden Geldstrom freuen sich vor allem ausländische Investoren. Deutsche Privatanleger sollen dagegen für die steuerliche Entlastung der Konzerne bezahlen.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mag große Zahlen. Gewinn vor Steuern 2006: acht Milliarden Euro. Vorsteuerrendite: 31 Prozent. Eigenes Jahresgehalt: 11,9 Millionen Euro. Steigerung der Dividende: 60 Prozent auf vier Euro pro Aktie, denn auch die Aktionäre sollen ja nicht leer ausgehen.

Mit der in dieser Woche angekündigten Erhöhung reiht sich Deutschlands größtes Geldhaus in die Riege der Dax-Unternehmen ein, die wie Eon , RWE , Deutsche Telekom  und DaimlerChrysler  ihre Anteilseigner mit besonders hohen Gewinnausschüttungen erfreuen. Rund 22 Milliarden Euro werden die 30 im Dax notierten Unternehmen in diesem Jahr insgesamt auszahlen, die Ausschüttungsquote dürfte auf rund 40 Prozent klettern. Und das ist nicht das Ende: Nach Einschätzung der Dresdner Bank dürften Gewinne und Dividenden der im Dax  notierten Unternehmen in diesem und im kommenden Jahr weiter steigen.

"Dax-Unternehmen haben noch Nachholbedarf, da die Gesamtausschüttungsquote in Europa bei rund 50 Prozent liegt", sagt Michael Wiaterek, Leiter Equities bei der Dresdner Bank. Auch bei deutschen Unternehmen wachse zudem der Einfluss von Private-Equity-Investoren und Hedgefonds, die einen möglichst hohen Rückfluss des erwirtschafteten Kapitals sehen wollen. Auf diesen Druck dürften noch weitere Unternehmen reagieren und ihre Ausschüttungsquoten erhöhen.

Gewinnbonbon der Bundesregierung

"Dividenden werden vor allem durch steigende Gewinne nach oben getrieben - und dafür sind die Voraussetzungen gut", ergänzt Dresdner-Bank-Anlagestratege Peter Körndl. Bei der erwarteten leichten Abkühlung der globalen Konjunktur dürfte die Gewinndynamik zwar nachlassen, doch seien 2007 und 2008 weitere Steigerungen zu erwarten.

Die Bundesregierung weckt weitere Fantasie, da sie mit der Unternehmensteuerreform 2008 die Steuerlast für Unternehmen um 10 Prozent senken will. Körperschaftsteuer runter von 25 auf 15 Prozent - wenn die Konjunktur mitspielt, ist das der Grundstein für weitere Gewinnsteigerungen sowie höhere Dividenden.

"Zweistellige Steigerungen der Dividenden sind aus heutiger Sicht für die kommenden Jahre wahrscheinlich", bekräftigt Frank Schallenberger, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Die Dividenden sollten "zumindest in gleichem Maße steigen wie die erzielten Unternehmensgewinne" - in Einzelfällen sogar noch stärker. Doch der deutsche Privatanleger hat wenig davon.

Mehr als 50 Prozent Steuerlast

Steuerlast von mehr als 50 Prozent

Bei deutschen Aktionären wird von dem Dividendensegen der geringste Teil ankommen - wenn es bei den Steuerplänen der Bundesregierung bleibt. Ab 2009 soll das Halbeinkünfteverfahren fallen und die gesamte an den Anleger gezahlte Dividendensumme steuerpflichtig werden: Unternehmen sollen zwar weniger Steuern zahlen, doch im Gegenzug kassiert der Fiskus beim Anleger mehr Geld.

Dies bedeutet nicht nur eine Rückkehr zur Doppelbesteuerung (auf Unternehmens- und auf Anlegerebene), sondern heißt auch, dass Risikopapiere wie Aktien künftig stärker besteuert werden als risikolose Zinspapiere. Wer deutschen Unternehmen durch Anteilskauf Eigenkapital zur Verfügung stellt und das Risiko von Kursverlusten auf sich nimmt, soll mehr Steuern zahlen.

Beispiel: Bislang bleibt die Hälfte der gezahlten Dividende für den Anleger steuerfrei, da das Unternehmen sie ja aus bereits versteuertem Gewinn ausschüttet. Ab 2009 sollen von 100 Euro Unternehmensgewinn zunächst rund 30 Prozent Unternehmensteuer (Körperschaftsteuer plus Gewerbesteuer) an den Staat fließen.

Auf die danach ausgezahlte Dividende werden noch einmal 25 Prozent Abgeltungsteuer fällig. Sollte ein Unternehmen seinen Gewinn komplett an die Anteilseigner ausschütten, kämen von 100 Euro Vorsteuergewinn noch 52,50 Euro beim Aktionär an. Kommen Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer hinzu, bliebe von 100 Euro weniger als die Hälfte übrig, die Gesamtsteuerlast auf Dividenden betrüge mehr als 50 Prozent.

Dividendenkönige attraktiv - für den Rest der Welt

Dividendenkönige im Dax verlieren auf diese Weise an Attraktivität - zumindest für einen deutschen Privatanleger mit einem Steuersatz zwischen 25 und 30 Prozent. Ausländische Investoren werden sich dagegen weiterhin über die steigenden Ausschüttungen der Dax-Unternehmen freuen und wie im Fall Deutsche Börse den Druck erhöhen, dass genug Geld fließt.

"Der Einfluss ausländischer Investoren auf deutsche Aktiengesellschaften wird weiter zunehmen, wenn man dividendenstarke Papiere für den deutschen Privatanleger steuerlich so stark belastet", warnt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Auch Stratege Körndl sieht die Gefahr, dass sich mit den deutschen Privatanlegern eine wichtige Anlegergruppe noch stärker als bisher aus Aktien zurückzieht.

"Doch selbst mit der geplanten neuen Steuerbelastung bieten Aktien die höchste Langfristrendite. Privatanleger haben deshalb Grund, Dividendenpapieren die Treue zu halten", sagt Körndl. Für die meisten kurzfristig orientierten Anleger bis hin zu Daytradern biete die Abgeltungsteuer sogar eine Entlastung, da kurzfristige Spekulationsgewinne nur noch mit 25 Prozent besteuert werden.

Ausschüttung: Rückkehr des Geizes?

Ausschüttungspolitik: Rückkehr des Geizes?

Die steigende Steuerlast auf Dividenden könnte sich auch auf die künftige Ausschüttungspolitik der Unternehmen auswirken.

Szenario 1: Die Konzerne reichen ihren Steuervorteil zum Teil an den Anleger weiter, indem sie ihre Dividende stärker erhöhen. "Viele Unternehmen dürften diesen Weg gehen - der Trend geht in Richtung höhere Ausschüttung", meint Schallenberger. Die höhere Dividende sei jedoch vor allem durch höhere Gewinne sowie durch die grundsätzliche Überlegung getrieben, die Quote zu erhöhen, ergänzt Körndl.

Szenario 2: Geiz kommt wieder in Mode. Unternehmen reinvestieren einen größeren Anteil des Gewinns, statt den Löwenanteil per Ausschüttung an den Anleger und den deutschen Fiskus abzugeben. Durch sinnvolle Investitionen könnte der Aktienkurs weiter steigen. "Je mehr Gewinn ein Unternehmen einbehält, desto stärker wird für den Anleger die Besteuerung in die Zukunft verlagert", erklärt der Essener Ökonom Reinhold Schnabel. Erst wenn der Anleger die Aktie verkauft, greift die Steuer auf die Kursgewinne: Der Steuerstundungseffekt könnte in Zusammenhang mit einem gesunden Wachstumskurs des Unternehmens dafür sorgen, dass am Ende mehr für den Anleger übrig bleibt.

Konzerne wie Adidas , die seit Jahren mit ihrer Ausschüttung knausern, bekommen damit eine Argumentationshilfe.

Änderungen im Gesetzentwurf möglich

Szenario 3: Der Gesetzgeber mindert die geplante Steuerlast auf Dividenden doch noch ab. Der Gesetzentwurf zur Unternehmensteuerreform soll im März im Finanzausschuss beraten werden: Im Vorfeld könnte besonders das Argument ziehen, dass Dividendentitel nicht stärker als Zinspapiere belastet werden sollten. "Es ist in der Tat schwer nachzuvollziehen, warum die Steuerlast auf Risikopapiere höher sein sollte als auf Bundesanleihen", sagt Wiaterek.

Wenn das Halbeinkünfteverfahren schon fallen soll, so bliebe doch zumindest die Möglichkeit, einen kleineren Anteil der Ausschüttung (zwischen 30 und 40 Prozent) steuerfrei zu stellen, heißt es aus Kreisen der Union. Man will sich ja nicht nachsagen lassen, man vertreibe die kleinen Sparer aus der Aktie.

Josef Ackermann können diese Rechenspiele unberührt lassen. Er hat der internationalen Anlegergemeinde demonstriert, dass die Deutsche Bank  einen großen Gewinnhebel besitzt. "Wir werden nicht von Deutschland bezahlt, sondern von unseren Aktionären", stellte Ackermann am Donnerstag fest. Damit sich auch der deutsche Aktionär über Ackermanns Steigerungsshow freuen kann, müssen die Finanzpolitiker noch ein paar Hebel nachstellen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel