Klimawandel Grüne Zahlen

Der Klimawandel steht nicht mehr nur auf der Agenda von grünen Aktivisten. Jetzt beschäftigen sich auch die Anlagestrategen der globalen Finanzhäuser damit. Die Citigroup benennt Gewinner der Entwicklung. Dazu gehören nicht nur Ökoaktien.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Das Thema Klimawandel ist in den Research-Abteilungen der internationalen Finanzhäuser angekommen. Akribisch bereiten sie die verschiedenen, von Wissenschaftlern entwickelten Szenarien auf, um Implikationen des Klimawandels für die Investmentstrategie ihrer Kundschaft abzuleiten.

Keineswegs sehen die Aktienexperten nur Verlierer der Entwicklung. "Wir haben 74 Unternehmen aus 21 Branchen und 18 Staaten identifiziert, die gut aufgestellt sind, um von dem Trend zu profitieren", schreibt Edward M. Kerschner von der Citigroup  in New York. Etwas zurückhaltender gibt sich John Llewellyn von Lehman Brothers  in London. Der Ökonom hat mit seinen Kollegen den Fokus der Analyse auf die makroökonomischen Aspekte gelegt.

Einig sind sich die Experten beider Häuser darin, dass der Klimawandel neben der Alterung der Gesellschaft und der Globalisierung zu den Megathemen der kommenden Jahre zählt. "Für Unternehmen ist der Klimawandel wie die Globalisierung, technologische Veränderungen und die Alterung der Bevölkerung voraussichtlich eine weitere mächtige Kraft, die unaufhaltsam das ökonomische Umfeld prägt", sagt Llewellyn. Der Megatrend Klimawandel werde regelmäßig einschneidende Bewegungen der Asset-Preise auslösen.

Über die Folgen des Klimawandels auf die Volkswirtschaften rund um den Globus herrschen unter den Wissenschaftlern noch unterschiedliche Meinungen. Fest steht, dass sich das Erdklima im vergangenen Jahrhundert um mehr als 0,6 Grad Celsius erwärmt hat. Die Unsicherheit beginnt da, wo es um Prognosen über die weitere Entwicklung der Erwärmung geht. Deshalb gibt es verschiedene Szenarien, aus denen Schätzungen über die makroökonomischen Konsequenzen, konkret der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), abgeleitet werden.

Was der Klimawandel kostet

Was der Klimawandel kostet

Nach konservativen Schätzungen kostet die Erwärmung der Erde bis zu 3 Prozent des globalen BIP jährlich, wenn die Temperatur um zwei bis drei Grad Celsius zulegt. "Wenn aber die Treibhausgaskonzentration über 550 Teilchen pro Million Luftteilchen (ppmv) steigt, dann wird die Temperatur auf über drei Grad Celsius klettern, was die ökonomischen Kosten viel stärker nach oben treiben kann", hebt der Lehman-Ökonom hervor. Zum Vergleich: Vor dem Beginn der industriellen Revolution erreichte die Treibhaus-Gaskonzentration schätzungsweise 280 ppmv. Derzeit wird der Wert auf 380 ppmv geschätzt und hat damit nach Ansicht des Experten J. Shaw das höchste Niveau in 650.000 Jahren erreicht.

Während über die volkswirtschaftlichen Implikationen noch große Unsicherheit herrscht, werden die von Regierungen und internationalen Organisationen ergriffenen Konsequenzen weltweit greifbar. "Insbesondere international operierende Unternehmen sind zunehmend Gegenstand verschiedener Emissionsregulierungen und -standards, namentlich derzeit in der Europäischen Union", konstatiert Kerschner.

Vor allem Deutschland spürt den Klimawandel in der Politik. Derzeit streiten die EU-Kommission und die Bundesregierung über die Festlegung des künftigen Emissionshandels mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten für die energieintensive Industrie. Das Instrument des Handels mit CO2-Emissionszertifikaten wird in der EU eingesetzt, um die Treibhausgasemissionen zu senken.

Die EU lege harte Bandagen an

Als einer der zentralen Auslöser des Klimawandels gilt die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Dabei gilt CO2 (Kohlendioxid) als eines der wichtigsten Treibhausgase. Das Emissionstempo hat sich in den vergangenen Jahren beschleunigt. Während es nach einer Untersuchung der Energy Information Administration in den Jahren 1980 bis 1999 durchschnittlich um 0,8 Prozent pro Jahr zunahm, ist es im Zeitraum von 2000 bis 2005 um 3,2 Prozent im Schnitt jährlich gewachsen.

"Die Verteilungskämpfe werden härter", konstatiert der Emissionshandelsexperte von Deutsche Bank Research, Eric Heymann. Die EU lege harte Bandagen an, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Bereits im November vorigen Jahres hatte Brüssel von Deutschland gefordert, das Emissionsziel auf 453 Millionen Tonnen und damit um 6,6 Prozent gegenüber den Emissionen von 2005 zu reduzieren.

"Das war ein Paukenschlag", sagt Heymann. Die Regierung hat 467 Millionen Tonnen für den Zeitraum 2008 bis 2012 vorgeschlagen. Zudem plant Brüssel Vorschriften für klimafreundlichere Autos, indem verbindlich strengere Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen vorgeschrieben werden sollen. Dagegen läuft die Autoindustrie Sturm.

Wer vom Trend profitiert

Wer vom Trend profitiert

Das Schlüsselrisiko bei der Beurteilung der Implikationen aus dem Klimawandel für die Aktien ist nach Ansicht der Analysten der Citigroup das Handeln von Regierungen und Regulierungsbehörden. Die Branchen, die im Fokus der Politik stehen, überraschen nicht. "Angesichts der vergleichsweise großen Bedeutung für die Treibhausgas-Emissionen ist die Aufmerksamkeit der Politik auf die Energieversorger, die Automobilindustrie, die integrierten Öl- und Gasunternehmen sowie die Zementindustrie konzentriert", hat Llewellyn von Lehman Brothers herausgefunden.

Für die Sektoren Versicherungen, Pharmazeutik, Immobilien und Bau sei zwar die Sensibilität für regulatorische Änderungen vergleichsweise gering. Dafür aber würden die Unternehmen dieser Branchen voraussichtlich am stärksten von den physischen Auswirkungen der Klimaänderung wie Überschwemmungen oder Hurrikans getroffen werden.

Die Citigroup hat bereits eine Liste derjenigen Aktien aufgestellt, die sie als Gewinner des Klimawandels sieht. Darunter sind gleich mehrere deutsche Vertreter der erneuerbaren Energien. Dazu gehört der größte Solar-Fotovoltaikhersteller Conergy . Das Unternehmen profitiere von den kräftig steigenden Solarkapazitäten. Q-Cells  sei der weltweit führende Hersteller von Solarzellen, und Solarworld  profitiere von seiner Aufstellung als integriertes Solarenergieunternehmen.

Aus dem Dax heben die Analysten der Citigroup überraschenderweise den Versorger RWE  hervor. "RWE emittiert zwar 90 Millionen Tonnen Kohlendioxid, was 10 Prozent des gesamten deutschen Ausstoßes entspricht", heißt es. Aber RWE profitiere von den hohen Windfall-Profits beim EU-Emissionshandel. Sie entstehen dadurch, dass die Emissionszertifikate an die am Handel beteiligten Anlagenbetreiber kostenlos verteilt wurden. Als zweiten Dax-Wert hebt die Citigroup Siemens  heraus. Siemens sei stark im Atomkraftwerksbau und treibe die Kohlevergasungstechnologie voran.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.