Lebensversicherer "Garantien fallen nicht vom Himmel"

Lebensversicherte entscheiden sich immer häufger für eine Fondspolice. Im Interview erläutert Norbert Ras die Vor- und Nachteile dieses Investments. Der Deutschlandchef des britischen Versicherers Legal & General erklärt, was Verbraucher bei der Auswahl beachten sollten und geht mit der Branche hierzulande hart ins Gericht.

mm.de: Herr Ras, die Statistik zeigt, Verbraucher fragen fondsgebundene Lebensversicherungen immer stärker nach. Warum?

Ras: Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind viele Verbraucher enttäuscht über die Wertentwicklung ihrer konventionellen Policen. Im Marktschnitt beträgt die Gesamtverzinsung in diesem Jahr 4,25 Prozent vor Kosten. Je nach Anbieter dürfte die Verzinsung nach Kosten zwischen 2,5 und 3 Prozent liegen. Manche Versicherer schaffen gerade noch die Inflationsrate. Das spricht sich unter Verbrauchern herum. Zum anderen beflügelt ein starkes prozyklisches Denken die Nachfrage nach fondsgebundenen Produkten. Wenn die Börsen über Jahre kontinuierlich steigen, will auch der Versicherte davon profitieren. Schließlich darf man die Rolle der Anbieter bei dieser Frage nicht unterschätzen.

mm.de: Inwiefern?

Ras: Versicherern wird zusehends schmerzhaft bewusst, dass Garantien Geld kosten, das sie bei reinen fondsgebundenen Policen weitgehend einsparen könnten. Deshalb haben die Anbieter selbst ein Interesse daran, das Neugeschäft verstärkt in den Bereich der Fondspolicen zu verlagern.

mm.de: Die Mehrheit der deutschen Versicherten verlangt Garantien. Welche Chancen räumen Sie risikoreicheren Fondspolicen auf dem deutschen Markt langfristig ein?

Ras: Lassen Sie mich zuvor mit einer Fehleinschätzung aufräumen. Es gibt kein risikofreies, langfristiges Altersvorsorge-Investment. Diese Annahme ist naiv. Der Kunde ist immer den Unwägbarkeiten des Kapitalmarktes ausgesetzt. Wer vor 15 Jahren eine konventionelle überschussbeteiligte Police abgeschlossen hatte, der startete mit einer Gesamtverzinsung von 7 Prozent und mehr. Jetzt sind es besagte 4,25 Prozent. Dieser Kunde hat das Kapitalmarktrisiko also ebenso zu spüren bekommen ...

mm.de: ... konnte aber im Gegensatz zu Aktienanlegern und Fondspolicenbesitzern immerhin auf den Ertrag seines garantiert verzinsten Sparguthabens zurückblicken.

Ras: Richtig.

mm.de: Welche Chancen räumen Sie der Fondspolice nun ein?

Ras: Solange die Investmentkultur der Privatanleger so entwickelt ist wie derzeit, sehe ich die ungesicherte Fondspolice nicht als Massenprodukt. Das sage ich, obwohl Legal & General eine solche Police anbietet. Ich sehe diese Versicherung als probate Strategie für den renditeorientierten Investor, dem zugleich die Leistungsgrenzen einer konventionellen Anlagestrategie eines Lebensversicherers klar sind. Dem auch klar ist, dass Garantien nicht kostenfrei vom Himmel fallen.

Der weniger risikofreudige Anleger wird eine Fondspolice eher als zusätzlichen Baustein zur Optimierung seines Altersvorsorge-Portfolios begreifen. Auch ich gehe indes davon aus, dass Garantien in der Breite des deutschen Marktes weiterhin stark gefragt sein werden.

mm.de: Diesem Sicherheitsbedürfnis tragen Anbieter dergestalt Rechnung, dass sie fondsgebundene Rentenversicherungen mit Garantien anbieten. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ras: Das einfachste Modell, das dieses Bedürfnis abbildet, sind Hybridprodukte. Bei diesen Policen kann am Ende der Laufzeit nicht weniger herauskommen als der Sparer eingesetzt hat. Das ist im Kern eine Beitragsgarantie. Sie wird dadurch gewährleistet, dass ein Teil des Beitrages in die konventionelle Kapitalanlage des Versicherers fließt, um am Ende mit dem Garantiezins die eingezahlten Beiträge darstellen zu können.

"Alter Wein in neuen Schläuchen"

mm.de: Womit ein Teil des Versichertengeldes in renditeschwächeren Analageformen gebunden ist.

Ras: Nicht nur ein Teil. Bei kürzeren Vertragslaufzeiten benötigt ein Anbieter bis zu 80 Prozent des Versichertenbeitrages, um allein die Beitragsgarantie darstellen zu können. Dieses Verhältnis zeigt deutlich, dass eine Garantie kein kostenfreies Bonbon sein kann. Aus vertriebspolitischen Gründen wird das aber nur selten kommuniziert und ist daher den wenigsten Verbrauchern bekannt.

mm.de: Was halten Sie von Fondspolicen, die eine bestimmte Rentenhöhe zusagen?

Ras: Auch hier muss sich der Verbraucher darüber im Klaren sein, dass garantierte Renten ein erheblicher Renditefresser sind. Wenn er das weiß und akzeptiert, gibt es Nichts dagegen einzuwenden. Mich stört aber, dass viele Anbieter darüber nur unzureichend oder gar nicht aufklären. Ich glaube indes, dass über einen Zeithorizont von mehreren Jahrzehnten diese Garantien überflüssig sind. Der Nachteil der Kosten ist größer als der Vorteil der Garantie.

mm.de: Das Leben eines Versicherten verläuft nicht immer geradlinig. Mitunter benötigt er plötzlich Geld, etwa bei Arbeitslosigkeit. Wie weit ist es hier mit der Flexibilität herkömmlicher Produkte bestellt?

Ras: Im vergangenen Jahr hat die Branche das Thema Flexibilität für sich sehr stark entdeckt. Das war in jedem zweiten TV-Werbespot zu sehen. Hier wird aber vielfach alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Da wird zum Beispiel eine Beitragspause von bis zu zwei Jahren angeboten. Die gab es schon vorher und hat vor allem einen steuerrechtlichen Hintergrund. Mitunter werden auch variable Beitragshöhen angeboten. Von einer wirklichen Beitragsflexibilität kann aber nur sehr selten die Rede sein.

mm.de: Warum tun sich Versicherer hier so schwer?

Ras: Das hat mit der Vertriebsstrategie der Unternehmen zu tun. Die Provision eines Vermittlers berechnet sich üblicherweise nach der Beitragssumme, also den gesamten Beiträgen der erwarteten Vertragslaufzeit. Demnach kann es nicht im Vertriebsinteresse eines Anbieters sein, wenn der Verbraucher zu sehr von seiner Beitragsflexibilität Gebrauch macht.

Darüber hinaus gehört für mich zur Flexibliltät eine barrierefreie Verfügbarkeit des Sparguthabens. Ist meine Geldnot womöglich so groß, dass ich unter Inkaufnahme steuerlicher Nachteile sogar den Vertrag kündigen muss, dann sollte man mich nicht noch mit einem erheblichen Stornoabzug bestrafen. Solche Produkte aber, die eine weitgehende Beitragsflexibilität aufweisen und zusätzlich auf Stornoabzüge verzichten, sind äußerst selten am Markt.

"Flexible Verträge sehen anders aus"

mm.de: Wie sollte also ein Vertrag aussehen, der möglichst vielen Lebenslagen Rechnung trägt?

Ras: Er sollte die Option verschieden hoher Beiträge beinhalten. Flexibel sollte auch die Laufzeit sein, damit sich der Versicherte nicht schon heute entscheiden muss, ob er seinen Vertrag in 20 oder 35 Jahren in Anspruch nehmen möchte. Zudem sollte der Verbraucher seinen Vertrag auch zu fairen Bedingungen kündigen können.

mm.de: Diese Flexibilität dürfte Geld kosten und die Produkte verteuern.

Ras: Zweifelsohne, Dienstleistungen dürfen ja auch Geld kosten. Man sollte das nur klar kommunizieren und transparent machen.

mm.de: Der steuerliche Aspekt bei der Wahl einer Versicherung ist nicht unerheblich. Wie sieht das hier bei einer fondsgebundenen Police aus?

Ras: Ein Aspekt, der in der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen wird, ist die Tatsache, dass bei einer fondsgebundenen wie auch einer herkömmlichen Rentenpolice sämtliche Erträge steuerfrei bleiben, wenn das Guthaben verrentet wird.

mm.de: Wie liegt der Fall bei der Kapitalauszahlung?

Ras: Bei einer Kapitalauszahlung aus einer Versicherungspolice, die nach dem 31. Dezember 2004 abgeschlossen worden ist, sind die Erträge komplett der Steuer zu unterwerfen. Es sei denn, es greift das sogenannte Halbeinkünfteverfahren. Das heißt, ist der Vertrag mindestens zwölf Jahre gelaufen und hat der Versicherte das 60. Lebensjahr vollendet, dann ist lediglich die Hälfte der Erträge der Fondspolice mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern. Letzteres ist natürlich nachteilig gegenüber dem alten Recht, wo für Versicherungen, die vor dem vor diesem Stichtag abgeschlossen wurden unter bestimmten Bedingungen alle Erträge steuerfrei waren.

Man sollte dabei aber nicht den Effekt der sogenannten Steuerstundung unterschätzen. Dass ich also meine Steuer nicht von Jahr zu Jahr entrichten, sondern sie erst in 30 Jahren zahlen muss. In diesen Jahren hat der Verbraucher nämlich zum einen den Zinseszinseffekt steuerfrei in Anspruch nehmen können. Zum zweiten hat der Verbraucher im Alter oft einen deutlich niedrigeren Steuersatz.

"Die Kosten sind nicht transparent"

mm.de: Welche Rolle spielt die geplante Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge bei einer fondsgebundenen Lebensversicherung?

Ras: Wir müssen zunächst festhalten, das es dazu noch keinen öffentlich zugänglichen Gesetzentwurf gibt. Aus ministeriumsnahen Kreisen heißt es, dass Versicherungsprodukte und damit auch Fondspolicen nicht von der Abgeltungsteuer erfasst werden sollen. Eine in diesem Zusammenhang inoffizielle Liste von Investmentvehikeln erwähnt Versicherungsprodukte jedenfalls nicht. Das bedeutet nicht, dass dies der letzte Stand der Dinge ist.

mm.de: Für Erträge von Kapitallebensversicherungen mit zwölf Jahren Laufzeit und Auszahlung ab dem 60. Lebensjahr soll künftig der halbe Abgeltungssteuersatz gelten, heißt es. Gilt dies analog für Fondspolicen, stünde der Versicherte künftig besser da, denn der persönliche Steuersatz im Rentenalter dürfte sicher über 12,5 Prozent liegen.

Ras: Sollte es tatsächlich so kommen, wäre das in der Tat ein Vorteil. Es wäre womöglich sogar eine relative Besserstellung gegenüber herkömmlichen Fondsprodukten, deren Kursgewinne jenseits der Spekulationsfrist bislang steuerfrei waren und künftig mit dem vollen Satz der Abgeltungsteuer von 25 Prozent belastet werden sollen.

mm.de: Bei einer Lebensversicherung zahlt der Versicherte zum Beispiel Abschlusskosten für den Vermittler. Mit welchen Kosten muss der Versicherte bei einer Fondspolice rechnen?

Ras: Auch auf die fondsgebundene Versicherungspolice entfallen Abschluss- und Verwaltungskosten des Versicherers. Bei der Fondspolice gibt es daneben eine zweite Kostenebene, nämlich die des Fondsanbieters. Das sind zum einen die Ausgabeaufschläge und zum anderen die Verwaltungskosten des Fonds. Letztere können durchaus bei 1,5 Prozent des verwalteten Guthabens im Jahr und höher liegen. Schließlich fallen Wertpapiertransaktionskosten an, die kein Fondsanbieter offenlegt. Diese können sich auf 0,5 bis 1 Prozent des Fondsvolumens im Jahr belaufen.

mm.de: Wie machen Anbieter von Fondspolicen diese Kosten transparent - etwa in Beispielrechnungen für Ablaufleistungen?

Ras: Überhaupt nicht.

mm.de: Warum nicht?

Ras: Ich kann mir das nur damit erklären, dass Versicherer Nachfragen von Verbrauchern und Vermittlern fürchten. In einer Kultur der Intransparenz, die wir in der Finanzbranche in Deutschland immer noch haben, gibt es aus Sicht der Unternehmen offenbar keinen Grund, mehr Offenheit an den Tag zu legen als nötig, um noch im Geschäft zu bleiben.

"Die richtige Wahl bleibt sehr schwer"

mm.de: Wie kann der Verbraucher unter diesen Vorzeichen Fondspolicen vergleichen?

Ras: Das ist in der Tat ein Problem. Ratings unabhängiger Anbieter sind hier sicherlich eine Hilfe. Doch fünf Sterne für eine Police bedeuten nicht notwendigerweise, dass dieses Produkt auch meinem Bedarf entspricht. Und mit Blick auf die Transparenz gilt: So lange es keine Beispielrechnung mit voller Kostentransparenz gibt, weil die Branche daran kein Interesse hat, solange bringt hier nur beharrliches Nachfragen Klarheit.

Darüber hinaus sollte der Verbraucher bei der Auswahl einer Police darauf achten, dass die an den Vertrag gekoppelten Fonds langjährig gut gelaufen sind. Will der Versicherte diese mühselige Arbeit nicht leisten, kann er sich auch für ein Index-Investment entscheiden. Die Wahl der richtigen Police bleibt leider auf absehbare Zeit sehr schwer.

mm.de: Der Kunde hat sich für eine Fondspolice entschieden. Wie sollte er seinen Beitrag auf die verschiedenen Fondsgattungen verteilen?

Ras: Steht der Versicherte noch am Anfang seines womöglich 30 Jahre andauernden Vorsorgehorizontes, dann spricht aus meiner Sicht nichts gegen ein starkes Aktieninvestment. Er sollte sich dabei nicht davon irritieren lassen, dass ein Aktienfonds auch mal ein oder zwei Jahre schwach abschneidet. Auf einen langen Anlagezeitraum gleicht sich das aus, sind Wertschwankungen vernachlässigenswert. Etwa zehn Jahre vor Auslaufen des Vertrages sollte der Verbraucher konservativer zu Werke gehen, also Rentenpapiere und Geldmarktfonds beimischen und ganz zum Schluss möglichst keine Aktienfonds mehr im Portfolio halten.

mm.de: Das neue Versicherungsrecht VVG bereitet der Branche unter anderem wegen der Mindestrückkaufswerte und der garantierten Rückkaufswerte erhebliche Kopfschmerzen. Inwieweit sind fondsgebundene Policen davon betroffen?

Ras: Mit Blick auf den geforderten Mindestrückkaufswert bei früher Kündigung muss ebenso jeder Fondspolicen-Anbieter seine Abschlusskosten auf die ersten fünf Jahre verteilen. Das ist für manche Marktteilnehmer schon schmerzhaft genug. Mehr als das muss die reine Fondspolice ohne Garantien aber nach dem VVG-Entwurf nicht erfüllen. Wenn in den Versicherungsbedingungen explizit keine Garantien ausgesprochen werden, sind auch keine garantierten Rückkaufswerte auszuweisen.

mm.de: Warum sollte der Verbraucher nicht gleich direkt in einen Aktienfonds investieren, anstatt in eine Fondspolice ohne Garantien?

Ras: Diese Frage ist völlig legitim und geht unter den gegenwärtigen steuerlichen Rahmenbedingungen oft zu Ungunsten der Fondspolice aus - es sein denn, die Police wird verentet. Eine Fondspolice ist wegen ihres Versicherungsmantels in der Regel erheblich teurer als ein Fondsdirektinvestment. Für Legal & General trifft das nicht zu. Wir verkaufen in Deutschland unsere Produkte primär im Direktvertrieb und haben damit erhebliche Kostenvorteile. Der Kunde zahlt für die komplette Dienstleistung 1 Prozent vom Guthaben pro Jahr. Bei den meisten Fonds liegt bereits die Verwaltungsgebühr höher.