MDax Gipfel in Sicht

Der deutsche Mittelwerteindex MDax lässt den großen Bruder Dax seit Jahren hinter sich. Jetzt ist sogar die 10.000-Punkte-Schwelle in Sicht. Wann ist Schluss? Für die technische Analyse erobert der Index Neuland. Dennoch liefert die Charttechnik nützliche Hinweise.

Hamburg - Mittelwerte geben den Börsenexperten Rätsel auf. Seit Jahren läuft der MDax , der die Werte deutscher Aktiengesellschaften aus der zweiten Reihe enthält, entgegen den meisten Vorhersagen besser als die Schwergewichte im Dax . Scheinbar unaufhaltsam eilt der Index von einem neuen Allzeithoch zum nächsten. Zum Jahreswechsel schloss er mit 9405 Punkten und nähert sich nun der 10.000-Punktemarke.

Die Auguren versuchen, das Geheimnis der Mittelwerte zu lüften. Ist es die zu neuem Leben erwachte Old Economy - Stahl von Salzgitter , Kupfer von der Norddeutschen Affinerie , Motoren von Deutz ? Sind es große Markennamen wie Puma  oder Beiersdorfs Nivea-Creme? Ist es die wachsende Liquidität, die Fondsmanager dazu drängt, jenseits der großen Namen im Dax nach Anlagemöglichkeiten zu suchen?

Wieland Staud hat eine einfache Erklärung. "Wir haben dem Trend noch nie sein Ende signalisiert", sagt der Leiter der Bad Homburger Staud Research. Demnach erklärt das Wachstum des Index sich selbst: Die Kurse steigen weiter, weil sie bisher schon gestiegen sind. Fundamentale Indikatoren wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis spielen für Staud keine Rolle. Jedenfalls lässt er sie in seiner Analyse bewusst außen vor.

Staud ist ein Exponent der technischen Analyse, die manche Analysten - die große Mehrheit der fundamental orientierten Kollegen, wie er selbst meint - als etwas esoterische Scheinwissenschaft abtun. Aus den Charts könne ein Anleger allenfalls Hinweise für das Timing zum Ein- und Ausstieg gewinnen. "Wir haben reichlich bewiesen, dass man mit technischer Analyse auch mittelfristige Vorhersagen treffen kann", hält Staud dagegen.

Manche seiner Hinweise mögen tatsächlich banal klingen. "The trend is your friend", nennt Staud als wichtigste Regel der technischen Analyse. Das soll besagen, dass die Marktakteure die jüngste Entwicklung eines Kurses in die nahe Zukunft fortschreiben. Gleich, ob es nach oben oder unten geht - je eindeutiger sich ein Trend beschreiben lässt, desto größer ist der Effekt, dass er sich selbst verstärkt. Für den MDax heißt das, dass er seit dem Frühjahr 2003 mit einem jährlichen Wachstum von etwa 1000 bis 2000 Punkten entlang einer annähernd geraden Linie aufwärts strebt.

Andere Grundregeln, die dafür sorgen, dass auch der stabilste Trend irgendwann einmal bricht, sind dem gesunden Menschenverstand entlehnt. "Kein Baum wächst in den Himmel", erklärt Staud obere Wendepunkte einer steilen Kurve. "Andererseits fällt nichts ins Bodenlose." Gerade das scheinbar Banale an diesen Sätzen finden technische Analysten besonders plausibel. Schließlich geht es um eine Psychologie der Märkte. "Menschen sind stark von Emotionen geprägt. Für Börsianer gilt das noch stärker als im Alltag", meint Staud. "Gier und Angst sind treibende Kräfte." Daher spielten Erfahrungswerte eine große Rolle.

Der MDax kennt keinen Widerstand

Der MDax kennt keinen Widerstand

Doch an welchem Punkt droht der MDax-Baum in den Himmel zu wachsen? Um solche möglichen Wendepunkte vorher zu erkennen, suchen Charttechniker nach Widerstandslinien - Höhen, an denen sich die Linie zuvor schon einmal gebrochen hatte, also frühere Allzeithochs. Für den Dax etwa würde die Luft dünn, wenn er eines Tages wieder in die Nähe des Rekordstands vom 7. März 2000 (8064 Punkte) gelangen sollte. An solchen Punkten rechnen technisch orientierte Analysten damit, dass viele Anleger mit Blick auf die Erfahrung kalte Füße bekommen.

Für den MDax jedoch gibt es keine solche Widerstandslinie, weil er in unbekanntem Terrain unterwegs ist. Staud behilft sich mit einem anderen Erfahrungswert. "Wenn ein Index ein neues Allzeithoch erreicht, ist die Erwartung, dass wir noch 5 bis 10 Prozent zulegen." Die Akteure billigten dem Markt einen Bonus zu, weil er etwas Neues geschafft hat - und eben nicht an der Widerstandslinie gescheitert ist. Das war Mitte Dezember 2006 der Fall, als der MDax sein im Mai erreichtes bisheriges Allzeithoch von 9157 Punkten schnitt. Von dieser Basis aus könnte der Kurs wegen seiner Stabilität noch 10 Prozent zulegen, bevor es wieder abwärts geht. Dann würde er gut 10.000 Punkte erreichen. "So lautet auch unser Kursziel für den MDax", sagt Staud.

Für dieses Kursziel spricht aus Sicht der Charttechniker außerdem, dass es eine runde Zahl ist. In Börsenberichten werden solche Marken oft als "magisch" beschrieben. Natürlich hat Chartanalyse keineswegs etwas mit Zahlenmystik zu tun, doch der Grund für die besondere Rolle der runden Zahlen ist einfach: Sie fallen auf. "Man will es einfach gesehen haben", beschreibt Staud die Anziehungskraft solcher Hürden und vergleicht Anleger mit Bergsteigern. "Wenn das Gipfelkreuz in Reichweite ist, gibt man nicht auf."

Danach, so Staud, könne man dann beruhigt wieder bergab steigen. Deshalb wäre er "froh, wenn wir die 10.000 erreichen". Dafür ist er schon jetzt für den Fall gewappnet, dass es wieder abwärts geht. Seine Chartanalyse liefert Hinweise, an welchen Punkten sich entscheidet, ob der Kurs nur kurzfristig innerhalb einer Wachstumsphase korrigiert wird oder ob er noch weiter fällt. Als erste Linie nennt Staud den seit dem Tief von Juni 2006 neu entstandenen kurzfristigen Aufsetztrend. Der verläuft etwas steiler als die langfristige Entwicklung und liegt derzeit bei etwa 9200 Punkten. Solange der Kurs nur bis zu dieser Linie falle, sei das schnelle Wachstum nicht gefährdet. Außerdem habe sich das alte Allzeithoch von 9157 Punkten, seit es überschritten wurde, von einer Widerstands- zu einer Unterstützungslinie gewandelt. Statt nach oben begrenzt diese Marke den Kurs nun nach unten. "Das wäre die erste Rückzugszone. Sollten wir die unterschreiten, sieht es schlecht aus", sagt Staud.

Die entscheidende Grenze schließlich sieht Staud im langfristigen Trend, dem der MDax seit knapp vier Jahren folgt. Wenn dessen untere Begrenzung unterschritten werde, "gehen die Warnlampen an". Der Bruch eines langfristigen Trends habe viel größere Auswirkungen als der eines kurzfristigen Trends. Doch "momentan haben wir da keine Signale", beruhigt er. Zunächst steht die Aufwärtsbewegung im Vordergrund. Da nur noch rund 300 Punkte, weniger als 5 Prozent, bis zum 10.000er-Gipfel fehlen, könne das Ziel zügig erreicht werden, meint Staud. "Im Winterquartal wäre jedenfalls ideal." Danach legen die meisten Unternehmen ihre Bilanzen vor - und üben damit doch wieder einen fundamentalen Einfluss auf den Chart aus, der technische Argumente schlägt.

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